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LUZERN: Klanginstallation öffnet die Poren der Wahrnehmung

«Myousic» von Dimitri de Perrot und Julian Sartorius wurde im Südpol uraufgeführt. Ein akustisch-sinnliches Klangerlebnis in der gedimmten Black Box.
Julian Sartorius bei der Arbeit in Dimitri de Perrots Stück «Myousic». (Bild: PD/Augustin Rebetez)

Julian Sartorius bei der Arbeit in Dimitri de Perrots Stück «Myousic». (Bild: PD/Augustin Rebetez)

Was hören wir, wenn der Kontext des Hörens nicht den üblichen Anordnungen entspricht? Wenn auf der Bühne Klänge entstehen, aber es gleichzeitig aus andern Quellen auch im ganzen Zuschauerraum lispelt? Wie klingt es, wenn man einfach mal hinhört und nicht abhakt, was die Gewohnheit bedient? In der improvisierten Musik sind solche Erlebnisse jederzeit möglich – auch im Rahmen eines konventionellen Konzerts.

Die neuste Produktion «Myousic» des Klangkünstlers und Regisseurs Dimitri de Perrot thematisiert dieses Hörverhalten mit einer technisch aufwendigen Klanginszenierung, in welcher der (leibhaftige) Schlagzeuger Julian Sartorius eine bemerkenswerte Hauptrolle spielt. De Perrot selber hat eine ebenso ausgeklügelte Soundspur gestaltet, die mit der Anordnung von zahlreichen Lautsprecher-Bojen im Publikum phasenweise eine geradezu plastische Wirkung erzielt.

Schlichte Bühnengestaltung

Auf der abgedunkelten Bühne stand eine kleine Box, aus der heraus mit zupackender Energie getrommelt wurde. Die Rhythmen entluden sich schubweise, in den längeren Pausen dazwischen räsonierte die Resonanz der Zuhörenden, die sich zunehmend in einem punktuellen Gehüstel und Gekicher Raum verschaffte. Bis man merkte, dass der normale Räusperpegel eines durchschnittlichen Publikums, das auf sich zurückgeworfen wurde, schon längst von einer Klangspur unterwandert war.

Die schlichte Bühnengestaltung (Ingo Groher) und das Lichtdesign (Tina Bleuler) dimmten den Fokus auf das Jetzt. Die Bojen standen wie grosse Kerzen zwischen den Publikumsreihen. Bald wurde klar, dass sie nicht nur klangen, sondern auch ein seltsames Eigenleben führten, bis sie sich am Ende der Aufführung zu bewegen begannen. Jede war anders gestaltet. Ein Detail von vielen, das man leicht übersehen konnte, wo man sich doch auf Raum und Klänge eingestellt hatte.

Die technische Umsetzung dieser dichten Klanginszenierung war eindrücklich, daran besteht gar kein Zweifel. Sie ermöglichte ein Klangerlebnis, das eher verspielt war, als dass es eine radikale Erweiterung der Rezeption offenbarte.

Inhaltlich fühlten wir uns nicht ratlos, aber doch nicht so elementar berührt oder überrascht, wie man das vielleicht hätte erwarten können. Auch werbende Programmtexte der Kultur sind halt nicht vor Fallhöhen gefeit.

Immer mehr Lichtspuren

Das Stück entfaltete sich über gut eine Stunde. Es wuchs aus der Dunkelheit des Klangmysteriums und ging über eine beginnende Erhellung mit sanften Brechungen in ein voluminös-brandendes Schlagzeug-Chor-Ambient-Drone-Finale. Der Kern der Intention, das Publikum zum «elementaren Bestandteil des Abends» zu machen, schimmerte vor allem im ersten Teil des Abends auf: Spannung und Irritation knisterten im Raum, die Klangspur war zwielichtig und verlockte das Publikum zu Imaginationen. Als das Ohr allmählich zu unterscheiden lernte, zogen auch erste Lichtspuren auf der Bühne ein oder klappte plötzlich eine Wand der Black Box auf. Ein halb verdeckter Menschenkörper wurde sichtbar, der am Schlagzeug fuhrwerkte.

De Perrons Klanginstallation öffnete die Poren der Wahrnehmung mit raffiniert montierten Schnipseln aus Geräuschen, Musikmolekülen, Lacheinheiten, Applaussplittern. Sie bewegten sich wie synthetische Wesen im Raum, um an der Schwelle von Beiläufigkeit und Message unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Assoziationen traten in Interaktion mit dem Trommler auf der Bühne. Man hat Sartorius selten so kraftvoll gehört, auch wenn er, mit allerhand zusätzlichen Objekten präpariert, wie immer spielte. Nicht minder kam sein Sound-Empfinden zur Wirkung. Einmal trommelte er mit den elektronischen Pads die Lach-Loops zum musikalischen Rhythmus.

Im zweiten Teil des Abends fielen die letzten Wände der Black Box und trat nun der sichtbar gewordene Schlagzeuger zunehmend als Solist in Erscheinung, im Dialog mit der eingespielten Klangspur. Aus dem erkenntnistheoretisch geschwängerten Summen der ersten halben Stunde wurde ein handfestes Konzerterlebnis. «Myousic» war jetzt auch ein Youtube-Video, das wir auf den Smartphones anklicken würden, hätten es die Freunde gepostet.

Beruhigend und berückend

Eine Nahtstelle des Stücks war die Performance der Cymbals, die an langen Drähten von der Decke hingen. Zunächst wie ein Bündel Mikado-Stäbe zusammengebunden, löste sich die Skulptur nach einer blitzschnellen Intervention plötzlich auf. Die Cymbals begannen in weiten Kreisen zu schwingen, um gelegentlich – kling! – zusammenzutreffen. Die Szenerie wirkte ungemein beruhigend und berückend. Plötzlich war da eine sinnliche Spur, die eine Brücke zwischen Zufall und Ereignis legte. Und sichtbar machte, was die Klangperformance im Inners­ten bewegte.

Pirmin Bossart

Weitere Aufführung: Heute Freitag,10. Juni, 20 Uhr, Südpol.

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