Luzerner Impro-Festival: zwischen Soundmaschinen und inniger Kammermusik

Chicago und Luzern tauschen Musik und Kunst aus: Das Festival «A Race in Space» ist avantgardistisch gestartet – bringt aber auch Wohlklang.

Pirmin Bossart
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Musiziert virtuos: das Trio «Hear In Now». Bild: PD

Musiziert virtuos: das Trio «Hear In Now». Bild: PD

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Wie die Organisatoren des Festivals ankündigten (Apéro vom 17. Februar), ist «Impro-Musik» nicht einfach «schwierige Kost», sondern vor allem ein Abenteuer für offene Ohren, das durchaus auch in wohltemperierte Zonen führen kann. Der Auftakt des Festivals in Luzern trug beiden Polen Rechnung.

Das «Festival für improvisierte Musik und schöne Künste», das einige wichtige Persönlichkeiten aus Chicago nach Luzern bringt und auch der hiesigen Jazz- und Improszene eine Bühne bietet, startete am Mittwoch im Kunstraum Elephanthouse. Hier lässt sich noch bis am Sonntag eine kleine Ausstellung des Chicago-Kollektivs Sonnenzimmer besuchen.

Nadine Nakanishi und Nick Butcher von Sonnenzimmer zeigen modulare Siebdruckarbeiten mit radikalen Oberflächen und lieblichen Versponnenheiten. Die unkonventionellen Elemente und Schichtungen reflektieren ihre frische Herangehensweise als «visual artists and printmakers between Design and Art». Mit dem grossformatigen Werk «A Race in Space» aus zusammengesetzten Falttafeln blinzelt auch eine bunte Acryl-Lasur-Hommage ans Festival von den Wänden.

Hauchzarte Streichtöne, Geschabe und Gesirre

Im Rahmen der Vernissage spielte der in Zürich lebende Bratschist Frantz Loriot ein Solo-Rezital. Mit hauchzarten Streichtönen beginnend, führte er das Spektrum von Reib- und Knarztönen, Geschabe und Gesirre, Texturen und Obertönen bis hin zu orchestraler Kraft. Er setzte Klammern in die Saiten, spielte mit einem Holzstäbchen oder bearbeitete den Korpus. Da war ein Musiker, der seine Leidenschaft für Sound und Form in allen Fasern spürbar machte. Langweilig oder verkopft war das nie. Trotz seiner radikalen Soundästhetik hatte man nie das Gefühl, dass Loriot seine Bratsche gänzlich ihrem Ursprung in der Klassikwelt entziehen würde. Irgendwo war da immer ein starkes Formgefühl, ein Feeling für Dynamik und eine konzise Tongestaltung im Raum. Das Publikum verharrte geradezu in Andacht.

Space-Synthesizer und Herzton

Eigenwilligkeit zeichnet den Chicago-Musiker Jim Baker aus, der einen Tag später im Neubad seine Wollmütze auf den Tisch legte, die Jacke an den Stuhl hängte und sich hinter seinen Analog-Synthesizer setzte. Die filigranen Sounds gurgelten und orgelten fragmentarisch zwischen Kirchenschiff, Unterwasserwelt und Weltraum.

Die wildfarbigen Power-Gemälde im Grossformat des Luzerner Künstlerduos Lipp & Leuthold an der Rückwand im Neubad-Pool passten als Kontrast auch zur herzerwärmenden Kammermusik von Tomeka Reid (Cello), Mazz Swift (Violine) und Silvia Bolognese (Kontrabass). Die drei Musikerinnen von «Hear In Now» verschoben ihr Set von avantgardistischen Etüden zunehmend zu wohlklingenderen Stücken zwischen leichter Klassik, Jazz und Folk.

Das war für Impro-Afficionados vergleichsweise leichte Kost, die aber mit klanglich schrägen Nuancen und dynamischen Aufbrüchen stets anspruchsvoll und virtuos musiziert blieb. Da klang der abschliessende Auftritt von Le String ’Blö mit seinen Bläser-Ostinati und Unisono-Passagen, seinen Riff-Strukturen und seiner latenten Funkyness geradezu nach Jazz pur.

Hinweis: Das vollständige Programm gibts unter: www.veto-records.ch/araceinspace