LUZERN: Komponist Dieter Ammann: «Ich suche nach Tiefe»

Dieter Ammann (55) unterrichtet gemeinsam mit Wolfgang Rihm am Composer-Seminar des Lucerne Festival junge Komponisten. Das Festivalmotto «Identität» wird in diesem Gefäss künstlerisch gelebt.

Katharina Thalmann
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Dieter Ammann hat nicht nur viele Werke komponiert, sondern auch bei Formationen wie dem Steven’s Nude Club Trompete gespielt. (Bild: Philipp Schmidli (Zofingen, 3. August 2017))

Dieter Ammann hat nicht nur viele Werke komponiert, sondern auch bei Formationen wie dem Steven’s Nude Club Trompete gespielt. (Bild: Philipp Schmidli (Zofingen, 3. August 2017))

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Spätestens seit Dieter Ammann 2010 Composer in Residence am Lucerne Festival war, gehören seine Kompositionen zum Kanon der internationalen Musikszene. Dabei ist er als Komponist eigentlich ein Spätberufener: Er studierte zunächst Schulmusik und Jazz, bevor er sich der Musiktheorie und der Komposition zuwandte. Parallel spielte er in diversen Formationen Trompete, Bass­gitarre oder Klavier, so zum Beispiel in Steven’s Nude Club, der Ska-Punk-Formation des legendären Luzerners Thomas Hösli.

Exzessiv und ohne Crossover

Inzwischen unterrichtet Ammann als Dozent an der Luzerner Musikhochschule Komposition – und das für Klassiker, Jazzer und Volksmusiker. «Dabei hilft mir die Erfahrung, seit meiner Kindheit ohne Scheuklappen Musik gemacht zu haben. Mein Bruder und ich haben oft mit unserem Vater improvisiert.» Erst später sei ihm bewusst geworden: «Das waren Volksmusik, Mozart und Ellington. Das befähigt mich, die jungen Komponisten in ihrer Welt abzuholen.» Was Ammann nicht will, ist ein akademisch-uniformer Stil, im Gegenteil: «Komponieren macht nur dann Sinn, wenn der Mensch zu jenen Aspekten findet, die in seinem Kern angelegt sind.»

Nimmt der Komponist, Dozent und Musiker Ammann in der Fülle seiner Tätigkeiten verschiedene Identitäten an? Er verneint, denn es gibt einen gemeinsamen Nenner: «Identität ist bei mir in allen Lebensbereichen eine gewisse Exzessivität. Wenn ich mich zu etwas entschliesse, dann wird das bis zum Schluss ausgekostet oder bisweilen halt eben erlitten.» Für jede Form dieser Exzessivität hat Ammann eine entsprechende Sprache. Das ist wohl der Grund, weshalb er keine Crossover-Musik schreibt, in der Stile und Epochen gemischt werden. Vielmehr beruft er sich in der Kunstmusik auf die Tradition: Sein jüngstes Werk «Glut» wurde 2016 vom Tonhalleorchester erfolgreich uraufgeführt und von der Kritik schon mal mit Mahler-Sinfonien verglichen. Crossover-Experimente sind Ammanns Sache nicht: «Ich würde so eher in die Breite gehen, aber ich suche nach Tiefe.»

Das stilübergreifend verbindende Element sind bei Dieter Ammann starke Energielevels. «Ob im Punk, im Jazz oder in meinen Orchesterstücken: Ich versuche immer, energetische Verläufe mittels Klang darzustellen. Sie sind alle ähnlich explosiv.» Er räumt aber ein: «Mit den Jahren kommt auch meine Adagio-Klanglichkeit langsam an die Oberfläche.» Man darf davon ausgehen, dass er damit nicht eine zuckersüsse Lindor-Seite meint: «Dann doch lieber Kirschstängeli!»

Einzigartiges Gefäss

Das Composer-Seminar des Lucerne Festival, an dem Dieter Ammann an der Seite von Wolfgang Rihm unterrichten wird, beginnt am 12. August und dauert zwei Wochen. In der ersten Woche steht der Diskurs im Zentrum: Jeder der zehn Teilnehmer stellt sich dem Plenum vor und empfängt das Feedback der anderen. «Das mache ich selbst in meinen Klassenstunden an der Musikhochschule auch so. Das lohnt sich extrem – wenn die Atmosphäre stimmt», sagt Ammann. Eine konstruktive Diskussionsbasis sei wichtig: «Als Komponist muss man sich immer auch artikulieren und offenbaren können.»

In der zweiten Woche folgen die Proben mit dem Ensemble der Lucerne-Festival-Alumni – und es prallen Welten aufeinander. Junge Komponisten, junge Musiker und junge Dirigenten sind die Akteure, die in ebenbürtiger Funktion zusammenarbeiten. Ammann weiss: «Das ist ungewöhnlich. Deswegen braucht es eine Moderation durch Wolfgang Rihm und mich. Nur so können sich diese drei unterschiedlichen Standpunkte zu einem Ganzen fügen. Das Composer-Seminar ist ein enorm spannendes und ziemlich einzigartiges Gefäss.»

Herausforderungen der Zeit

Tendenziell könnte man meinen, dass es angehenden Komponisten zunehmend schwerfällt, eine eigene Identität zu finden und zu festigen. Die ständige Verfügbarkeit von Massen an Musik, das erhöhte Tempo der Trends und der Atomisierung musikalischer Strömungen sind echte Herausforderungen. Ammann unterscheidet aber: «Wenn Personalstile angesprochen werden – und zu dieser Gruppe von Komponisten zähle ich mich selbst auch –, stimmt das. Eine Unverkennbarkeit zu kreieren, wird heute zunehmend schwieriger.»

Es gibt aber auch Komponisten, die durch die Verfügbarkeit von Mitteln zu ganz neuen Resultaten kommen: «Komponisten wie Simon Steen-Andersen sind mit all diesen verfügbaren Mitteln aufgewachsen. Sie erkennen sie einfach als Realität an. Die verfügbaren Werkzeuge benutzen sie folglich alle.» Für Ammann gibt es immer künstlerische Ansprüche, die nichts mit dem Genre oder der Sprache zu tun haben. «Es ist wichtig, dass man etwas zu sagen hat, das sich auch anderen Leuten mitteilt, sonst hat es keinen Sinn. Es gibt heute ebenso viele gute und schlechte künstlerische Resultate wie eh und je, davon bin ich überzeugt.»

Hinweis

Mittwoch, 23. August, 18.20 Uhr: «40min 5», KKL Luzern, Luzerner Saal.

Samstag, 26. August, 15 Uhr: «Identitäten 5», KKL Luzern, Luzerner Saal.

Sonntag, 27. August, 11 Uhr: «Erlebnistag – Museumskonzert 1», KKL Luzern, Kunstmuseum.