Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERN: Mit der Suggestivkraft der Originale

Das Ensemble Corund und das Luzerner Sinfonieorchester verhalfen einer Messe von Willem Mengelberg über alles musikalische Rätselraten hinaus zu ergreifender Wirkung.
Historisches Ereignis: Ensemble Corund und Luzerner Sinfonieorchester vereint in der Hofkirche, Luzern. (Bild: Nadia Schärli (20. September 2016))

Historisches Ereignis: Ensemble Corund und Luzerner Sinfonieorchester vereint in der Hofkirche, Luzern. (Bild: Nadia Schärli (20. September 2016))

Das Entlehnen von Ideen und Zitaten ist in Verruf geraten, seit Politiker sich damit Doktortitel erschleichen. Dabei hatte selbst ein so begnadeter Ideenverwerter wie der Schriftsteller Umberto Eco sich erfolgreich gegen Plagiatsvorwürfe von Kollegen gewehrt mit dem Hinweis, dass auch Kunst nie bei null beginnt und ohne Fremdanleihen gar nicht zu denken ist.

Musikalisches Anschauungsmaterial dazu bot am Dienstag in der Hofkirche die «Feierliche Messe» von Willem Mengelberg, die dieser 1895 als Kapellmeister in Luzern uraufgeführt hatte. Der später berühmte Dirigent war damals 24 Jahre alt und bediente sich eklektisch bei anderen Komponisten. Das sagte im Gespräch mit unserer Zeitung der Dirigent Stephen Smith, der das Werk jetzt mit Luzerner Spitzenkräften aufführte.

Gewaltige Klangmassen dosiert eingesetzt

Die Gefahr einer epigonalen ­Zitatesammlung bannte der düster heraufdämmernde «Kyrie»-Beginn mit ei­nem grandiosen, romantischen Pathosstrom. Das auf 40 Stimmen erweiterte Ensemble Corund entfaltete eine bis in die Sopranspitzen hinein durchdringende Klangkraft, die es zuvor in Werken von Johann Baptist Hilber bewiesen hatte. Das Luzerner Sinfonieorchester, dessen Streicher das Geschehen eher begleitend grundierten, schaltete mit Bläsern eine Stufe höher, bevor das «Christe eleison» solistische Entspannung bietet. Und wie Mengelberg bei der Rückkehr zum «Kyrie» dieses mit Bewegungsimpulsen ins Hoffnungsvolle umlenkt, zeigte, wie differenziert und dosiert er die Klangmittel einsetzt.

Handwerklich gut gemachter Romantikstandard also? Das machte hier zwar, mit einem umrissscharf fokussierten, im Raum weit ausgreifenden Chorklang grossen Effekt, würde aber für eine nachhaltige Wirkung kaum reichen. Doch die Szenerie ändert sich mit dem «Gloria», dem Mengelberg eine pastoral-lichte, von Schlagzeug und Flügel impressionistisch gesprenkelte Klangwelt unterlegt.

Von da an wird diese Messe auch zum musikalischen Rätselraten: Anklänge an Bruckner konkretisieren sich zum Quasi-Zitat, einmal scheint die Musik mit Fauré ins Paradies zu entschweben, einmal bedrängt der Chor die Hörer mit Urgewalten wie aus Verdis Requiem (Orgel: Wolfgang Sieber). Das vorzügliche, aus dem Chor besetzte Solistenquartett taucht aus einem Klangbad wie aus Wagners «Rheingold» auf.

Eine Entdeckung fürs Chor-Repertoire?

Die Pointe war, dass diesen Anleihen manchmal die Prägnanz, aber nicht die Suggestivkraft der Originale fehlte. Mengelberg brachte sie zudem in einen abwechslungsreichen Ablauf. Und vermied den Eindruck eines aus Versatzstücken zusammengefügten Patchworks, selbst wo er Messe-Stereotype wie schwarze Grabesstille, Auferstehungsjubel oder Incarnatus-Entrückung einbezieht. Ja, das «Crucifixus» kam einem in der kammermusikalisch individualisierten Form ganz persönlich nahe.

Mit alledem ist das Werk mehr als ein eindrückliches Dokument. Es hat auch das Potenzial, Eingang ins Repertoire anderer Chöre zu finden, wofür die erstellte Partitur und eine DVD-Aufnahme die Voraussetzungen schaffen. Die Entdeckung, von der ein Konzertbesucher schwärmte, ist es wohl dennoch nicht. Wie man heterogene Tonfälle nicht kittet, sondern zuspitzt zur gebrochenen Collage, dürfte Mengelberg später bei seinem Freund Gustav Mahler erstaunt zur Kenntnis genommen haben. Von solcher Modernität ist diese «Feierliche Messe» dann doch weit entfernt.

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.