Luzerner Rapper Freeze: «Die Musik hilft mir sehr, wieder im Leben anzukommen»

Philippe Fries alias Freeze sitzt nach einer Krankheit im Rollstuhl. Seine Leidenschaft für Rap hat er sich bewahrt.

Michael Graber
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Philippe Fries ist als Freeze ein alter Hase im Rapkuchen.

Philippe Fries ist als Freeze ein alter Hase im Rapkuchen.

Bild: Eveline Beerkircher (Sursee, 10. Dezember2019)

Fussgänger. Nach einer halben Stunde Gespräch sagt Philippe Fries plötzlich dieses Wort. Eigentlich ist es ein harmloses Wort, doch bei Fries sind die Fussgänger die anderen. Er ist keiner. Keiner mehr. Anfang 2018 hat eine Autoimmunerkrankung sein Leben auf den Kopf gestellt. Oder genauer: in den Rollstuhl gesetzt.

Nach ein paar Tagen zunehmender Schmerzen ging plötzlich nichts mehr. Fries kämpfte sich noch ins Luzerner Kantonsspital. Als Fussgänger. Seither ist er keiner mehr. Multiple Sklerose. Aber, und das ist dem 41-Jährigen wichtig, das hier soll kein tränendrüsendrückender Artikel werden. Nach einem Monat Akutbehandlung in Luzern und 6 Monaten Reha im SPZ Nottwil lebt er mittlerweile in Sursee. Die Sonne scheint in die Wohnung. «Über die Krankheit habe ich schon so oft erzählt», sagt er.

«Ich muss machen, was ich kann»

Erzählen: Das war immer eine Leidenschaft von Fries. Beziehungsweise ist. Als Freeze kennt man Fries als Rapper. Einst bei der Surseer Rapband Onan, dann solo oder in verschiedenen Formationen. Freeze gehört zu den alten Hasen im Luzerner Rapkuchen – als er mit Onan die ersten Konzerte spielte, war Mimiks gerade einmal vier Jahre alt. «Konzerte spielen war immer grossartig», sagt Fries. Hier wählt er das Präteritum bewusst: «In absehbarer Zeit werde ich wohl nicht mehr auf einer Bühne sein.» Seine Energie reiche nicht, und Rap lebe live auch von einer körperlichen Präsenz, die er derzeit nicht leisten könne. Fries sagt das ohne Verbitterung («über diesen Status bin ich längst weg»), sondern mit einem fast schon entwaffnenden Realismus. «Ich muss mir ja nichts vormachen. Ich muss machen, was ich kann.»

Was er kann: Musik machen. Texte schreiben, aufnehmen. Seine Freunde der Hip-Hop-Crew von Skilluminati haben ihm ein kleines Heimstudio eingerichtet, wo er an freien Tagen seine Parts aufnehmen kann. Immer unter Berücksichtigung seines Energiehaushalts. Im Spital zweifelte und verzweifelte er an vielem. Er stellte sich grundlegende Fragen und auch die Frage, ob er wieder Musik machen wolle. Wer Musik macht, stellt sich der Öffentlichkeit. Er fragte sich, ob er das wolle. Die Entscheidung zum Weitermachen war aber eine gute. «Die Musik hilft mir sehr, wieder im Leben anzukommen.» Zwei Songs hat er seit dem Schicksalsschlag veröffentlicht: «Vo Gheie und Flüüge» und «Insle» (mit Henrik Belden). Das erste Lied dreht sich um das eigene Schicksal, das zweite wirbt für mehr Offenheit und Toleranz.

Und auch sonst weigert sich Fries, bequem zu werden. Die Einnahmen des Songs spendet er, und er organisiert Spendensammlungen. Inspiriert von ihm haben noch andere Geldsammelaktionen begonnen, Spendenläufe und vieles mehr. Über 13000 Franken kamen so 2019 zusammen. Die Spenden gehen an die Schweizer Paraplegiker Vereinigung SPV und an die MS Forschung von Dr. Terry Wahls.

Immer noch an den FCL-Matches anzutreffen

Es ist beeindruckend, wie Fries offen über Probleme, über Schmerzen, über Rückschläge und Widrigkeiten berichtet, ohne dass er dabei ins Resignative kippt. «Ich habe glücklicherweise das beste Umfeld und die beste Partnerin, die man sich wünschen kann», sagt er. Auch sein Arbeitgeber, die IOZ AG, unterstützt ihn. Zwischen Stellenzusage und Stellenantritt brach die Krankheit aus. Derzeit kann er halbtageweise zur Arbeit. Mit seinem Sohn aus einer früheren Beziehung geht er gerne an FCL-Spiele oder an Konzerte. Auch wenn Fries kein Fussgänger mehr ist, so versucht er sich doch so wenig wie möglich einzuschränken.

Was ihn nervt, sind die zahlreichen Hindernisse, die man allen Nichtfussgängern in den Weg legt. Vor allem jene, die man so einfach aus dem Weg räumen könnte. «Ich verstehe nicht, warum die Restaurants, Bars und andere Orte auf ihren Homepages nicht angeben, wenn sie barrierefrei sind.» Barrierefrei heisst, dass Menschen mit Beeinträchtigung sie ohne zusätzliche Hilfen nützen können. «Wenn man es schon hat, ist es doch ein Kleines, es noch auf der Homepage zu vermerken», sagt Fries. Aber: Oft bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Telefon in die Hand zu nehmen und nachzufragen.

Fussgänger, so könnte die Schlussfolgerung lauten, sollten nicht alles für selbstverständlich halten und dafür ein paar Dinge wie selbstverständlich machen. Gerade für Menschen, für die nicht alles selbstverständlich ist.

http://www.freezemusig.ch/