LUZERNER THEATER: «Dringend eine Beziehungspause»

Regisseur Bram Jansen wagt am Mittwoch mit Ibsens «Nora» das psychologische Verfahren einer Familienaufstellung. Wir haben Noras Familienkrise in einem echten Seminar in Kriens nachstellen lassen.

Julia Stephan
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Die gutbürgerliche Familie ist beim Dramatiker Henrik Ibsen ein schwelender Konfliktherd. (Bild: Getty)

Die gutbürgerliche Familie ist beim Dramatiker Henrik Ibsen ein schwelender Konfliktherd. (Bild: Getty)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Den ganzen Tag haben sie ihre persönlichen Familienkonflikte bearbeitet. Trotzdem bleiben sieben von neun Teilnehmern eines Familienaufstellungsseminars in Kriens an diesem Abend im Seminarraum der Psychotherapeutin Ruth Allamand sitzen. Gemeinsam wollen sie mit mir Noras Familienkrise lösen.

Eine alte Geschichte: 1879 hat sie der Norweger Henrik Ibsen (1828–1906) in seinem berühmten Bürgerdrama «Nora. Ein Puppenheim» skizziert: Eine Frau verlässt Ehemann und Kinder, weil sie erkennt: Ihre Ehe ist eine einzige Farce.

Im Theater eine beliebte Methode

Bevor der niederländische Regisseur Bram Jansen am Mittwoch eine Familienaufstellung auf der Bühne des Luzerner Theaters wagt, haben wir die Methode am eigenen Leib erprobt. «Die Arbeit der Regisseurs gleicht der Aufstellungsarbeit», sagt Kursleiterin Ruth Allamand. «Beiden geht es darum, die Beziehungen zwischen den Beteiligten sichtbar zu machen und um Konflikte AABB22besser verstehen zu können.» Kein Wunder, wird die vom deutschen Psychoanalytiker Bert Hellinger entwickelte Methode heute auch von Theatermachern genutzt.

Ich nehme neben der Therapeutin Platz und werde Nora. Meine 137 Jahre alten Probleme treffen in der modernen Runde auf offene Ohren. Man reicht mir Tee, und weil niemand mein Drama kennt, plappere ich wild drauflos wie ein lustiger Sommervogel. Dass ich am liebsten Makronen esse. Aber immer nur heimlich. Weil mein Mann das nicht will. «Die Süssigkeiten machen meine schönen weissen Zähne kaputt, sagt Torvald immer. Findet Torvald. Will Torvald», erzähle ich. Die Runde nickt. Sie versteht.

Ruth Allamand hat mehrjährige Erfahrung im Familienaufstellen. Sie fragt, welchen Aspekt meiner Geschichte mich interessiere. Die Nora in mir denkt kurz nach und meint dann traurig: «Meine Mutter und meine Rolle als Frau.» Im Stück ist einmal kurz die Rede von meiner Mutterlosigkeit. Für meinen literarischen Erschaffer Ibsen schien das genug der Andeutung. Das ärgert mich jetzt. Ich muss dem auf den Grund gehen.

Wo keine Mutter ist, fängt man am besten beim Vater an. Die Therapeutin bittet mich, unter den reihum sitzenden Teilnehmern die Stellvertreter meines bürgerlichen Kleinfamilienkerns auszuwählen: Vater, Mutter, Kind. Ich wähle Kurt*, einen älteren Herrn, zum Vater. Wie in dieser Therapieform üblich, führe ich ihn an den Schultern an den Platz, wo er meiner Meinung nach hingehört. Iris, meine Nora, strahlt trotz ihres Seniorinnenalters eine quirlige Jugendlichkeit aus. Plötzlich rezitiert sie, die Arme nach dem Vater-Stellvertreter ausstreckend, aus dem berühmten Chanson «Oh mein Papa»: «Oh mein Papa war eine wunderbare Clown.» Sie hat Sehnsucht nach ihrem Vater, der ihr so ähnlich sein soll.

Nur die zur Mutter gewählte Eva kommt nicht so recht aus sich heraus. Allamand fragt, ob sie sich dieser Gruppe Menschen verbunden fühle. Sie verneint. Setzt sich wieder. Und die Hände meiner Stellvertreterin-Nora sind plötzlich kalt.

Nun kommt noch Torvald ins Spiel, mein viel älterer Direktorengatte, der mich wie ein Spielzeug behandelt. Meine Wahl fällt auf Thomas. Später, wenn alles vorbei ist, wird er mir lachend verraten: «Sie hatten sich den Richtigen ausgesucht. Meine Partnerin ist Journalistin wie Sie und auch nicht viel älter.»

Wer darf an Noras Seite stehen?

Ruth Allamand fragt, ob die Stellvertreter das Gefühl haben, an der richtigen Stelle zu stehen. Nora stellt sich neben ihren Vater. Gatte Torvald ärgert das. «Wie soll ich so ihr Ehemann sein? Da verkrieche er sich doch lieber in seinem Arbeitszimmer. So macht er das bei Ibsen immer.»

Als der Grundkonflikt gefunden ist, wird es Iris zu viel. «Ich mach in diesem Theater nicht mehr mit», ruft sie. Warum ihr das Thema so nahegeht, weiss nur sie selbst. Sicher ist: Auch Iris trägt einen Familienkonflikt mit sich herum. Sonst wäre sie heute Abend nicht hier.

Also bittet die Therapeutin mich, wieder selbst in die Nora-Rolle zu schlüpfen. Ich willige zögernd ein. Mein Vater und mein Ehemann stehen nebeneinander und blicken auf mich, ihr Puppenkind. Mein Blick wandert zwischen den beiden: «Wer ist jetzt schon wieder mein Mann?», frage ich aufrichtig ratlos. Die Runde kichert. Auf einmal wird allen klar: Diese Frau kann weder Mutter noch Ehefrau sein. Sie ist ein mutterloses Mädchen, das sich in der Rolle der Vatertochter verfangen hat, weil ihr ein Mutter- und Gattinnenvorbild fehlt.

Konfliktscheu – ja oder nein?

Die Meinungen der Gruppe ob des fluchtartigen Abgangs der Nora bleiben gespalten. Einer meint: «Das einzig Richtige.» Eine andere findet: «Ich begreife zum ersten Mal, dass diese Bühnenfigur gar nicht so emanzipatorisch handelt, wie immer behauptet wird. Eine starke Frau würde sich diesem Konflikt stellen.»

Was schlägt die Therautin vor? Auch sie hat für das Paar eine durchwachsene Prognose. «Erstmal herausfinden, ob die Beziehung auf Augenhöhe fortgeführt werden kann», sagt Allamand. «Aufgrund der Vorgeschichte vermute ich jedoch, dass eine Trennung für Nora unvermeidlich wird, um ohne väterliche Bevormundungherauszufinden, wer sie ist und was sie möchte.»

Auf dem Heimweg erinnere ich mich an das alternative Ende, das Ibsen für eine Deutsche Erstaufführung zu schreiben gewzungen war. Nora bleibt dort, der Kinder zuliebe. Torvalds Ködersatz: «Morgen, wenn sie (die Kinder) erwachen und rufen nach ihrer Mutter, dann sind sie – mutterlos.» – «Wie du es gewesen bist.» Möglich, dass Nora nach dieser Sitzung bei Ruth Allamand sich von so einer Aussage nicht mehr hätte beeindrucken lassen.

* Namen der Kursteilnehmer von der Redaktion geändert.