LUZERNER THEATER: Beim Zaubern zieht das junge Publikum immer mit

Zweierlei Zauber: Kinderproduktionen von ­Lucerne Festival und des Luzerner Theaters zeigten, wie gross der Spielraum und das Potenzial von Musikvermittlung ist.

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Für Kinder nur Spass? Szene aus «Bastien und Bastienne» am Luzerner Theater. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Für Kinder nur Spass? Szene aus «Bastien und Bastienne» am Luzerner Theater. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Wie weit soll man Kindern im Theater nicht nur Spass bieten, sondern sie über diesen hinaus anspruchsvoll fordern? Es war ein ungünstiger, aber auch hintersinniger Zufall, dass Lucerne Festival und das Luzerner Theater am Sonntag fast zeitgleich Produktionen für Kinder und Jugendliche zeigten. Denn die Tanzproduktion «Ein kleiner Prinz» im Luzerner Saal des KKL (ab acht Jahren) und Mozarts «Bastien und Bastienne» als Kinderoper im Theater (ab sechs) gingen ganz unterschiedliche Wege.

Musik und Tanz mit hohem Anspruch

Einen hohen Anspruch signalisierte Lucerne Festival Young schon mit der Idee, die Reise des kleinen Prinzen künstlerisch umzusetzen. Dreizehn Tableaus wie «Die Rose» oder «Die Eitelkeit» stellten Bezüge zu Saint-Exupérys Erzählung her. Der kleine Prinz (Julius Winkelsträter) entdeckt den Piloten (Yohan Stegli), dessen Flugzeug im Sturm abstürzt. Sie werden auf zugleich rührende und humorvolle Art und Weise Freunde, wobei keine Rolle spielt, dass der kleine Prinz ein Down-Syndrom hat (Ausgabe vom Freitag).

Die starken Darsteller gestalteten ihre Reise in jedem Moment mit grosser Hingabe und Präsenz. Die auswendig spielenden Musiker wurden in die Handlung einbezogen, die Tänzer bewegten sich präzise und differenziert. Sie statteten die Bühne mit Requisiten aus, spielten auch mal einen Flugzeugpropeller, sangen.

Die durchlässigen Grenzen zwischen den Disziplinen entfalteten eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Entsprechend gebannt verfolgten kleine wie grosse Gäste auf Sitzkissen im Luzerner Saal die nuancenreichen Bilder. Von Kevin Haigen und dem Produktionsteam kreiert, reichten sie von zarter Poesie im eröffnenden Pas-de-deux der Rose und des Blinden bis zu herausfordernder Expressivität in der Solosequenz «Die Schande».

Doch die Inszenierung erhob nie den moralischen Zeigefinger, war frei von Pathos, Kitsch und Klamauk. Vielmehr berührte sie und zeigte feinsinnigen Humor. Die im Stück gestellte Frage «Heisst Mensch sein nicht, Verantwortung fühlen?» beantwortete sie mit einem schlichten Ja.

Theater punktet mit Interaktion

Die Verantwortung anders wahrgenommen hat das Luzerner Theater mit seiner halbszenischen Aufführung von «Bastien und Bastienne». Viel konkreter als im Luzerner Saal war hier der Vermittlungsanspruch spürbar. Die Geschichte erzählt von Bastien (Robert Maszl) und Bastienne (Carla Maffioletti), die zusammen Schafe hüten und beste Freunde sind. Sie entfremden sich und finden dank eines Zauberers (Szymon Chojnacki) wieder zueinander.

Als Erzähler in rotem Gehrock kommentierte Intendant Dominique Mentha das Geschehen. Bald berief er Kinder aus dem Zuschauerraum als Schafherde auf die Bühne. Dann liess er das Publikum mit einem Strick Zauberer aus dem Bühnenboden ziehen. Erst dem dritten Kandidaten gelang es, wie gewünscht Blitz und Donner herbeizuzaubern. Eigentlich sei er aber nur ein teurer Psychiater.

Wie könnte nun Bastienne ihren Bastien wieder für sich gewinnen, wurden die Kinder gefragt. Eines antwortete, sie solle sich als edle Dame verkleiden und ihn zur Rede stellen. Dass gleich dieser erste Vorschlag ins Schwarze traf, überraschte den Erzähler. Wer aber die Einführung besucht hatte, wusste: Genau die Frage, ob dieser Plan aufgehen würde, bildete dort den Cliffhanger für die Aufführung. So kündigte der Moderator kurzerhand den «spannendsten Teil eines Opernbesuchs» an: die Pause.

In der zweiten Hälfte waren weniger Erläuterungen vonnöten, und die reizende Musik des jungen Mozart konnte zu fliessen beginnen. Jedoch erschwerte das auf der Bühne platzierte Luzerner Sinfonieorchester (Leitung: Florian Pestell) die Textverständlichkeit – wobei sich dank des einfachen deutschen Texts einige Erläuterungen erübrigt hätten.

So sehr Freundschaft und Liebe schon für Kinder relevant sein mögen: Die Aufarbeitung im Theater verunklarte sie auch in häufigen Wechsel zwischen Moderation, Musik und Aktion. So war über den Spass hinaus kaum eine Auseinandersetzung mit dem Thema spürbar, wie ihn der «Kleine Prinz» mit seinem poetischen Zauber bot. Dafür punktete das Theater mit Interaktion und trickreicher Zauberei. Und Zauberkunst, das zeigten beide Produktionen, zieht so oder so Kinder magisch an.

Katharina Thalmann

Hinweis

Weitere Vorstellungen: «Bastien und Bastienne»: So, 10. April, 13.30 Uhr, Interaktive Einführung für Kinder: 12.45 Uhr, Luzerner Theater. VV: Tel. 041 228 14 14.