LUZERN: Rhythmisierte Gebirgsstrukturen

Gebirgszüge sind ein Lebensthema von Bruno Müller-Meyer. In der Galerie Vitrine zeigt der Künstler, der auch schon den Himalaja bewandert hat, die ihm vertrauten Ansichten in neuem Ölgewand.

Julia Stephan
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Bruno Müller-Meyer: «Matterhorn» (Öl auf Leinwand, 2007). (Bild: Galerie Vitrine/PD)

Bruno Müller-Meyer: «Matterhorn» (Öl auf Leinwand, 2007). (Bild: Galerie Vitrine/PD)

Julia Stephan
julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Wer als Künstler den Topos Alpen zum Motiv macht, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Mal droht ihm der Ausrutscher auf dem Kitsch, mal gelingt ihm lediglich die Kopie der unzähligen historischen Vorbilder. Denn der Ruhm derjenigen, welche die heikle Gratwanderung erfolgreich absolviert haben, ist gross.

Während der gerade im Luzerner Kunstmuseum gezeigte Robert Zünd (1827–1909) die grösstmögliche Beiläufigkeit in der Zentralschweizer Landschaft suchte, reizte den 2019 in Luzern mit einer grossen Ausstellung gewürdigten Briten William Turner (1775–1851) die grösstmöglichste Dramatik. Und als Konkurrenz sind da auch noch die magischen Lichteinfälle von Giovanni Segantini (1858–1899) oder die einem symmetrischen Aufbau folgenden, ins Unendliche führenden Landschaftsbilder von Ferdinand Hodler (1853–1918) zu nennen.

Das erste Matterhorn malte er als Primarschüler

Auch wenn es vordergründig nach Kalkül aussieht, wenn der Luzerner Künstler Bruno Müller-Meyer in der von Touristen frequentierten Luzerner Galerie Vitrine eine Ausstellung mit dem Titel «Matterhorn» zeigt: Es ist nicht übertrieben, die Berge als ein Lebensthema des Künstlers zu bezeichnen.

Als Primarschüler zeichnete er das Matterhorn – so, wie es der in die Schweiz migrierte italienische Kunstmaler Guido Guslandi auf dem kleinformatigen Ölbild über dem Sofa seiner Eltern verewigt hatte. Zahlreiche Matterhörner sollten folgen. Eines davon, ein zirka zwei mal drei Meter messendes Ölbild aus dem Jahr 2007, gibt der aktuellen Ausstellung, in der auch neuere Arbeiten zu sehen sind, den Namen.

Zwischen dem ersten und letzten Matterhorn liegt eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit den Denkern der Romantik. Wie diese im 18. Jahrhundert fühlte sich Müller-Meyer in den 1970ern von Indien als Gegenentwurf angezogen. Auf einer Reise durch Asien machte er Begegnungen mit den ungezähmten Gebirgszügen des Himalaja und der indischen Philosophie.

Bis heute entstehen Müller-Meyers Landschaften aus bewusster Anschauung und über Anschauungsmaterial, das der Künstler über die Objekte – etwa Gletscher, Seen, Bergmassive – sammelt. Daneben kennt man ihn auch als Porträtmaler prominenter Politiker wie alt Bundesrat Moritz Leuenberger oder die Luzernerin Josi Meier (1926–2006).

Die Suche nach Erdung im Zivilisationsdreck

Zwar suchte Müller-Meyer nach der intensiven geistigen Durchdringung der Natur ab den 1980er-Jahren zeitweise in der Bemalung alter Teppichböden wieder so etwas wie Erdung im Zivilisationsdreck – seine Teppichmalereien schafften es Mitte der Neunzigerjahre als Sujet auf die Schweizer Briefmarke. Doch seit er in seinem Atelier in St. Niklausen Seesicht besitzt, hat ihn das Sublime in der Natur wieder gepackt.

Seine Arbeit vergleicht Müller-Meyer mit der Kompositionsarbeit eines Schlagzeugers. «Es geht mir um Rhythmus», sagt er. Um eine kitschige Heile-Welt-Romantik zu vermeiden, verwendet er wie Segantini eine Grundierung aus Ziegelrot, über die ihn sein strukturierender Pinselstrich in die hellen und verschatteten Winkel der Bergketten führt.

Alles ist mit allem verbunden

Seine zivilisationsbefreiten Landschaften wechseln zwischen gestochen scharfem Hyperrealismus und einem erdigfarbenen Konzert rhythmisierter Gebirgsstrukturen. Je näher man an die grossflächigen Ölbilder herantritt, desto besser erkennt man, wie Müller-Meyer die Elemente Erde, Wasser, Himmel in ihre atomare Struktur aufspaltet, als finde auf den Bildern das Weltbild der indischen Philosophie und der Romantik, die alles mit jedem verbunden sieht, seine formale Entsprechung.