LUZERN: Jetzt steht KKL-Orgel ganz im Zentrum

Ein mobiler Konzert-Spieltisch und die Elektrifizierung des Instrumentes machen es möglich: Die zwei Jahre nach der Konzerthaus-Eröffnung erbaute Orgel erstrahlt optisch und akustisch in neuer Pracht.

Fritz Schaub
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Eine neue Freiheit: Christian Schmitt weiht den mobilen Spieltisch der KKL-Orgel ein. (Bild: Dominik Wunderli (3. Oktober 2017))

Eine neue Freiheit: Christian Schmitt weiht den mobilen Spieltisch der KKL-Orgel ein. (Bild: Dominik Wunderli (3. Oktober 2017))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Vorbei ist die Zeit, in der auch der Spieler der KKL-Orgel mit dem Rücken zum Publikum und fernab von diesem die Königin unter den grossen Instrumenten spielt. Am Dienstagabend schlug die Stunde der Wahrheit, als der deutsche Organist Christian Schmitt, ein international bekannter Virtuose, am Spieltisch ganz vorne auf der Orchesterbühne nach einer zweitägigen Vorbereitung in die Tasten griff und den ersten Satz der Orgelsinfonie Nr. 6 von Charles Wider spielte.

Schon optisch fügt sich der neue Spieltisch hervorragend in den Konzertsaal ein. In der Form ist er leicht gewölbt entsprechend der Wölbung des Konzertsaals, besteht aus Kirschholz und ist weiss – genau wie der Salle blanche Jean Nouvels. Der Korpus ist kompakt und elegant gegliedert, und die zahlreichen Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet. Der äussere Eindruck ist betont einfach.

Es funktioniert mit oder ohne Orchester

An zwei Stellen auf dem Orchesterpodium kann das entsprechende Netzwerkkabel, das die elektrische Übertragung der Impulse über Magnetschalter für die Öffnung der Luftventile ermöglicht, angeschlossen werden. Der Organist hat dadurch sowohl beim Vorbereiten der unterschiedlichen Registrierungen wie auch im Konzert eine realistische Klangkontrolle (vergl. Ausgabe vom 29. September).

Auch der Kontakt zum Dirigenten, zu den Mitmusikern und zum Publikum ist deutlich verbessert. Wird der Spieltisch ins Orchester integriert, wird er links hinten, wo gewöhnlich die Perkussionsinstrumente und das Klavier sind, aufgestellt und umgedreht, sodass der Organist den Blick zum Dirigenten hat. Aber eingeweiht wurde der Spieltisch vor einer im Parterre und auf dem ersten Balkon locker verteilten Besucherschar mit einem einstündigen Orgelrezital. So stand der Spieltisch ganz allein auf dem Orchesterpodium und konnte von allen Seiten bestaunt werden.

Christian Schmitt, der seit drei Jahren bei den Bamberger Symphonikern unter dem Jonathan-Nott-Nachfolger Jakub Hrusa als Principal Organist wirkt, ging mit dem ersten Satz (Allegro) aus der Orgelsymphonie Nr. 6 aus dem Jahr 1878 von Charles-Marie Widor (1844–1937) gleich voll aufs Ganze und machte dem Komponisten alle Ehre. Dieser hatte sich von Liszt, den er in Paris ausgiebig spielen hörte, inspirieren lassen. Er hatte mit der Cavaillé-Coll-Orgel in Saint-Sulpice, wo er 64 Jahre lang wirkte, auch das Instrument zur Verfügung, das ihm einen orchestralen Reichtum ermöglichte, wies es doch 100 Register auf, also einige mehr als die KKL-Orgel mit ihren 66 Registern (und immerhin 528 Tasten und 4387 Pfeifen).

Doch die Phonstärken, die Schmitt am Instrument entwickelte, machten deutlich: Niemand mehr muss befürchten, die KKL-Orgel sei zu leise und oder habe zu wenig Kraft. Zu hören war auch, dass die Balance zwischen den tonstarken und den leisen, durchsichtigen Registern, stimmte. Wenn wahr ist, dass man auch mit den Augen hört, so ergibt sich nun die Möglichkeit, zu verfolgen, über welch flinke Beinarbeit ein Organist bei der Bedienung der Pedalen verfügen kann, jedenfalls wenn er Christian Schmitt heisst.

Schwerpunkt in der Romantik

Das Eröffnungswerk bekräftigte zudem den Grundcharakter des Rezitals, war es doch ganz auf die französische Orgelliteratur ausgerichtet, für welche die KKL-Orgel besonders geeignet ist und die ihren Schwerpunkt in der Spätromantik hat. Ergänzt aber wurde die expansive, orchestral wirkende Romantik durch noch immer moderne (Olivier Messiaens letztes Orgelwerk «Offrande et Alleluia final» aus dem «Livre du Saint-Sacrement» von 1984) und zeitgenössische Klänge (Daniel Roths «Joie, Douleur et Gloire de Marie» von 1990).

Christian Schmitt hat bei Daniel Roth Orgel studiert. Und so durfte man seiner Interpretation des zwischen Himmelsklängen und dissonanten Abgründen gespannten sakralen Werks besondere Authentizität zuerkennen. Bei Messiaen (1908–1992) beeindruckte die scharfe Rhythmik, mit der Schmitt immer wieder die kurz abgebrochenen Akkorde skandierte. Zur vollen klanglichen Vielfalt mit allen Höhen und Tiefen aber wuchs die meisterliche Wiedergabe der halbstündigen Fantasie und Fuge über den Choral «Ad nos, ad salutarem undam» (aus der Oper «Der Prophet» von Giacomo Meyerbeer) von Franz Liszt (1811–1886) heran. Die Zuhörer nahmen das Rezital begeistert auf und zwangen Schmitt zu einer Zugabe.

Hinweis

Seit 2013 bringen jedes Jahr international bedeutende Organisten die KKL-Orgel solistisch zum Klingen. Im nächsten Jahr werden dies wiederum Christian Schmitt (am 15. Mai beim Jubiläum 150 Jahre Orgelbau Goll), zudem Inger-Lise Ulsrud, Oslo (am 27. Februar) und Michal Makuszewski, Warschau (am 4. Juli) sein.