LUZERN: Sogar Bond schlich sich in die Gebete ein

Musikalische Weltvereinigung im Zeichen des Klezmer: Der Klarinettist Giora Feidman und das Gershwin-Quartett füllten den Marianischen Saal bis auf den letzten Platz.

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Giora Feidman begeisterte mit seinem Klarinettenspiel. (Bild: Corinne Glanzmann)

Giora Feidman begeisterte mit seinem Klarinettenspiel. (Bild: Corinne Glanzmann)

Aus vollem Herzen singt Giora Feidman auf seinen Klarinetten und trifft damit mitten in die Herzen der Zuhörer. Im bis auf den letzten Platz besetzten Marianischen Saal verzauberte der Meister der Klangschattierungen am Sonntag sein Publikum. Und da ist es völlig egal, in welchem musikalischen Genre er sich gerade befindet, es ist eine Wanderung zwischen den Welten, die er mühelos und äusserst vital durchquert. Dass er im März 80 Jahre alt wird, kann man kaum glauben, denn sein Spiel ist frisch, innovativ, energisch und in allen Lagen voller Klangzauber.

Verschmelzende Geigen

Wie er da zu Beginn mit dem subtil leise gespielten «Prayer» durch den Saal schlich, eine lange Kadenz vor der Bühne zelebrierte und dann nahtlos zu «Freylach» von Gil Aldema wechselte, das hatte Magie. Das russische Gershwin-Quartett stimmte in die Klezmerklänge ein und erwies sich als kongenialer Partner. Ob der Cellist Dimitrij Gornowskij sein Instrument mit der Klarinette verschmelzen liess, ob die beiden Geigen (Michel Gershwin und Nathalie Raithel) sich in elegischen oder virtuosen Dialogen mit Feidman unterhielten oder Juri Gilbo den warm-dunklen Klang seiner Bratsche verströmte – es waren Verbindungen, die in jedem Stück kleine Geschichten erzählten.

Samtweiche Klarinette

Die ausgedehnten, wie improvisiert wirkenden Wandlungen in «Hava Na­ghila» von Avraham Idelsohn, die spannungsreich klagten und lachten, gingen nahtlos in Ora Bat Chaims «In the Self» über.

Samtweich sang die Klarinette, dann stimmte Feidman nur kurz das «Dona, dona» an, und der Saal begann mitzusingen. «Jedes Mal, wenn ich hier bin, singen Sie besser als letztes Mal», stellte Feidman fest. Er bestätigte sich nicht nur als genialer Musiker, sondern überzeugte auch als Entertainer immer wieder mit seinen kurzen Bemerkungen.

In der Interpretation der fünf Musiker klang ein Spiritual schon mal wie ein sanftes Wiegenlied, um dann in «Moanin’» von Bobby Timmons schmissig und jazzig dahinzujagen. Und warum nicht eine Zugabe vor der Pause? Feidman und das Streichquartett zelebrierten «What A Wonderful World» von Louis Armstrong wie aus dem Nichts zu einer wundervollen Symbiose von Schmerz und Freude unserer Erde.

Reizvolle Arrangements

Die beiden Violinen erklangen zusätzlich in einem virtuosen Duett, und das Quartett zeigte in drei kurzen Tänzen rhythmische Ausbrüche und süffigen Klang. Aus Carl Orffs «Carmina Burana» erklangen «Reie & Dance» in reizvollem Arrangement und durchaus auch in dieser Besetzung überzeugend. Man reiste mit den Künstlern in einem bunten Reigen durch Klassik, Moderne und Klezmer, gekonnt vermischt und locker alle Grenzen überwindend.

«Libertango» von Astor Piazzolla kam nach tosendem Applaus als erste Zugabe. Er wurde hinreissend musiziert und von einer Leidenschaft getragen, die sich bis in die letzte Zugabe steigerte, als sich in ein jiddisches Lied bekannte Zitate aus allen Musikrichtungen einschlichen, von Bach über Mozart und Beethoven bis zum rosaroten Panther und James Bond. Das war raffiniert und ein krönender Abschluss.

Gerda Neunhoeffer