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LUZERNER THEATER: Dieser «Faust» verlangt starke Nerven

Robert Schumanns «Faust-Szenen» gehen unter die Haut. Benedikt von Peters installatives Oratorium geht Risiken ein. Und steht so symptomatisch für eines von Fausts Dilemmata.
Katharina Thalmann
Faust (Sebastian Geyer) in Bedrängnis. Es ist eine der Szenen, welche sich in der Jesuitenkirche abspielt. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Faust (Sebastian Geyer) in Bedrängnis. Es ist eine der Szenen, welche sich in der Jesuitenkirche abspielt. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Gretchen geht nicht. Sie wandelt. Von der Kirche zum Theater, über die Bühne, zurück zur Kirche. Sie ist der Wegweiser. Robert Schumanns «Szenen aus Goethes Faust» gliedert sich in drei Teile mit sieben Szenen. Die Anlage hat fragmentarischen Charakter.

Regisseur Benedikt von Peter reagiert darauf mit drei Schauplätzen: Das Intro erfolgt vor der Jesuitenkirche. Osterfeuer werden entzündet, der Theaterchor (unterstützt durch Kinderchöre und den 21st Century Chorus) mischt sich mit Grabkerzen unter das Publikum. Männer mit Headsets, Kameramänner und eine Drohne dokumentieren das Geschehen. Zufällig geht das Orchester des Bayerischen Rundfunks der Reuss entlang. Ein Geiger fragt in breitestem Bayerisch: «Ist das was mit Flüchtlingen?»

Orchester im Exil

Die Kirchentür geht auf, über Lautsprecher weht die Ouvertüre über den Fluss. Gretchen wandelt ins Theater, in einem Brautkleid mit langem Schleier und einem Strauss weisser Lilien. Touristen fotografieren die Prozession.

Im Theaterraum liegt Faust in Embryonalstellung auf der Bühne, trägt nichts als eine weisse Leggins und ein Tanktop. Hier beginnt Schumanns Geschichte: Faust verspricht Gretchen die Liebe. Die Luzerner Einmannshows werden immer radikaler: Hatte Falstaff in dieser Spielzeit noch das Orchester zu seinen Füssen, ist Faust nun ganz auf sich allein gestellt und wird von Gretchen und Mephisto (Vuyani Mlinde) heimgesucht. Das Luzerner Sinfonieorchester sitzt im Exil in der Jesuitenkirche. Via Glasfaserkabel wird es auf den Theaterplatz, ins Foyer und ins Theater selbst übertragen.

Sebastian Geyer von der Oper Frankfurt ist als Faust stimmlich eine Idealbesetzung. Das Changieren zwischen intimem Lied und opernhafter Stimmführung gelingt ihm besonders berührend in der Schlussarie «Hier ist die Aussicht frei». Weniger überzeugend ist Geyers Einmannshow im Theater: Schauspielerisch kommt er nicht an die Dringlichkeit eines Claudio Otelli im Titelpart von «Falstaff» heran.

Gretchen wird als klischierter weiblicher Archetypus dargestellt, als eine Mischung aus Mélisande und Ophelia, hysterisch bis paralysiert. Rebecca Krynski Cox singt die Partie wundervoll, ihr warmes Timbre bildet einen reizvollen Kontrast zu ihrem unheimlich konzentrierten Spiel.

Dieser erste Teil im Theater ist nichts für schwache Nerven. Besonders jene Szene, in der Gretchen ihr Kind verliert und sich mit blutigen Händen an Faust klammert, geht unter die Haut. Der Preis für diese Intensität ist hoch, das Outsourcing des Orchesters fordert musikalische Kompromisse: Zwar funktioniert das Timing der Übertragung einwandfrei. Aber Romantik lebt vom Rubato – das Musizieren kommt gegenüber dem Organisieren zu kurz. Bisweilen drängen sich, ob gewollt oder ungewollt, Karaoke-Assoziationen auf.

Auf dem Weg zu seiner Beerdigung hält Faust auf der Box eine Rede. Er und Mephisto, der im Fensterrahmen des Theater­foyers steht, liefern sich ein engagiertes Sängerduell. Für eine Viertelstunde ist die Inszenierung auch Freilichtspiel.

In der Kirche werden akustische Normalverhältnisse wiederhergestellt. Das Orchester wartet mit Wolldecken auf den Knien im Altarraum. Die Leistung des Luzerner Sinfonieorchesters und besonders des Dirigenten Clemens Heil ist grossartig.

Reigen tanzen um den Sarg

Auch die Wortschöpfung des «installativen Oratoriums» wird in der Kirche eingelöst: Pater Seraphicus (Jason Cox) und die Kinder tanzen im Mittelgang einen grotesken Reigen um Fausts Sarg. Er soll sich endlich hinlegen! Die unheimlichen Kids erinnern an Stanley Kubricks Film «Shining». Und spielen bestechend: Während der ganzen zwei Stunden bleiben sie in ihren Rollen, verziehen keine Miene. Als Mitglieder des Luzerner Mädchenchors und der Luzerner Sängerknaben überzeugen sie auch sängerisch.

«Gerettet!», freut sich der mörderische Engelschor – das ist wieder ein Moment, der unter die Haut geht: Man sitzt im Chor, ist ganz nah dran. Die Distanz, die im Theater durch das abwesende Orchester geschaffen wurde, ist aufgehoben und weicht opulenter bis grotesker Sinnlichkeit.

Dann beschwört Mephisto eine weisse Leinwand hinauf. Gretchen erscheint, inszeniert als bewegtes Götzenbild. Das ist ein monumentaler Anblick im Kirchenschiff, das Spiel mit Dimensionen ist eindrücklich. «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»: Das Publikum badet im Sound, die Chöre singen von allen Emporen. Das «installative Oratorium» wird zu einem Sammelbegriff: Die Luzerner «Faust-Szenen» sind Kammerdrama, Horroroper und Freilichtspiel in einem. Sie wollen alles, und noch viel mehr – genau wie Faust, der ewig Strebende. Das ist konsequent. Und vielleicht des Pudels Kern.

Hinweis

Noch 12 Vorstellungen bis 17. Mai. Infos: www.luzernertheater.ch

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