LUZERNER THEATER: «Casta Diva» lässt die Gefühle lodern

Eine Belcanto-Oper als ­Sängerfest: Bellinis «Norma» macht nach einem spannenden Regie­auftakt die Gefühlsraserei betrogener Frauen zum Ereignis.

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Verbinden Belcanto-Kunst mit drastischem Realismus: Marie-Luise Dressen als Adalgisa, Morenike Fadayomi als Norma. (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

Verbinden Belcanto-Kunst mit drastischem Realismus: Marie-Luise Dressen als Adalgisa, Morenike Fadayomi als Norma. (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

Urs Mattenberger

Was für ein Anfang! Die Menschen brauchen nicht so sehr einen Gott, sondern Wunder, raunt es aus Lautsprechern im Publikumsraum. Und davon künden auf der Leinwand, die als Bühnenvorhang dient, auch die unzähligen schwarzen Vögel, die im Schattenriss ausschwärmen und schliesslich den ganzen Himmel verdunkeln.

Aber nicht nur hinter Gott setzt diese Produktion am Luzerner Theater ein Fragezeichen. Das gilt auch für die Wunderwelt, für die in Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper «Norma» die gleichnamige Priesterin steht – sie soll ihrem Volk mit obskurer Zeichendeuterei, auf die die Vogelflüge verweisen, das Signal geben für den Aufstand gegen die römischen Besatzer.

Während das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Howard Arman in der Ouvertüre mit viel Brio Vogelschwärme anfeuert, finden auf der Bühne schon mal die Endproben für den grossen Auftritt am Schluss der Oper statt: Die Norma setzt sich in Priesterinnenpose in Szene, der Anführer Oroveso – Flurin Caduff als freakiger Regisseur – lässt die Statistinnen sie anhimmeln und rückt die Szene mit einem fahrbaren Scheinwerfer ins rechte Licht.

Ein Sängerfest

Die eigentliche Ernüchterung bei der Premiere am Samstag lag darin, wie wenig die deutsche Regisseurin Nadja Loschky von diesem Auftakt weiterführt. Die Hinterbühnen-Räume von Daniela Kerck bleiben zwar ein Ort für konspirative Treffen von Orovesos Résistance-Truppe (der Theaterchor mit viel Schlagkraft). Und wenn zum Schluss der ­Ouvertüre die Kinder, die Norma heimlich mit ihrem untreuen römischen Geliebten Pollione zeugte, ihr in die Arme fliegen, blitzt die private Tragödie auf, die das Stück so bedrängend wie zeitlos aktuell macht und die Loschky mit Stofftieren präsent hält.

Man kann darüber die aufwendig exponierte Rahmenhandlung glatt vergessen. Loschky, die in Luzern zuletzt erfolgreich Händels «Alcina» verspiegelte, beschränkt sich auf Requisiten wie aus dem Fundus. Ein abgeschossenes Lavabo steht für Reinigungsrituale, die aus der Mode gekommen sind. Die Heimatlosigkeit der betrogenen Frauen symbolisiert der Koffer, den Normas junge Novizin Adalgisa für ihre geplante Flucht mit Pollione nach Rom gepackt hat.

Dennoch bringt der Abend den emotionalen Zündstoff zum Lodern in dieser Dreiecksgeschichte um einen Mann, der die Mutter seiner Kinder für eine junge Geliebte verlässt. Denn diese bis in Nebenrollen ansprechend besetzte «Norma» ist vor allem das, was man von einer Belcanto-Oper zuerst erwartet: ein Sängerfest. Und das, obwohl Jutta Maria Böhnert krankheitshalber die ersten Vorstellungen absagen musste.

Starke Frauen

Das war umso bedauerlicher, weil sie als Ensemblemitglied für diese Titelrolle prädestiniert scheint. Aber die Gastsängerin Morenike Fadayomy liess, einmal aufgewärmt, keine Wünsche offen. Sie liess im Ohrwurm «Casta Diva» die Stimme ätherisch schweben, steigerte die Verzweiflung der betrogenen Frau koloraturwendig und mit mühelos leuchtenden und durchdringenden Spitzentönen zur emotionalen Raserei. Wie sie artifizielle Kunstfertigkeit mit drastischem Realismus verband, war das vokale Ereignis dieser Premiere.

Einmal mehr grossartig ist Marie-­Luise Dressen als Adalgisa. Ihr Sopran verbindet sich in den Ensembles mit Norma zu jenem Wohllaut, der diese Oper populär macht, und hat doch die nötige Kraft und Schärfe für die Verletztheit einer jugendlichen Liebe. Einen schweren Stand zwischen so viel Frauenpower hat der Pollione von Carlo Jung-Heyk Cho. Er findet zwar im Verlauf des Abends zu einem betörenden Schmelz, der die Versöhnung mit Norma im gemeinsamen Tod auf dem Scheiterhaufen plausibel macht. Aber die Wechselbäder, in die ihn sein triebgesteuerter Liebesbetrug stürzt, macht er so wenig wie diesen selbst darstellerisch glaubwürdig.

Alles in allem dürfte diese Produktion damit zum erwarteten Publikumsrenner der letzten Saison von Dominique Men­tha werden. Dazu gehört, dass das Luzerner Sinfonieorchester neben dem Brio auch viel kammermusikalische Feinheiten bis hin zu betörender Holzbläserhypnose beisteuert. Es gibt sie eben doch, die Wunder. Nur finden sie an diesem Abend in der Musik statt.

Hinweis

Vorstellungen: 17./26./30. März, 3./8./10. April, 3./16./21./24./26. Mai, 2./5./10. Juni. Infos: www.luzernertheater.ch