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LUZERNER THEATER: Der Tod grinst traurig wie ein Clown

Die Premiere von György Ligetis «Le Grand Macabre» bot eine prominente Plattform für die «Kulturstop»-Aktion: Kultregisseur Herbert Fritsch illustriert die Groteske zunächst ohne Überraschungen, aber gibt später doch noch einen drauf.
Urs Mattenberger
Absurde Welt als Spiegelkabinett: Claudio Otelli in der Todes-Rolle des Nekrotzar. Bild: Ingo Höhn/LT

Absurde Welt als Spiegelkabinett: Claudio Otelli in der Todes-Rolle des Nekrotzar. Bild: Ingo Höhn/LT

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

So drastisch haben wir uns das Ende der Kultur dann doch nicht vorgestellt. Eine Leiche liegt schon am Boden, die Musik aus dem Orchestergraben stichelt und peitscht immer heftiger. Die lüsterne Domina in Strapsen, die eben noch auf einem der Särge thronte, treibt die impotenten Männer-Hanswurste in den Wahnsinn. Da packt er endlich zu, der Hüne im feuerroten Batman-Kostüm im Rokokostil, würgt die Domina in die Knie und macht ihrem schrillen Gegacker mit einem Vampirbiss ein Ende.

Danach ist erst mal Schluss: Musik, Gesang und Bewegungen erschlaffen, als wäre mit dem letzten Atemzug der Domina das Leben auch aus ihnen gewichen. Fünf Minuten lang eingefroren die Glupschaugen der trotteligen Männer und das schlitzohrige Grinsen des Todes, schmerzverzerrt das Gesicht der Frau: So kommt es, erfahren wir Premierenbesucher am Freitag, wenn man die Kultur abwürgt, indem man ihr die Fördergelder streicht.

Den kabarettistischen Biss bewahrt

Auf den ersten Höhepunkt von György Ligetis Totentanz-Groteske «Le Grand Macabre» hatte das Luzerner Theater nämlich seinen Beitrag zur Aktion «Kulturstopp» der Luzerner Kulturinstitute angesetzt. Ein Mahnmal vor der Kantonsratssitzung, die morgen die Weichen stellt für Einsparungen, von denen massiv auch die Kultur betroffen wäre: Angekündigt hatte dies Intendant Benedikt von Peter bei der Begrüssung – verbunden mit dem Dank an Regierungsrat Reto Wyss für seinen Einsatz für die Kultur.

Eine prominentere Plattform hätte man sich für diese Aktion nicht denken können. Schliesslich versprach die Inszenierung von Kultregisseur Herbert Fritsch (vgl. Interview in der Ausgabe vom Freitag) einen Event der Extraklasse. Die Bänke, die den für diese Saison labyrinthisch bemalten Theaterplatz durchschnitten, waren mit VIPs aller Art aus der Kulturszene besetzt. Und die Vorstellung im Haus war restlos ausverkauft. Das Prinzip Sehen und Gesehenwerden galt bei dieser Spielzeiteröffnung mehr noch als in den Sinfoniekonzerten des Lucerne Festival, zu dem das Theater diese Produktion beisteuert.

Gemessen an den Erwartungen an einen Regisseur, der radikal noch «eins draufgibt» (Fritsch im Interview), liess sich der Abend freilich etwas harmlos an. Klar, Ligetis absurde Farce hat ihren kabarettistischen Biss bewahrt: Der Tod – grossartig in seiner clownesken Mischung von Schlitzohr und Trauer: Claudio Otelli – will eine verhurte, versoffene und bis in die Regierungsmarionetten vertrottelte Gesellschaft untergehen lassen, verschläft aber im Suff den machtvoll beschworenen Weltuntergang.

Magie aus dem Bühnengrab

Ligeti setzt dem zwar eine Gegenwelt gegenüber: Als Liebespaar, das im Grabversteck das Tohuwabohu verpasst, durchziehen Magdalena Risberg und Karin Torbjörnsdottir den Abend mit Gesängen von schmerzhaft betörender Süsse. Vor allem aber spitzt die Musik – detailscharf das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil – das Grand-Guignol-Spiel mit grellen Farben und Gesten zu. Damit ist das Werk eine fast zu dankbare Vorlage für Fritschs exzessiv-körperhaften Regiestil. Im ersten Teil wirkt die theatrale Umsetzung wie eine illustrative Verdoppelung der Musik, ohne deren Radikalität zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen.

Wäre da nicht die Bühne, die eine Magie eigener Art entfaltet: In der zentralen Graböffnung, die scharf aus dem schwarzen und spiegelglatt polierten Bühnenboden herausgeschnitten ist, inszeniert Fritsch wundersames Kasperletheater: Köpfe gleiten wie abgeschnitten, wie Seerosen in einem Bassin hin und her. Finger krabbeln ameisenhaft daraus hervor, später tauchen aus diesem Urgrund Figuren auf oder verschwinden in der Versenkung. Spiegelungen verdoppeln all das labyrinthisch auf dem Boden. Und sie lösen mit den kräftig-bunt malenden Farben des Lichts (David Hedinger-Wohnlich) und der Kostüme (ein comicbunter Requisiten-Ersatz von Bettina Helmi) die mit Schlagzeug umstellte Bühne ins Surreale auf.

Doch noch ein echter Fritsch

Also doch ein echter Fritsch? Das gilt so richtig für den zweiten Teil. Da hätte die handfeste Politiker-Satire wohl auch Zuschauern den Zugang erleichtert, denen der Anfang zu wirr war und die in der Pause nach Hause gingen. Und hier findet Fritschs Regie zu umwerfend doppelbödiger Slapstick-Komik, die reihenweise Lacher im Premierenpublikum provozierte.

Da zeigt sich, dass seine Regiearbeiten weniger vom Konzept als von den Darstellern lebt. Exem­plarisch gilt das für den Fritsch-erprobten Hubert Wild: Wie er als Fürst Go-Go mit einer ganzen Palette von Ticks Lächerlichkeit mit existenzieller Tragik mischt, muss man einfach gesehen haben. Wendige Fritsch-Darsteller sind aber auch im zahlreich geforderten Theater-Ensemble, neben den genannten etwa Robert Maszl als Piet vom Fass und Diana Schnürpel. Ihre vokal fulminante Venus steht auch für das hohe sängerische Niveau, welches diesen Abend doch noch zur Vorzeigeproduktion nicht zuletzt für das Theater macht.

Hinweis

Nur acht weitere Vorstellungen: heute (13.30 Uhr), 17., 22., 24., 29. September, 7., 15., 20. Oktober.

www.luzernertheater.ch

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