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LUZERNER THEATER: Dominique Mentha hat den Auftrag erfüllt – aber anders als erwartet

Als Intendant sollte Dominique Mentha mehr Publikum gewinnen. Jetzt, wo er geht, erweisen sich seine künstlerischen Signale als wichtiger.
Dominique Mentha am Nachmittag beim Apéro im Luzerner Theater im Gespräch mit Gästen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Dominique Mentha am Nachmittag beim Apéro im Luzerner Theater im Gespräch mit Gästen. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Bilder vom Abschiedsfest für Dominique Mentha finden Sie auf www.luzernerzeitung.ch/bilder

Urs Mattenberger

Es war ein Zufall mit Symbolkraft: Kurz vor dem Abschiedsfest des scheidenden Theaterintendanten Dominique Mentha und seiner Ensembles gestern war die Aufrichte der Box vor dem Theater abgeschlossen. Dass in dieser Box Menthas Nachfolger seine erste Spielzeit eröffnen wird, verwies bereits auf die Zukunft ohne das bisherige künstlerische Leitungsteam, das wie die Ensembles ausgewechselt wird (mit Ausnahme von Kathleen McNurney als Leiterin von Luzern Tanz).

Dass die Box dem Fest am Rand wohl etwas die Show stahl, war symptomatisch für die zwölf Jahre, die Dominique Mentha das Luzerner Theater leitete. Als er antrat, mass man seine Arbeit andauernd an der Ära Mundel, die mit modernem Regietheater über die Region hinaus Aufsehen erregte, aber in der Region Publikum verlor. Und jetzt, am Ende seiner Intendanz, verweist die Box auf Benedikt von Peter, der mit der Idee eines zwar innovativen, aber publikumsnahen «Raumtheaters» hohe Erwartungen an einen Neuanfang schürt – wenn auch mit von Peters Bekenntnis zu «Volksnähe» und gegen kopflastiges Regietheater unter ganz anderen Vorzeichen, als das unter Mundel der Fall war.

Schwierige Zahlen

Schon diese griffigen Orientierungspole legen den Schluss nahe, dass man im Rückblick Menthas Intendanz als eine Art Interregnum interpretieren dürfte. Aber er hat genau den Übergang, den das auch bedeutet, erfolgreich gestaltet. Das gilt für die Stabilisierung des Theaters nach der Verunsicherung unter Mundel. Und es gilt, überraschenderweise in einem wohl höheren Ausmass, für dessen künstlerische Profilierung für die Zukunft unter von Peter.

Mentha selber hat im Abschiedsgespräch mit unserer Zeitung (Ausgabe vom 11. Juni) darauf hingewiesen, dass er den «Auftrag» hatte, Publikum zurückzugewinnen. Hat er diesen erfüllt aus Sicht des Stiftungsrats des Theaters, der diesen Auftrag erteilte? «Auf jeden Fall», meint Stiftungsratspräsidentin Birgit Aufterbeck Sieber, die als Beirätin des Luzerner Theaters Menthas späte Jahre begleitete und in der Findungskommission für die Wahl von Peters mitverantwortlich war: «Aufs Ganze gesehen waren das zwölf richtig erfolgreiche Jahre, in denen Mentha das Theater konsolidiert und künstlerisch weiterentwickelt hat.»

Das heisst aufs Ganze gesehen: Das Luzerner Theater zählte in den letzten zwölf Jahren im Durchschnitt 11 Prozent mehr Besucher als in der letzten Saison von Barbara Mundel (2003/04: 67 495). Im Detail sind die Zahlen aber nicht leicht zu interpretieren. Mentha verzeichnete zwar gleich in der ersten Spielzeit deutlich mehr Besucher (72 794) und steigerte sie zu Spitzenwerten, wenn mehrere Publikumsrenner programmiert waren – wie 2008/09 «Sugar» und «Don Giovanni» (81 090 Besucher) oder 2010/11 «Zauberflöte» und «West Side Story» (78 012). Danach aber sanken die Besucherzahlen auf rund 73 000, auch weil weniger Vorstellungen, Produktionen in Aussenspielstätten oder die Theaterrenovation die Platzkapazitäten verminderten.

Langer Intendantenzyklus

Dass sie 2014/15 beinahe wieder auf dem Stand Mundel anlangten (68 427), erklärt Aufterbeck als Ausnahmefall mit dem ambitionierten Jubiläumsspielplan und mit dem Zyklus, dem Intendanzen unterliegen: «Wenn sich der Neugierbonus zu Beginn abschwächt, gibt es oft eine Delle. Und selbst wenn der Intendant durch gute Arbeit mehr Publikum gewinnt, schwächt sich das gegen Ende häufig wieder ab.»

