LUZERN: Weihnachtsgeschichte als «geistliche Oper» erzählt

In sieben europäischen Städten interpretieren das Freiburger Barockorchester, der Rias-Kammerchor aus Berlin und vier Solisten Bachs Weihnachtsoratorium. Am Samstag gastierten die Ensembles im KKL. Und überzeugten auch dramatisch.

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Zeigte sich vielseitig: Sopranistin Anna Lucia Richter. (Bild: PD)

Zeigte sich vielseitig: Sopranistin Anna Lucia Richter. (Bild: PD)

«Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage»: Die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach erzählen die Weihnachtsgeschichte. Gespielt wurden in Luzern die Nummern 1 bis 3 und 6. Die Aussage, ein Oratorium sei eine geistliche Oper, ist verkürzt. Dennoch trifft sie bezüglich der Dramaturgie auf das Weihnachtsoratorium zum Teil zu.

Das Freiburger Barockorchester spielt auf historischen Instrumenten. «Jauchzet, frohlocket» – es brauchte ein paar Takte, bis sich das Ohr an die besonderen Farben gewöhnte. Rasch lernte man nicht nur die differenzierte Farbigkeit schätzen, sondern auch, dass sich Fragen der Balance durch das geringere instrumentale Volumen erübrigen.

Groove und Präzisionsklang

Die Texte des Chors waren verständlich, die Diktion klar und rein. Von sterilem Wohlklang zu sprechen, wäre aber verfehlt: Die Pauke groovt und die Trompeten legten ihre Fanfaren freudig über das Geschehen. Die reizende Durchhörbarkeit als Ergebnis war das Verdienst von Hans-Christoph Rademann, der das Klangbild kernig-schlank hielt. Und beide Ensembles scheinen diesen schlanken und feinfühligen Präzisionsklang zu pflegen.

Die Rolle des Evangelisten fällt dem Solotenor zu. Maximilian Schmitt nahm sich ihr mit Eleganz und Vitalität an. Ein Höhepunkt der ersten Kantate war das Bassrezitativ: Roderick Williams sang bedeutungsvoll, aber ohne Pathos. Die Rias-Sopranistinnen unterlegten dem Rezitativ einen Choral, wo Verzierungen im Unisono gelangen und die sieben Sängerinnen für ein berührendes siebenfaches Piano sorgten.

«Schlafe, mein Liebster, geniesse die Ruh»: Altistin Stefanie Irányi als Mutter Maria überzeugte mit der Wärme der langen Haltetöne und wohldosiertem Vibrato. Hingegen gelang in der Arie «Schliesse, mein Herze, dies selige Wunder» die expressive Melodieführung nicht immer.

Die zweite Kantate beginnt mit einer instrumentalen Sinfonia. Rademann gestaltete das liebliche Stück staunend und behutsam. Es folgte der erste Auftritt der Sopranistin Anna Lucia Richter – auf der Orgelempore. Engelsgesänge passen perfekt zu ihrer silbrigen Stimme.

Dramatische Zuspitzung

Dass sie auch anders kann, zeigte sie in der Sopran-Arie der sechsten Kantate, wo sie im Rezitativ fast trotzig klagte: «Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen.» Die folgende Arie interpretierte sie mit einer kindlichen Ehrlichkeit, die entwaffnete.

Es lohnte sich, diese dramatische Zuspitzung zu verfolgen. Eindrücklich schliesst Bach den dramaturgischen Aufbau im Schlusschoral: Der Text handelt zwar von der Überwindung von «Tod, Teufel, Sünd und Hölle» durch Jesu Geburt. Die Melodie stammt aber vom Passionschoral «O Haupt voll Blut und Wunden». Bach komponiert also schon an Jesu Geburtstag dessen kommenden Leidensweg mit ein. Spektakulär das letzte Rezitativ, wo alle vier Solisten singen und rhetorisch fragen: «Was will der Hölle Schrecken nun, da wir in Jesu Händen ruhn?» – eine typisch bachsche Emphase, wo die Oper wirklich nicht mehr weit ist.

Katharina Thalmann
kultur@luzernerzeitung.ch