LUZERNER THEATER: Ein Spagat zwischen Welten

In «Tanz 21: Bolero plus 2» zeigt das Ensemble auf virtuose Art drei unterschiedlichste zeitgenössische Choreografien. Das Publikum an der Premiere am Donnerstag war begeistert.

Edith Arnold
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Expressive Physis: Szene aus dem Tanzabend «Bolero plus 2». (Bild: Luzerner Theater/Gregory Batardon)

Expressive Physis: Szene aus dem Tanzabend «Bolero plus 2». (Bild: Luzerner Theater/Gregory Batardon)

Edith Arnold

Wie von einem anderen Stern wirkt «360°». Zumindest könnte sich das Eingangsstück im dunklen Weltall ereignen. In der Mitte des Bühnenbodens, der durch einen Spiegeleffekt nach unten offen scheint, ist eine atmende Masse. Daraus entfalten sich Körper. Arme und Beine strecken sich, zucken sich in Form, entdecken ihre Bewegungsmöglichkeiten zu sphärischen Klängen von Vivaldi Recomposed by Max Richter.

Tanzende Seelen?

Sind die acht Tänzerinnen und Tänzer, die so androgyn und feenartig aussehen, etwa tanzende Seelen? Nur mit einem grossen Blatt aus Organza sind die Oberkörper der Wesen bedeckt. An den muskulösen Beinen tragen sie hautfarbene Knieschoner. Denn unter ihnen ist auch «Paul» – ein sechs Meter langes Rohr aus Edelstahl mit einem eingebauten Lichtstrahl. An der Decke befestigt, kreist er im Uhrzeigersinn im Raum. Manchmal wirkt Paul dabei beschützend, manchmal bedrohlich. Er symbolisiere, dass da immer etwas sei im Leben, das zur Achtsamkeit auffordere, sagt die holländische Choreografin Didy Veldman dazu.

Ätherisch und kraftvoll

Die Tanzenden vollbringen Pirouetten im Lichtkreis. Mehr und mehr erweitern sie ihren Radius. Während einige kurz aus dem Blickfeld entschwinden, zeigen sich andere zum Pas de deux. In solchen Momenten dreht sich Paul schneller oder langsamer. Er, der auch Minuten- oder Stundenzeiger ist, weist darauf hin, wie Zeit individuell wahrgenommen wird. Für einen Moment gelingt es einem Tänzer, Paul zu stoppen. Doch alles ist im Fluss und nimmt beständig neue Formen an. Zuweilen zeigen sich die Tänzerinnen und Tänzer als Glieder einer Kette. Linear oder auch verzweigt lösen sie Kettenreaktionen aus. Und wenn die heterogene Truppe zwischendurch für eine Sekunde ihre Bewegungen einfriert, sollte man ein Bild fürs Album machen dürfen.

Small-Talk mit dem Körper

Geradezu hemdsärmelig gehts nach der Pause zur Sache. Zum Konzept des Tanzabends gehört, mit drei Choreografien ein zeitgenössisches Tanzpanorama zu bieten. Zur Uraufführung kommt auch «Songs» des jungen Idan Sharabi aus Israel. Gleichzeitig mit den Zuschauern in den Rängen tauchen Tänzer in Alltagskluft am Bühnenrand auf. Sie stellen sich vor: Eduardo aus Chile, Juan aus Spanien, Shota aus Japan, Anton aus Schweden, Richèl Wieles aus Holland.

Schön und nett. Aber wo ist eigentlich Luis aus der Schweiz, und wann beginnt es? Mit dem «Wohltemperierten Klavier» von Johann Sebastian Bach werden die Bewegungen der fünf Jungs tänzerischer: Ihr Small-Talk nimmt über reine Körpersprache seinen Lauf. Und es gibt einiges auszudrücken unter dem Himmel aus Scheinwerfern. Man räkelt sich auf dem Bühnenboden, praktiziert Yoga-Bäume, vollbringt akrobatische Einlagen. Kraft und Lust liegen in der Luft, erfrischende Unmittelbarkeit in der Dynamik wie in der Ruhe. Ein jeder in dieselbe Richtung lächelnd, begeben sie sich in die Schlusspose. Statt Girls müsste es «Boys just wanna have fun» heissen, kommentiert ein Zuschauer in Anspielung auf den Sound.

Gelenke entrosten

Mit der dritten Choreografie trifft «Tanz 21: Bolero plus 2» einen weiteren Trend. Ob in der Werbung oder im Theater: Überall tanzen ältere Leute auf. Beim Tanzfestival Steps im April treten südkoreanische «Dancing Grand-­­ mo­thers» hierzulande auf. Jetzt schickt der deutsche Choreograf Stephan Thoss «alte» Tanten auf die Bühne des Luzerner Theaters – ausgerechnet zu Maurice Ravels «Bolero». 1928 wurde die Komposition in der Pariser Oper uraufgeführt. Damals tanzte sich die 43-jährige Ida Rubinstein inmitten von 20 Männern in Ekstase. Aus dieser Zeit könnten auch die sechs Klapperdamen stammen, die sich nun zum Kaffeekränzchen einfinden. Ungelenk bewegen sie sich in ihren Deux-Pièces, ungelenk und schrullig, bis dieser «Bolero» aus dem schweren Musikapparat erklingt. Nach und nach erinnern sich ihre Gelenke an gute alte Zeiten. Immer schön in Bodennähe entwickeln sie ein Bewegungsvokabular, das natürlich nur von den Tänzerinnen des Luzerner Theaters vollbracht werden kann. Diese jungen Virtuosinnen mit Perücken in alten Kostümen: ein mitreissendes Experiment.

Schade nur, dass bei aller Vielfalt das ätherisch-kraftvolle Eingangsstück auf einmal so weit entfernt liegt. Hätte die Abfolge der Choreografien andersherum laufen müssen? Den thematischen Bogen muss man selber schlagen.

Hinweis

Vorstellungen im Luzerner Theater: 27., 31. März, 2., 7., 13., 24. April, 6., 8., 13. Mai, 11. Juni. VV: Tel. 041 228 14 14.