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LUZERN: Terry Riley – Ein Pionier der Minimal Music tritt im Südpol auf

Es ist fast nicht zu glauben, dass er morgen im Südpol zu erleben ist: Der Amerikaner Terry Riley hat unser Musikverständnis massiv verändert.
Terry Riley beeinflusste unter anderem die Chill-out-Kultur. (Bild: PD)

Terry Riley beeinflusste unter anderem die Chill-out-Kultur. (Bild: PD)

Im Juni wird Terry Riley 82 Jahre alt. Der Avantgarde-Komponist gehört zu den grossen musikalischen Innovatoren des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Komposition «In C», die im November 1964 am Tape Center in San Francisco uraufgeführt wurde, hat Riley einen Pflock in die damalige avantgardistische Musiklandschaft gesetzt, der noch heute unerschütterlich steht und weit ausstrahlt. Bis in die populärmusikalischen Genres von Electronica, Trance, Psych und Ambient.

Die Komposition «In C», die als erstes Werk der Minimal Music gilt, lebt von einer ganz anderen Musikauffassung, als sie bis dahin in der westlich-avantgardistischen Welt gegolten hatte: Es geht nicht mehr um Kontraste, dramaturgisch komplexe Strukturen und Dynamik. Stattdessen entstehen fluktuierende Klanggebilde mit repetitiven Mustern, das sich mit fortschreitender Zeit subtil verändern und bei den Zuhörenden eine sanfte Trance-Wirkung erzeugen können.

Jede Aufführung von «In C» ist anders. Das Stück kann von 20 Minuten bis mehrere Stunden dauern. Die mitspielenden Musiker können selber entscheiden, wie oft sie die 53 Patterns, aus denen die Komposition aufgebaut ist, wiederholen wollen und welche Pausen gemacht werden.

Durchgehender Puls mit oktaviertem C

Geprägt wird das Stück durch den Puls, der aus Achteln der Note C (in Oktavsprüngen) besteht und die ganze Zeit von einem Instrument durchgehalten wird. Die Betonung auf Repetition, rhythmische Überlagerungen und Phasenverschiebungen gibt der Minimal Music, wie sie später genannt wurde, ein ganz eigenes Gepräge. Die Musik wird ein Strömen, ein klingelnder Fluss, eine atmende Klanglandschaft.

Vielleicht konnte diese Musik nur in Kalifornien entstehen, das Mitte der 1960er-Jahre das Mekka von Andersdenkenden und spirituellen Suchern war. Psychedelische Drogen und das Interesse für nichtwestliche Kulturen ­eröffneten neue Zugänge zu kreativen Prozessen. Es wurde geforscht, ausprobiert, Neues gewagt. Auch Terry Riley war ein Kind dieser frühen Hippiezeit. In diesem offenen und kommerziell noch weitgehend ungetrübten Klima gediehen Konzepte und Haltungen, die sowohl in der avantgardistischen Musik wie in der Rockmusik, im Jazz oder in der Kunst wirksam wurden und bis heute weiterschwingen.

Terry Riley studierte Komposition in San Francisco und beschäftigte sich stark mit der indischen klassischen Musik, insbesondere dem Gesang von Pandit Pran Nath. In seiner Klasse war auch La Monte Young, der mit Riley, Steve Reich und Philipp Glass zu den einflussreichsten Minimal-Music-Komponisten gehört. Steve Reich hatte 1964 in der Uraufführung von «In C» mitgewirkt, ebenfalls Morton Subotnick («Silver Apples Of The Moon») und Pauline Oliveros, die ihrerseits die elektronische und avantgardistische Musik der Moderne mitgeprägt haben.

Inspiration für The Who, Musik für Alain Tanner

Der Einfluss von Riley auf die Rock- und Popmusik zeigte sich schon 1969 mit seiner Komposition «A Rainbow in Curved Air». Sie inspirierte die britische Band Curved Air zu ihrem Namen und Pete Townshend von The Who zu einigen prägnanten Synthesizer-Patterns auf dem Album «Who’s Next». Dessen Track «Baba O’Riley» ist sogar eine explizite Hommage an Terry Riley (und den indischen Guru Meher Baba). Mit John Cale machte Riley das Album «Church Of Anthrax». Später arbeitete er mit dem Kronos Quintet zusammen. Auch schrieb er die Filmmusik in Alain Tanners «No Man’s Land».

Die Minimal-Konzepte sind heute aktueller denn je. Terry Riley hat mit seinen Stilmitteln von Wiederholung, rhythmischen Verschiebungen und gedehnten Zeiten vorweggenommen, was zu einem Charakteristikum der elektronischen Musik geworden ist. Die ganze Ambient- und Chill-out-Kultur lebt von diesen Einflüssen, ebenso viele experimentelle Spielarten zwischen Jazz und zeitgenössischer Musik. Selbst die Popmusik lässt sich mehr und mehr von Parametern wie Loops, Drone, Wellen und Klangwolken statt von klassischen Songs inspirieren.

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

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