Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Luzerner Comic-Magazin macht aus den Migrationsströmen nach Europa eine bitterböse Reality-Show

Das Luzerner Ampel-Magazin ist um keine beissende Satire verlegen. Die Zeichner der aktuellen Ausgabe schicken einige Europäer auf die Flucht. Sie suchen den Thrill in der Notlage .
Julia Stephan
Gehören zum Kernteam des Magazins: Die Zeichner Anja Wicki und Andreas Kiener im Atelier. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 21. Februar 2017))

Gehören zum Kernteam des Magazins: Die Zeichner Anja Wicki und Andreas Kiener im Atelier. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 21. Februar 2017))

Ende Juni haben sie wieder hart miteinander gerungen, die Staats-und Regierungschefs am EU-Gipfel in Brüssel. Man stritt über Auffanglager in Drittstaaten. Man stritt über die Binnenmigration. Und man diskutierte über kontrollierte und unkontrollierte Zuströme an den EU-Aussengrenzen. Dass bei solchen Debatten schnell vergessen geht, dass hier keine Strömungsgeschwindigkeiten gemessen werden, sondern von Menschen die Rede ist, das hat Max Frisch schon in den 1960er-Jahren angesichts des Zustroms von Arbeitsmigranten in die Schweiz mit seinem geflügelten Satz «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen» so treffend auf den Punkt gebracht.

Erlebnistourismus entlang der Flüchtlingsrouten

Das seit 2010 in kleiner Auflage erscheinende Luzerner Comicmagazin Ampel findet auf die Auswüchse unserer Zeit seine eigene Antwort. Um keine beissende Satire verlegen, macht es in Ausgabe 17 aus den Migrationsbewegungen nach Europa eine bitterböse Reality-Show à la Dschungelcamp. Unter einem mehr auf Lifestyle-Themen als auf Weltpolitik abonnierten, in seiner Coolness zum emotionalen Eisblock erstarrten Moderatoren frönen die Kandidaten in «Borderline. Die ultimative Flüchtlingsshow» dem Erlebnistourismus entlang der Flüchtlingsrouten.

Sie schippern übers Meer, verlieben sich in den exotischen Yussuf im Auffanglager und passieren grüne Grenzen, um schliesslich die Berner Bundeshauskuppel zu umarmen und Bundesrat Guy Parmelin – Kreisch! — in einem meet and greet die Hände zu schütteln. Alles begleitet vom Internetsprech («Ich pushe meine neuen Hashtags») und gut gefütterten Instagram- und Twitter-Acounts.

Die Krux der ganzen Übung: Flüchtlinge kommen auf der in fünf Folgen erzählten Odyssee kaum vor. Weltpolitik schon gar nicht. Stattdessen stellen die Zeichner, neben dem harten Luzerner Verlegerkern Luca Bartulovic, Anja Wicki und Andreas Kiener sind das die Zürcher Strapazin-Mitherausgeberin Kati Rickenbach, und die Zeichner Simon Beuret und Michael Furler, eine Horde europäischer alter egos ins Camp.

Glaube an sich versus Glaube an Gott

Da kollidiert der leistungsorientierte Fitness-Guru aus Lugano mit seinem starken Glauben an sich selbst mit der jungfräulichen Missionarin aus dem Kanton Uri. Angie, die Hobby-Schneiderin aus Liestal, die als Influencerin im Internet auf ihrem Blog von ihren amourösen Abenteuern berichtet, fährt neben der SVP-Mutter aus dem Berner Oberland, die auf dem Ruderboot im Mittelmeer stramm das rechte Ruder in die Hand nimmt, einen eher linken Kurs. Zeichner Luca Bartulovic bewies besonderen Humor, und hat sich gleich selbst als Kandidat eingeschleust: als abenteuerlustiger Barkeeper.

Die echten Probleme dieser Welt interessieren nicht

Diese Durchschnittseuropäer kennen keine Not, sondern nur die Notlage mangelnder Unterhaltung. Und die wird begleitet von Werbeblöcken, die sich dem Leser sogar in den freien Flächen der Wüste aufdrängen. Den Zeichnern gelingt dabei, die Lebenseinstellungen heutiger junger Europäer, die sich an Sätzen klammern wie «Mit der richtigen Einstellung ist doch alles irgendwie Fun?» oder «Das ist genau mein Ding. Ich kenne meine Grenzen», gegen die echten Probleme dieser Welt ihre eigene Grenzmauer hochgezogen haben. Ob man mit dem Laubgrün der Panels, wie die Einzelbilder in der Comic-Fachsprache heissen, eine versteckte Friedensbotschaft transportieren wollte oder das Dschungelcamp-Fieber gemeint hat, lässt sich bis zum Ende der Lektüre nicht auflösen. Die Story lebt von der Ambivalenz.

Die 17. Ausgabe des Comicmagazins «Ampel – Borderline, Alles zur 1. Staffel» kann für Fr. 15.- über den Webshop des Magazins bezogen werden: www.ampelmagazin.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.