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LUZERNER THEATER: «Dies ist eine gute Zeit für den Tanz»

Kath­leen McNurney sagt, wie man einen Ballettklassiker wie ­«Giselle» zeitgenössisch tanzen kann. Und wie das in die Theatervision des neuen Intendanten hineinpasst.
Interview Urs Mattenberger
Kathleen McNurney leitet den Tanz am Luzerner Theater. Und sie ist einer der wenigen Mitarbeiter, die dem Theater auch unter dem neuen Intendanten erhalten bleiben. (Bild Roger Grütter)

Kathleen McNurney leitet den Tanz am Luzerner Theater. Und sie ist einer der wenigen Mitarbeiter, die dem Theater auch unter dem neuen Intendanten erhalten bleiben. (Bild Roger Grütter)

Interview Urs Mattenberger

Die Amerikanerin Kathleen McNurney (61) wird den Tanz im Luzerner Theater auch unter der Intendanz von Benedikt von Peter ab der nächsten Spielzeit weiter leiten. Ihre Ausführungen zum Ballettklassiker «Giselle», der am Freitag in der Choreografie von Gustavo Ramirez Sansano Premiere hat, sind deshalb auch ein Ausblick auf die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes am Luzerner Theater.

«Giselle» wurde zum Ballettklassiker, weil darin verstorbene Jungfrauen, die nach Mitternacht als «Wilis» Männer ins Verderben ziehen, erstmals auf der Spitze tanzten. Geht dieser Zauber nicht verloren, wenn man Adolphe Adams Musik mit zeitgenössischem Tanz interpretiert?

Kathleen McNurney: Der Tanz auf der Spitze war bei der Uraufführung des Stücks 1841 tatsächlich etwas Neues. Allerdings entsprach der damalige Spitzentanz nicht dem, wie wir ihn heute kennen. Die Schuhe waren auch an der Spitze weich, was ein lautloses Schweben über die Bühne erlaubte. Der Eindruck der Schwerelosigkeit, den das bewirkte, muss wie ein Wunder gewirkt haben. Und natürlich verfehlt das auch heute nicht seine Wirkung, wenn ein grosses Corps de ballet das auf harter Spitze mit absoluter Präzision tanzt. Trotzdem ist das nach den Erfahrungen mit zeitgenössischem Tanz in eine historische Ferne gerückt. So, als würde man im Museum ein wunderbares Bild anschauen.

Also kann Tanz rascher veralten als die Musik, die noch immer im Original gespielt wird. Gilt das auch für die «Giselle»-Choreografie von Heinz Spoerli, in der sie in Basel in den 80er-Jahren selber getanzt haben?

McNurney: Ich habe in Spoerlis Choreografie sicher 150-mal getanzt und sie 1500-mal geprobt. Ich kenne sie deshalb so gut, dass ich das Gefühl habe, ich könnte das jetzt noch tanzen! Aber ich habe mir tatsächlich die DVD der damaligen Produktion angeschaut. Spoerli liebte den Neoklassizismus, aber er bezog bereits moderne Elemente mit ein, weshalb seine Giselle schon damals nicht altmodisch wirkte.

Wieso führt man eine solche Choreografie im Sinne einer Repertoire-Bildung im Tanz nicht noch einmal auf?

McNurney: Das wäre in diesem Fall ohnehin nur mit einer grossen Compagnie möglich. Und bei dieser macht es ja auch noch immer Sinn, wenn sie Klassiker mit den im Grunde immer ähnlichen Tanzschritten aufführt. Eine kleine Compagnie wie unsere in Luzern hat umgekehrt die Chance, eine neue Interpretation zu suchen, die zu ihren Möglichkeiten passt. Aber abgesehen von solchen Fragen war ich auch überrascht, dass bei Spoerli das Tempo viel langsamer war. Zudem hat Mats Ek kurze Zeit darauf gezeigt, wie man diese Ikone des Spitzenballetts auch ganz zeitgenössisch interpretieren kann. Und zwar so, dass es zur Musik von Adam mit ihrem Schwung passt. Zum Zauber des Stücks gehört ja, dass die Musik selber quasi in der Luft ist, so wie das der Tanz auf der Spitze suggeriert. It’s magic!

