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LUZERNER SINFONIEORCHESTER: Beethoven-Revolte gegen Sparzwänge

Nach seinem Engagement gegen Spardrohungen gab das Luzerner Sinfonieorchester wieder seine regulären Sinfoniekonzerte. Und kehrte vor ausverkauftem Konzertsaal dennoch nicht einfach zum Alltäglichen zurück.
Urs Mattenberger
Versöhnung nach dem Streit: Die Klarinettisten Stojan Krkuleski und Christoffer Sundqvist im Doppelkonzert von Siegfried Matthus. (Bild: I. Höhn)

Versöhnung nach dem Streit: Die Klarinettisten Stojan Krkuleski und Christoffer Sundqvist im Doppelkonzert von Siegfried Matthus. (Bild: I. Höhn)

Eclat beim Luzerner Sinfonieorchester! Mitten im letzten Satz von Siegfried Matthus’ Konzert für zwei Klarinetten flüchteten am Mittwoch die beiden vorzüglichen Solisten von der Bühne und liessen ein ratlos-stummes Orchester zurück.

Schon im ersten Satz dieser Uraufführung hatten sie sich musikalisch um die richtigen Töne gebalgt: LSO-Soloklarinettist Stojan Krkuleski verbiss sich virtuos in einen tiefen Zielton, während die schweifenden Linien seines Gastkollegen Christoffer Sundqvist hartnäckig ein Stück höher landeten.

Gute Laune trotz drohendem Sparpaket

Die Eskalation im Finale erinnerte dann an Haydns Abschiedssinfonie, wo der Abgang der Orchestermusiker ein Protest war gegen schlechte Arbeitsbedingungen. So gesehen nahm sich die Verweigerung im Sinfoniekonzert wie ein Kommentar zu den drohenden Sparmassnahmen des Kantons Luzern aus, die auch unter den Besuchern des ausverkauften Konzerts ein unumgängliches Thema waren.

Allerdings wehrt sich das Orchester gegen diese mit einer Vorwärtsstrategie. Mit einem weit über die Region hinaus beachteten Sonderkonzert hatte es sich am Sonntag bei den über 5457 Musikliebhabern (Stand gestern) bedankt, die auf www.ja-zum-sinfonieorchester.ch ihre Solidarität bekundeten. Da hatte Intendant Numa Bischof vor 1300 Konzertbesuchern wie im Gespräch mit unserer Zeitung bekräftigt: Eine Kürzung der Subventionen würde das Erfolgsmodell des Orchesters mit einem «Rattenschwanz an Folgen» existenziell gefährden, weil damit auch die Voraussetzungen für das erfolgreich betriebene Sponsoring geschmälert würden.

Von der Dringlichkeit einer solchen Abwärtsspirale war im Sinfoniekonzert vom Mittwoch in Matthus’ Doppelkonzert nichts zu spüren. Dessen gute Laune hatte etwas Behäbiges und passte unter keinem der Saison-Stichworte – «Gipfel, Meisterwerke, Aussichten» – so richtig ins Profil. Wären da nicht die beiden lustvoll agierenden Klarinettisten gewesen. Dass das Orchester eine derartige Solistenrolle aus den eigenen Reihe besetzen kann, war doch ein Beweis für das LSO-Erfolgsmodell, das eben auch für Spitzenmusiker attraktiv ist.

Im Drive der Minimal-Music

Den orchestralen Leistungsausweis erbrachte mehr das Rahmenprogramm. Schon John Adams’ «Short Ride in a Fast Machine» profitierte mit gleissenden Farben und unerbittlichen Rhythmen vom zielstrebig-klaren Dirigat von Gastdirigent Hannu Lintu. Und dieser trug solche Qualitäten hinein in Beethovens Fünfte Sinfonie mit ihrem Klopfmotiv als Urmodell einer repetitiven Minimal-Music.

Die Pointe des Programms war denn auch, dass man diese Fünfte als rasante Revolutions-Maschinerie hören konnte, in der sich die Ereignisse jagen und auch mal zu überstürzen drohen. Grundlage dafür waren rasche Tempi und ein leicht-pointiertes Klangbild, das – mit knapp dosiertem Vibrato – Akzente und Konturen schärfte. Aber der finnische Dirigent übernimmt nicht nur vordergründige Aspekte einer zeitgemässen, von der historischen Aufführungspraxis geprägten Beethoven-Interpretation, sondern nutzt das durchsichtige Klangbild für geradezu romantische Finessen und Bezüge.

In den Übergängen des ersten Satzes mischte er wie ein Alchimist fein ausbalancierte Klanggewebe ab oder liess einen beherzt auslaufenden Strich der Violinen später – in der Reprise – in der Solooboe von Andrea Bischoff nachklingen. Die hohen solistischen Qualitäten des Orchesters bestätigten sich im Leuchtfeuer der Klarinette von Regula Schneider oder im souveränen Goldton von Lukas Chris­tinats Solohorn.

Dass dieser Beethoven-Maschine nichts Mechanisches anhaftete, dafür sorgte auch das Orchester als Ganzes. Da staunte man über die ungeahnten Steigerungsmöglichkeiten im Finale, das dem Geschwindigkeitsrausch zu tänzerischer Beschwingtheit verhalf und doch noch einen Schuss Pomp beimischte.

Feinste Luzerner Tradition seit 1806

Gerade beim allbekannten Repertoirewerk wurde das LSO dem Ruf gerecht, «das lebendigste, spannendste Orchester in der Schweizer Kulturlandschaft» zu sein, wie Musikkritiker Peter Hagmann in einem der Statements auf der Solidaritätshomepage schreibt.

Und so war sie mit dem Werk, das ein Jahr nach der Gründung des Luzerner Orchesters entstand, endgültig da: die Dringlichkeit, die aus den Solidaritätsvoten spricht und die der Autor Rolf Dobelli da so auf den Punkt bringt: «Feinste Luzerner Tradition seit 1806. Wichtiger für die Schweiz als die Kapellbrücke».

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

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