Für eine Intendanz, die auch Übergangscharakter hat, dauerte die Ära Mentha also wohl zu lange. So vermisste man visionäre Impulse von Seiten des Theaters, als mit der Diskussion um die Salle Modulable Bewegung in die Theaterszene kam. Hier verteidigte Mentha vor allem das Ensemble-Prinzip in einem Dreispartenbetrieb, das allerdings mit gutem Grund. Das beweist die Tatsache, dass die Diskussion darüber auch auf politischer Seite verstummt ist, seit klar ist: Theater mit Gästen ist auf diesem – oder gar auf einem höheren – Niveau schlicht teurer.

Menthas grosse Leistung

Bleibt die künstlerische Bilanz. Den defensiven Zug von Menthas Ära verrieten zwar bieder-pittoreske Produktionen, die schwer trugen am Kompromiss zwischen Publikumsakzeptanz und ambitioniertem Kunstanspruch. Aber im Rückblick fällt auf, wie sehr Mentha fern von der Versuchung, populistisch das Haus zu füllen, an diesem Anspruch festhielt. Das reichte vom Regietheater a la Mundel bis zum sinnlichen Raumtheater, wie es von Peter verspricht. Und viele Produktionen dazwischen bewiesen, dass Kompromisse nicht faul sein müssen, sondern vital Gegensätze zusammenbringen können.

Unvergesslich etwa bleibt die überbordende Fantasie im «Alice»-Musical von Tom Waits (in der Regie von Schauspielchef Andreas Herrmann) oder eine «Dreigroschenoper», bei der die Huren den Herren im Parkett auf den Schoss kletterten (eine Dreispartenproduktion unter der Regie von Vera Nemirova). Der Tanz brachte mit der Nussknacker-Version «Nuts» an der UG-Bar Spiel und Realität durcheinander, das Kinderhappening «Noahs Flut» flutete die Jesuitenkirche, als stünde sie offen zur Reuss. «Noah» stand als jugendliches Mitmachprojekt wie die Seniorentanzkurse oder zahlreiche Vermittlungsprojekte für die Nähe, die Mentha zur Stadt und zu den Menschen suchte.

Menthas grosse Leistung war deshalb, dass er trotz des bloss massvoll eingelösten Auftrags, Publikum zurückzugewinnen, das Theater als Ort engagierter Kunst verteidigte und nach aussen öffnete. Damit gleiste er viele Stränge auf, die Benedikt von Peter offensiv ausbauen wird. Auch dieser Übergang ist also gut vorbereitet. Birgit Aufterbeck: «Die Übergabe des Betriebs gelang ausgezeichnet, weil beide sich gegenseitig schätzen. Mentha bewies auch darin seine Grösse, dass er vorbehaltlos von Peter als ‹starken Nachfolger› unterstützte.»

Zielvereinbarungen für die Zukunft

Hat auch von Peter den Auftrag, mehr Publikum zu gewinnen? «Ja, auf jeden Fall, da haben wir ehrgeizige realistische Ziele», sagt Aufterbeck, die Zielvereinbarungen nicht öffentlich machen will: «Aber von Peter tritt in einer anderen Zeit ein konsolidiertes Theater an. Da gehen wir neue Wege, um auch ein jüngeres Publikum ausserhalb der Schulklassen zu gewinnen.» Aufterbeck nennt die höhere Zahl von Koproduktionen etwa mit Südpol und freier Szene, neue Ticket-Systeme, Festival-ähnliche Spielplanakzente sowie die Box, die gestern beim Abschiedsfest bestaunt wurde.

Und Aufterbeck verspricht sich eine Art Breitenwirkung von Produktionen wie Verdis «Rigoletto» in einer Viscose-Halle. Die erste Grossproduktion in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten hat umgekehrt Symbolkraft. Auch Men­tha nämlich begann vor 12 Jahren mit einer Produktion ausser Haus, Viktor Ullmanns KZ-Oper «Kaiser von Atlantis» in der Werft: eine von vielen Inszenierungen, die man vom Regisseur Mentha in lebhafter Erinnerung behält – mitsamt dem Tod, der mit dem Boot schwankend über den See kam, und dem Gefühl von frischer Brise auf der Haut.

Der abtretende Intendant führte bei seinem Abschiedsfest selber als Moderator durch den Abend. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Der abtretende Intendant führte bei seinem Abschiedsfest selber als Moderator durch den Abend. (Bild: Manuela Jans-Koch)

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