LUZERN: Musikalische Märchen nach Dvorák

Gemeinsam mit dem Geiger Augustin Hadelich feierte das LSO ein Dvorák-Fest im KKL. Auch eine veritable Gruselgeschichte gab das Orchester zum Besten.

Katharina Thalmann
Drucken
Teilen
Augustin Hadelich faszinierte im KKL. (Bild: Eveline Beerkircher (15. 2. 2017))

Augustin Hadelich faszinierte im KKL. (Bild: Eveline Beerkircher (15. 2. 2017))

Katharina Thalmann

kultur@luezernerzeitung.ch

Wie aus der Ferne und ganz durchsichtig hob «Die Waldtaube» zu ihrem Klagegesang an. In dieser sinfonischen Dichtung setzt Dvorák ein Märchen in Musik um: Eine junge, schöne Witwe trägt ihren Mann zu Grabe. Ihre Trauer ist nicht über jeden Echtheitszweifel erhaben, und so heiratet sie kurz darauf einen neuen Mann. Doch eine leise klagende Waldtaube löst in der Frau ein derart schlechtes Gewissen aus, dass sie sich schlussendlich in einen Fluss stürzt.

Den eröffnenden Trauermarsch dirigierte James Gaffigan mit einer feinsinnigen Mischung aus Klagemusik und Koketterie. Besonders die affektiert schluchzenden Geigen zeugten von einer reflektierten Distanz zum vertonten Stoff. In der Hochzeitsszene fielen die engagierten ersten Streicherpulte auf, und das Luzerner Sinfonieorchester interpretierte diesen böhmischen Tanz fröhlich und lustvoll. Und machte sich beim Einsatz der bedrohlich-expressiven Bassklarinette das schlechte Gewissen der jungen Witwe bemerkbar?

Wechsel in der Klanglichkeit

Von Dvorák zu Mozarts Prager Sinfonie vollzog sich ein anspruchsvoller Wechsel in der Klanglichkeit: Geriet die ausladende Einleitung etwas zu romantisierend, gelang schon das lieblich drängende Thema äusserst klassizistisch. Und beim ersten Einsatz der Pauken und Trompeten war der Mozart-Klang da – und wie!

Dass in der Sinfonie Pauken und Trompeten zum Einsatz kommen, war übrigens zu Mozarts Zeiten nicht selbstverständlich: Diese Musiker waren als Zünfte organisiert und entsprechend teuer – dies als kleine Fussnote zur unaufhaltsam nahenden Fasnacht.

Nach einem kammermusikalisch agierenden Holzregister im zweiten Satz bildete der dritte Satz mit seinen quirligen Flöten- und Oboengesten ein gelungenes Scharnier zu Dvoráks sinfonischen Dichtungen. Denn auch wenn es verfehlt wäre, bei einer Mozart-Sinfonie nach bildhaften aussermusikalischen Inhalten zu suchen, finden sich gerade im dritten Satz durchaus narrative Passagen.

Makelloser Solist

Der Auftritt des Solisten Augustin Hadelich faszinierte: Sein leuchtender Klang machte die Partitur von Dvoráks Violinkonzert lebendig; den Solopart verstand Hadelich nicht nur als Sammelsurium des böhmischen Melodieerbes, sondern auch als eine hochemotionale Partitur. Sein dichtes Legatissimo im zweiten Satz formte die folkloristischen Melodien; einfühlsam folgte Gaffigans Kommunikation mit dem Orchester den Ideen des Solisten.

Den nahtlosen Übergang zum dritten Satz verhinderte eine mittelgrosse Erkältungswelle im Saal. Die doch sehr zahlreichen Huster entlockten den Protagonisten auf der Bühne ein willkommenes Schmunzeln. Das Zusammenspiel im Orchester verdichtete sich in der Folge zunehmend. Gerade die letzte Tutti-Pause vor der überschäumenden Coda war von ungemeiner Spannung.

Solche Momente des Einrastens verschiedener Tempi und Register waren am Mittwoch immer wieder zu beobachten. Das zeugt von Risikofreudigkeit, Unverblümtheit und schneller Reaktion im Zusammenspiel. Hadelichs makellos virtuose Zugabe, Paganinis Caprice Nr. 21, offenbarte – mit Dvorák im Kurzzeitgehör – auch kantable Folkloremelodien.

Eine veritable Gruselgeschichte bildete den Höhepunkt des Dvorák-Fests: In «Die Mittagshexe» umschreibt eine liebliche Melodie zunächst ein häusliches Idyll. Eine Mutter erledigt Hausarbeiten, als ihr Kind zu quengeln anfängt. Die Mutter wird ungehalten und droht dem Kind, die Mittagshexe würde kommen und es holen. Und – die Hexe kommt.

Das liebliche Allegretto wird jäh unterbrochen durch das Erscheinen der Hexe, vertont in einem fast grotesk knorrigen und ungemein präzis gespielten Duo aus Fagott und Bassklarinette. Plötzlich überstürzen sich die musikalischen Ereignisse: Mit resoluten Chören im Blech fordert die Hexe das Kind.

Die Mutter versucht zu flüchten – wirbelnde, an den Wahnsinn grenzende Tänze brausen durch den Konzertsaal. Als der Vater nach Hause kommt, findet er seine Frau ohnmächtig, in ihren Armen das von ihr erstickte Kind.

Bildhafte Klangsprache

Auch wenn die Frauen in Dvoráks sinfonischen Dichtungen nun wahrlich nicht besonders gut wegkommen: Das LSO stellte seine hohe Affinität zur Musik des Tschechen eindrücklich unter Beweis. Dass dessen sinnlich-bildhafte Klangsprache sowohl zum Dirigenten als auch zu den Musikern ganz ausgezeichnet passt, war nicht zu überhören.