LUZERN: Nächstenliebe ist nur ein Kaffeefleck drauf

Im VorAlpentheater ist Enda Walshs Frühwerk «A Christmas Carol» zur deutschsprachigen Erstaufführung gelangt. In der Hauptrolle des Ebenezer Scrooge brilliert der Profischauspieler Alexander Seibt, den Pöbel spielen Laien von 11 bis 82.

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Im Stück hat sich eine Gruppe Laiendarsteller vorgenommen, die Geschichte dieses durch und durch bösen Menschen auf die Bühne zu bringen (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)

Im Stück hat sich eine Gruppe Laiendarsteller vorgenommen, die Geschichte dieses durch und durch bösen Menschen auf die Bühne zu bringen (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)

Von Bill Murray über Jim Carrey bis zu den Muppets - allein als Spielfilm ist Charles Dickens «A Christmas Carol» über 100 Mal variiert worden. Für die Bühne hat unter anderem der preisgekrönte irische Dramatiker Enda Walsh 1994 eine Version erarbeitet, zwei Jahre, bevor ihn «Disco Pigs» bekannt machte.

In seiner Variante, wie sie Katharina Cromme in Luzern inszeniert, ist Scrooge nicht das verhärmte, hässliche Männchen, das man aus vielen anderen Versionen kennt, sondern ein cooler, geschniegelter Geschäftsmann, der sich an jedem Cüpli-Event gut machen würde. Sein Lebensmotto ist: Das Leben ist ein Kassabuch und Nächstenliebe nichts als ein Kaffeefleck auf dem Einband.

Er schreckt nicht davor zurück, ein Spenden sammelndes Mädchen zu misshandeln oder ein Kind, das ihn mit einem Weihnachtslied nervt, mit Stromstössen ruhig zu stellen. Seine Frau fühlt sich vernachlässigt, weil er unentwegt arbeitet und verlässt ihn mit «Ich habe andere Werte».

Groteskes Tohuwabohu

Im Stück hat sich eine Gruppe Laiendarsteller vorgenommen, die Geschichte dieses durch und durch bösen Menschen auf die Bühne zu bringen. Dabei passieren den Figuren Pannen, sie fallen aus der Rolle, erzählen ausserplanmässige Geschichten oder versuchen, sich mit divenhaftem Gebaren zu profilieren.

Das Grundgerüst bleibt das Dickens'sche: In der Nacht vor Weihnachten wird Scrooge vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jakob heimgesucht und gewarnt: Er müsse sein Leben ändern, weil er sonst auf ewig verflucht sei.

Weitere Geister erscheinen - so genau ist das im grotesken Tohuwabohu nicht zu erkennen - und konfrontieren Scrooge mit seiner einsamen Kindheit, dem gegenwärtigen sozialen Elend um ihn herum und seiner künftigen Mordtat. Garniert wird das mit Liedchen, Tänzchen und witzigen Sketches, unter anderem der Geburt des Jesuskinds, bei der sich Scrooge als Hebamme recht ordentlich anstellt.

Überraschend schnelle Besserung

Unnötig zu sagen: Am Weihnachtsmorgen ist der bärbeissige Griesgram und Geizhals zum heiteren Wohltäter mutiert, der Schoggitaler an die Armen verteilt. Das geht in Walshs Drama sogar noch schneller und überraschender von statten als in Dickens' Original. Seibt als Scrooge tut wenigstens mimisch, was er kann, um die Metamorphose glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Walshs Frühwerk «A Christmas Carol» ist offensichtlich noch nicht auf der Höhe seiner späteren Arbeiten wie beispielsweise «The New Electric Ballroom» oder «Gentrification».

Irene Widmer, sda

Dabei passieren den Figuren Pannen, sie fallen aus der Rolle, erzählen ausserplanmässige Geschichten oder versuchen, sich mit divenhaftem Gebaren zu profilieren. (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)

Dabei passieren den Figuren Pannen, sie fallen aus der Rolle, erzählen ausserplanmässige Geschichten oder versuchen, sich mit divenhaftem Gebaren zu profilieren. (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)