Wie hat sich denn seither der zeitgenössische Tanz verändert, dass er diese Magie umsetzen kann?

McNurney: Heute geht es längst nicht mehr nur um mechanische Technik, für die der Spitzentanz exemplarisch steht und die die Individualität der Tänzer auch einschränkt. Der zeitgenössische Tanz betreibt quasi Recherchen am menschlichen Körper, etwa mit Spiralbewegungen, die den Tänzer nicht nur von vorne, sondern gleichzeitig von hinten, von oben und von unten zeigen. Das ergibt eine viel grössere Vielfalt an Bewegungen, aber auch an Ausdruck zwischen elementarer Kraft und schwebender Leichtigkeit. Und das führt auch zu einem ganz neuen Umgang mit dem Raum selber. Zudem bringen sich heute die Tänzer mit ihrer Individualität in diesen Prozess viel mehr selber ein. Ich denke, wir leben in einer Zeit, die für den Tanz sehr spannend ist!

Schwebende Leichtigkeit – das gibt es also auch ohne Spitze in der «Giselle»-Choreografie von Gustavo Ramirez Sansano?

McNurney: Sicher! Auch da wird nicht alles auf dem Boden getanzt! Alle Tänzer unserer Compagnie sind ausgebildet im klassischen wie im zeitgenössischen Tanz, und Sansano nutzt alle Möglichkeiten, die das bietet. Das war in den Proben ungemein anspruchsvoll, aber die Tänzer sind begeistert und jedenfalls in höchster tänzerischer Form!

Sansano verlegt die Geschichte in die Sechzigerjahre – wo hat es da für den Geisterzauber der «Wilis» Platz?

McNurney: Die Geschichte vom Bauernmädchen, das aus gesellschaftlichen Gründen nicht mit dem Geliebten zusammenfinden kann, ist im Grunde zeitlos. Wir wollten das deshalb näher an unsere Zeit rücken, ohne das in heutigen Jeans zu spielen. Die frühen Sechzigerjahre stehen zudem für eine Zeit, in der es, vor der Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King, noch eine naive, fast «romantische» Zukunftsgläubigkeit gab. Auch das ist, passend zum Stück, eine Art Kunstwelt.

Auch da prallen wie in der Vorlage mit der trügerischen Dorfidylle im ersten und dem Geisterspuk im zweiten Akt Gegenwelten aufeinander.

McNurney: Ja. Der erste Akt spielt auf einer Zeitungsredaktion, in deren strengen Hierarchien sich die Standesunterschiede von damals wiederholen. Im zweiten Akt sucht sich Giselle spirituelle Hilfe in einem Kloster. Aber mehr möchte ich dazu nicht verraten.

Damit steht diese Produktion programmatisch für Ihren Tanz am Luzerner Theater. Narrative, zeitgenössisch getanzte Bewegungslust statt abstrakte Konzepte: Das passt offenbar zu den Ideen des neuen Intendanten Benedikt von Peter.

McNurney: Natürlich habe ich mit ihm über die Ausrichtung des Tanzes am Luzerner Theater gesprochen. Zudem engagiere ich nicht etablierte, sondern junge tatendurstige Choreografen, die selber zur Generation von von Peter und seinem Team gehören. Und ich habe in diesen Jahren viel über das Haus und über das Luzerner Publikum gelernt und kann diese Erfahrungen mit einbringen. Das freut mich auch, weil ich ein grosses Vertrauen des Publikums spüre. Wenn mich nach einer Vorstellung eine Besucherin am Ärmel zupft und schwärmt, wie gerührt sie war, ist das für mich der grösste Ansporn. Mein heimliches Motto «We move to move you», also die Leute mit unserer Arbeit zu rühren, passt jedenfalls auch zu von Peters Theatervision.

Hinweis

Premiere: Freitag, 25. September, um 19.30 Uhr mit der Tanz-Compagnie des Theaters und dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Boris Schäfer.

Verlosung: Wir verlosen 3-mal 2 Tickets für die Vorstellung vom 3. Oktober, 19.30 Uhr, im Luzerner Theater. Wählen Sie bis Montag, 24 Uhr, die Telefonnummer 0901 83 30 25 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzerner­zeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

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