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LUZERN: Lug und Krug

Wer hat Kleists Krug zerbrochen? Die Inszenierung von Bram Jansen am Luzerner Theater reichert den Klassiker «Der zerbrochene Krug» mit alternativen Fakten an, die man so noch nie gehört hat.
Julia Stephan
Was lief da zwischen Richter Adam (Christian Baus) und Eve (Alina Vimbai Strähler)? Eves Verlobter Ruprecht (hinten: Jakob Leo Stark) kommt in der Box des Luzerner Theaters nicht dahinter. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Was lief da zwischen Richter Adam (Christian Baus) und Eve (Alina Vimbai Strähler)? Eves Verlobter Ruprecht (hinten: Jakob Leo Stark) kommt in der Box des Luzerner Theaters nicht dahinter. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Es könnte so gewesen sein. Oder so. Oder nochmals ganz anders. Die Erinnerungen der Menschen in der Video-Ouvertüre zur Inszenierung von Kleists Komödie «Der zerbrochene Krug» in der Box des Luzerner Theaters (LT) sind so bruchstückhaft, wie das Stück seine Wahrheit preisgibt. Ein Lehrer, mehrere Teenager und ein Armeeangehöriger schubsen da beim Spiel mit den Fakten Krug um Krug vor laufender Kamera von der Tischkante. Es macht plopp! Und schon ist die nächste Mutmassung gemacht, die nächste Halbwahrheit gesprochen und die nächste These in ihr Gegenteil verkehrt.

«Es geht um Männer in Machtpositionen», meint der eine. «Der Richter war bestimmt sexsüchtig», grübelt der nächste. Der Tathergang? «Alles viel zu kompliziert und viel zu lange her.» Man hat das Stück zuletzt in der Schule gelesen. Die Fakten­lage ist unsicher. Die Mutmas­sungen gross. Einer der Befragten skizziert Versionen vom Tat­hergang. Meinungen werden gemacht und als Spekulationsware angepriesen. Verschwörungstheorien liegen in der Luft.

Den Krug variantenreich zusammengekleistert

Womit wir schon mitten in Bram Jansens spannender Kleist-Bearbeitung am Luzerner Theater angekommen wären, die Kleists Krug in Varianten zusammenkleistert, für die so mancher Berater aus dem Pressestab von US-Präsident Donald Trump zu wenig Fantasie hätte.

Bezogen aufs Stück galt bislang der untrügliche Fakt: Richter Adam, der die junge Eve eines Nachts in ihrem Zimmer bedrängt und beim Sprung aus dem Fenster einen Krug zerbricht, hat sich schuldig gemacht. Dass er als Richter und Täter in Personalunion ausgerechnet über sein Vergehen richten soll, als Eves Mutter den Krug heranschleppt und ihm Eves Verlobten Ruprecht als Täter präsentiert, bringt die Handlung erst in Schwung.

Fakt ist aber auch: Beim niederländischen Regisseur Bram Jansen, der am LT bereits Ibsens «Nora» als gruppentherapeutisches Experiment aufgeführt hat, gibt es selbst über Adams Täterschaft keine Gewissheit mehr. Wo der Richter Adam bei Kleist mit einer Notlüge nach der anderen eine durchschaubare Fiktion in der fiktiven Welt der Komödie erschafft, testen die Figuren in dieser Inszenierung wie programmierte Roboter alle möglichen Szenarien aus – unter Ausblendung jeder Indizienlage. Wahr ist, was am wahrhaftigsten erscheint.

Weg mit dem Blankvers!

Erst wird der Krug im Kollektiv zerschmettert. Dann darf Wiebke Kayser als Mutter Marthe die Scherben zusammenkehren und wie eine griechische Dramenfigur atemlos über ihren Verlust lamentieren. Dann aber ist Schluss mit Kleist. Mit gelockertem Versmass – weg mit dem Blankvers! – und in modernem Deutsch (Textfassung: Hannes Oppermann) geht’s temporeich zur Sache.

Im postfaktischen Zeitalter performt jede Kleist-Figur ihre Wahrheit selbst. Allein. Die an der Wand der Theaterbox angebrachte und von dort auf den Bühnenboden überlaufende Projektionsleinwand bleibt lange das einzige Bühnendekor und markiert sämtliche vorgetragenen Standpunkte als Projektionen, die mal mehr, mal weniger überzeugen.

Es ist ein Lehrstück über die Herstellung von Glaubwürdigkeit über Bilder. Kleists Figuren reden, die Schauspieler schweigen in den Szenen, die bei Kleist längst nicht alle so vorkommen. Nur, dass man das kaum noch bemerkt, so grandios wird einem das Gehirn gewaschen. Denn der Tathergang wird in unzähligen Szenen reproduziert. Verena Lercher befragt die Figuren zum Tathergang. Wände und Türen werden auf Gabelstaplern herangeschoben, sofern sie der Glaubwürdigkeit dienen. Man spielt in Zeitlupe oder im Loop die Szene in Eves Kammer wieder und wieder, ohne dass deutlicher würde, was sich da genau zugetragen hat. Jakob Leo Stark stürmt als Ruprecht in die Kammer und sieht: Eve (Alina Vimbai Strähler) allein. Schnitt. Eve, wie sie sich auf ihren zartrosa Sneakers an Richter Adam (Christian Baus) ranmacht. Schnitt. Eve, wie sie von Adam bedrängt wird. Schnitt. Ruprecht schaut weg, oder er schaut hin. Die #MeToo-Debatte hat den Kleist eingeholt.

Krug bleibt Krug, ob kaputt oder ganz

Wo im Originalstück das Zerbrechen des Krugs die Wahrheit erst ans Licht bringt, wird er bei Jansen in verbaler Geschichtsklitterung zusammengeleimt. Da kann der Ruprecht den Krug noch so fest auf den Boden oder gegen die Wand schmeissen. In den Worten von Richter Adam bleibt er ganz. Es habe lediglich eine Transformation stattgefunden, meint der. Und: «Wir müssen versuchen, diese Veränderung zu verstehen. Was will der neue Krug uns sagen?»

Am Ende sitzt Eve vor Pressekameras und beendet die Inszenierung auf die Frage nach dem Tathergang mit Kleists vieldeutigem Lieblingswort «Ach!». Ein Wort, so anspielungsreich, dass es sämtliche Verschwörungstheorien der vergangenen fünfzig Minuten wieder aufkocht. Und mit denen entlässt uns Jansen wieder in den Alltag zurück, wo solche rhetorischen Kniffe längst Realität geworden sind.

Hinweis

«Der unzerbrochene Krug» nach H. v. Kleist. Sa, 18. 11. Derniere: 22. 12.www.luzernertheater.ch

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