LUZERN: Piano-Trio machte Musik mit geometrischen Formen

Anderthalb Stunden anspruchsvolle Musik im Trio-Format: Der kubanische Pianist Aruán Ortiz spielte im Casineum, Luzern. Und formte seine Musik sozusagen kubistisch.

Pirmin Bossart
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Casineum (Bild: Eveline Beerkircher)

Casineum (Bild: Eveline Beerkircher)

Dass der ehrwürdige Jazz Club Luzern ein zeitgenössisches Piano-Trio veranstaltet, das auf dem Zürcher Intakt-Label vertreten ist, darf als (positive) Überraschung gelten. Aruán Ortiz hat mit dem Bassisten Eric Revis und dem Schlagzeuger Gerald Cleaver 2015 das Album «Hidden Voices» veröffentlicht, das bei der internationalen Jazzkritik grosse Anerkennung erhielt. Das Trio – mit dem Bassisten John Hébert – trat am Sonntag auf die Casineum-Bühne und rüttelte die Jazz-Wahrnehmungszellen eines mehrheitlich ergrauten Publikums wach.

Aruán Ortiz, «das letzte in den USA angekommene kubanische Wunderkind» (laut TV-Sender BET Jazz), hat sich stärker als andere bekannte kubanische Pianisten wie Chucho Valdés oder Gonzalo Rubalcaba auf den zeitgenössischen Jazz eingelassen. Nach etwas traditionelleren ­Alben arbeitete er mit Esperanza Spalding, Wallace Roney oder Greg Osby. Mit «Hidden Voices» – dem dieses Jahr das Solo-Album «Cubanism» folgte – hat sich der Zeitgenosse von Vijay Iyer, David Virelles und dem späten Paul Bley in die obere Liga gespielt.

Das Trio unternahm im Casineum eine Tour d’Horizon durch sein «Hidden Voices»-Repertoire. Es ist ein Konglomerat aus intelligenten Covers (Ornette Coleman, Monk), eigenen kompositorischen Tableaus und Improvisation. Lyrische Einzelton-Momente wurden zu Ausgangspunkten für vertrackte Grooves und musikalische Schichtungen, oder es wurden auch mal afro­kubanische Liedmotive in zeitgenössischen Jazz überführt.

Minimale Melodiefiguren und rhythmische Gegenüber

Die Tracks entwickelten sich zu komplexen Architekturen, in denen sich minimale Melodie­figuren über polyrhythmische Fundamente schoben und in rollende Tasten-Grooves mündeten. Das rhythmische Gegen- und ­Ineinander der linken und rechten Hand von Ortiz war eindrücklich. Ebenso, wie sich die Musiker nach minutenlangen freien Fahrten unisono wieder ins Thema einklinkten. Titel wie «Fractal Sketches», «Analytical Symmetry» oder «Arabesques Of A Geometrical Rose» zeigen, wie kubistisch Ortiz den Formenrhythmus bis in abstrakte Zonen gestaltet.

Das Trio holte auch den Blues in seine Musik. Er wurde deformiert, aber nicht demontiert, sondern sukzessive in avantgardistisch durchwirkten Jazz verwandelt. Die drei Instrumentalisten spielten mit einer guten Mischung aus Präzision und Gelassenheit. Scheinbar mühelos konnten sie sich verzahnen und waren in wechselnden Konstellationen auch mal kurz im Duo oder als Solisten zu hören. Und auch: Man hat nicht jeden Tag Gelegenheit, die souverän reduzierte Kunst eines Gerald Cleaver zu erleben. Schon gar in Luzern.

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Nächste Konzerte des Jazz Club Luzern: Charly Antolini, 15. Oktober, 19 Uhr, Casineum. Pat Metheny, 25. Oktober, 19.30 Uhr, KKL.