Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

LUZERN: Piano-Festival: Virtuosen der Seelensehnsucht

Wo sind alle die Ausnahmepianisten von einst geblieben? Der «Tastentag» zur russischen Klavierschule machte eine Vermisstenanzeige und lud ein zu Entdeckungen in den Konzerten.
Urs Mattenbergerurs.mattenberger@luzernerzeitung.ch
In jeder Hinsicht ein spektakulärer Abschluss: die armenische Pianistin Nareh Arghamanyan (27) gestern im KKL-Konzertsaal. (Bild: LF/Peter Fischli)

In jeder Hinsicht ein spektakulärer Abschluss: die armenische Pianistin Nareh Arghamanyan (27) gestern im KKL-Konzertsaal. (Bild: LF/Peter Fischli)

Die Ausgangslage für den gestrigen «Tastentag» des Piano-Festivals war paradox. Thematisch war er der «russischen Klavierschule» gewidmet, von der sich viele russische Pianisten in Zeiten der Globalisierung distanzieren. Mit diesem Begriff könne er gar nichts anfangen, meinte der Russe Igor Levit im Gespräch mit unserer Zeitung kurz und bündig.

Gut also, dass mit der Piano-Lecture des Klavierexperten Martin Meyer ein Wortbeitrag in diesen Erlebnistag eingefügt wurde. Meyer liess sich unter dem «ganz unpolitisch gemeinten» Motto «Die Russen kommen» nicht auf eine Fachdiskussion darüber ein, was russische Klavierschule in einer Zeit ausmachen könnte, wo deren Lehrer ohnehin auf der ganzen Welt präsent sind. Stattdessen kreiste er das Phänomen mit Hinweisen auf nationale musikalische Klischees ein, die einigen Unterhaltungswert hatten.

Franzosen, Deutsche, Amerikaner und Russen

Demnach «ziselieren» die Franzosen fein, die Deutschen denken «bei Beethoven an Hegel», die Amerikaner lieben die «gebändigte Attacke». Und die Russen? Was man im Westen unter Russischer Klavierschule verstand, erläuterte Meyer mit Blick auf die 1950er-Jahre, als Pianisten aus der damaligen Sowjetunion international Furore machten. Sie waren als technische Virtuosen glänzend vorbereitet, betrieben ihre Kunst mit einem heiligen Ernst und verstanden sich am Klavier hochemotional auszudrücken: Der singende Ton wurde zum Inbegriff einer Ausdruckskunst, die ohne Intellek­tualisierung eine ursprüngliche «Seelensehnsucht» verkörperte.

Die heutige Bedeutung dieses einstigen Interpretentypus relativierte Meyer indirekt mit Tonbeispielen seit Wladimir Horowitz oder Emil Gilels, wenn er nach einer Aufnahme von Svjatoslav Richter seufzte, wo solche Pianisten geblieben seien? Und so versuchte man selbstverständlich, an den drei Konzerten ­entsprechende Pianisten zu entdecken, die die singende Klanggestaltung und technische Vir­tuo­sität zu jener typisch russischen, drängenden Emotionalität verbinden.

Flüsterton und Brachialgewalt

Geradezu exemplarisch kultivierte beide Bereiche die aus Armenien stammende Nareh Arghamanyan. Wunderbaren Klangsinn verriet sie – wie schon in ihrem Festival-Debut vor drei Jahren – mit Klaviertranskriptionen von Liedern Sergej Rachmanows: Eingebettet in fein versprühten impressionistischen Klangzauber spannte sie da Meyers «Seelensehnsucht» mit atmenden Kantilenen aus. Am Ende des Programms trumpfte sie umgekehrt in Arrangements von Strawinskys «Feuervogel» als unglaublich schlagkräftige Virtuosin auf und riss als einzige an diesem Tag das zahlreiche Publikum zu Standing Ovations hin.

Allerdings klafften hier die Extremwerte – hauchdünnes Pianissimo hier, brachialer Tastendonner dort – auch in Werken von Skrjabin, Medtner und Glinka effekthascherisch auseinander, statt sich zu verbinden. Das war weniger spektakulär, aber musikalisch bezwingend im Rezital des in Deutschland aufgewachsenen Ukrainers Alexej Gorlatch der Fall. Auch er erfüllte mit Strawinskys früher Klaviersonate das – leicht kontrolliert wirkende – Virtuosen-Soll. Aber in Werken von Frédéric Chopin führte er alles zusammen.

Eine Empfehlung und Pech für den ersten Auftritt

In der Polonaise-Fantasie entfaltete er aus dem geschmeidig singenden Ton heraus orchestral aufgefächerte Klangfülle, die Melodie einer Mazurka spann er ein in den Schleier der Moll-Melancholie, um sie umso strahlender aus ihr herauszuführen. Im Scherzo Nr. 2 fand er nun doch zu letzter Entfesselung und stellte Virtuosität in den Dienst eines dramatisch bedrängenden, existenziellen Ausdrucks: eine Empfehlung für ein reguläres Rezital an künftigen Piano-Festivals.

Georgy Tchaidze hatte am Morgen das Pech, dass man sein Rezital unmittelbar nach dem Eröffnungskonzert von Grigory Sokolov hörte, der quasi den Massstab für die von Meyer erwähnten russischen Klaviertugenden und insbesondere für den singenden Klavierton gesetzt hatte. Demgegenüber blieb Tschaikowskys Kinderalbum unter Tchaidzes Händen etwas brav, während sein Auftritt im Virtuosenrepertoire starke und nicht nur vordergründige Eindrücke hinterliess. Dass die räumlich gestaffelte Klangfülle von Rachmaninows «Etudes Tableaux» (aus op. 33) und von Prokofjews Klaviersonate Nr. 8 ebenfalls schon bei Meyer zur Sprache kam, zeigte nochmals, wie stimmig dieser «Tastentag» als Ganzes funktionierte.

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.