LUZERNER THEATER: Das Raumtheater greift nach Himmel und Hölle

Auf den ersten Blick setzt der zweite Opern-Spielplan von Benedikt von Peter weniger auf grosse Zugpferde – in der laufenden Saison waren das mit «Rigoletto», «Zauberflöte» und «La Traviata» mindestens drei.

Drucken
Teilen
Luzerner Theater. (Bild: PD)

Luzerner Theater. (Bild: PD)

Aber der Eindruck täuscht, weil Letztere in der folgenden Saison wieder aufgenommen werden. Und zu ihnen kommt mit Verdis «Falstaff» wieder ein drittes hinzu. Die Komödie nach Shakespeare inszeniert der Intendant, weil sie ideal ins Theater hineinpasst: «Schnelle Musik und Handlung braucht kleine Räume!»

Die zweite Frage ist, ob von Peters Umgang mit Räumen wieder Produktionen mit Kultpotenzial schaffen, wie es der «Rigoletto» in der Fabrikhalle hatte. Diesbezüglich sogar einen Schritt weiter gehen dürften Schumanns Faust-Szenen, ein «Erlösungsschrei» des Komponisten – so von Peter – kurz vor seiner geistigen Umnachtung.

Das «installative Oratorium» («Rigoletto»-Regisseur Marco Storman) umspielt den Theaterplatz – aufgeteilt zwischen Luzerner Theater und Jesuitenkirche, die Fausts «vom Himmel durch die Welt zur Hölle» repräsentieren. So wird der Sänger des Faust (im Theater) über Video in die Kirche projiziert, deren Klangbild (Orchester und ein eigens formierter Theater-Projektchor) ins Theater übertragen wird. Auch die Zuschauer können über den Theaterplatz ihren Standort wechseln.

Szenisch hat so jede Neuproduktion ihr Zugpferd. Im Fall von György Ligetis Polit-Groteske «Le Grand Maccabre», ein prominenter Beitrag zum Lucerne Festival, garantiert Starregisseur Herbert Fritsch eine «Gothic-Operette» mit «Commedia dell’ Arte für Fortgeschrittene». In Jules Massenets Oper «Manon» kann man der hinreissenden Traviata Nicole Chevalier zusätzlich begegnen (wiederum in der Regie von Storman). Das mit einer Rossini-Komödie erprobte «semikonzertante» Format nutzt von Peter jetzt für eine Belcanto-Tragödie, Donizettis «Maria Stuarda». In «Flow my Tears» begibt sich Regisseur Wouter Van Looy («Zauberflöte») mit Sängern auf melancholische Spurensuche zwischen John Dowland und Punk.

Auch im Musiktheater kooperiert das Theater vermehrt mit anderen Akteuren. «Feeling Gatsby» erkundet mit Schauspielstudenten aus Zürich und Jazzstudenten der Musikhochschule Luzern das explosive Lebensgefühl der Roaring Twenties. Für das Format «Open Box» erfinden Musiker aus dem Umfeld von Südpol und Sedel sechs Musiktheaterabende mit Opernsängern, Schauspielern und Tänzern des Luzerner Theaters.

Weite Kreise im Tanz

Noch weiter zieht Luzern Tanz den Kreis solcher Zusammenschlüsse. In «Beyond perfect» werden tanzinteressierte Menschen mit Behinderung einbezogen. In «Hinter Türen» werfen zu Cello-Musik (Gerhard Pawlica) Tänzer auf der grossen Bühne einen choreografischen Schlüsselloch-Blick in private Räume (Choreografie: Jo Stromgren), in der Box bietet McNurney Tanzworkshops für Erwachsene (zu Retro-Pop) sowie Kinder an. Aber auch der Tanz zieht das Thema Räume weiter: Der Choreograf Georg Reischl und der Schlagzeuger Vincent Glanzmann wechseln von der Rundumperspektive im Globe (Anfang dieser Saison) in die viereckige Box.

Einen besonderen Höhepunkt bildet der dreiteilige Tanzabend «Roll ’n’ Rock It!». Zum einen kommt hier ein Werk des gefragten Choreografen Johan Enger zur Schweizer Erstaufführung. Und diese sowie zwei weitere Choreografien von Marco Goecke und Fernando Hernando Magadan übersetzen menschliche Konstellationen in zeitgenössischen Tanz und in Musik – von Johnny Cash, Van Morrison und The Doors.

 

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch