LUZERNER THEATER: Ein «Vaterunser» für die Jugendsekte

Starke Bilder und Darsteller, viele junge Menschen im Publikum: Trotz einer kruden Story überzeugte «No Future Forever» als Modell für eine stärkere Öffnung des Theaters für Jugendliche.

Urs Mattenberger
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Die jugendlichen Darsteller kurz vor dem Aufbruch in eine heile Parallelwelt. (Bild: LT/Ingo Höhn)

Die jugendlichen Darsteller kurz vor dem Aufbruch in eine heile Parallelwelt. (Bild: LT/Ingo Höhn)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Viele Köche können einen Brei bereichern. Das zeigte bei der Premiere vom Freitag der Auftakt zum Musiktheater «No Future Forever», das 60 Jugendliche gemeinsam mit einem Produktionsteam des Theaters erarbeiteten. Da nämlich zeigten in einem Prolog im Foyer die Akteure ihre je eigenen Stärken.

Die Form des Prologs, in dem sich die Darsteller und die Musiker des Zentralschweizer Sinfonieorchesters unter das junge Publikum im Foyer mischten, trug die Handschrift des Regisseurs Marco Storman. Dieser hatte bereits «Rigoletto» in der Viscosi-Halle mit einem Fest im Foyer lanciert. Und er spannt jetzt von da einen Bogen bis zum Schluss, wo die Darsteller – sichtbar auf der letzten Videoprojektion des Abends – das Theater und sein Publikum fluchtartig verlassen und das Weite suchen.

Die Wucht des ersten Rocksongs

Greifbar werden im Foyer-Prolog aber auch die unterschiedlichen Textzutaten zum Stück. Dieses stellt Autor Jakob Nolte in einen grossen Verantwortungszusammenhang mit Zahlenspielen, wonach bislang 107 Milliarden Menschen auf der Erde geboren wurden. Die Texte aus der Sicht der Jugendlichen dagegen gehen nahe ran. Sie erzählen etwa vom Schrecken einer 17-Jährigen, die beim Blick in den Spiegel realisiert, sie werde ein Leben lang «immer diese Person» sein: «Immer ich selbst. Vielleicht begann ich da, erwachsen zu werden?»

Zu viele Köche verderben aber doch meistens den Brei. Auch das wird einem im weiteren Verlauf dieses Abends bewusst, wenn sich die im Prolog ausgelegten Stränge in die Quere kommen und Zugkraft über anderthalb Stunden hinweg verhindern: das intensive Spiel der theatererfahrenen Jugendlichen, die aufgeblasenen Gedankenspiele des Autors, die Traumdeutungen des Regisseurs, für die dschungelhaft wuchernde Bühne bezaubernde Atmosphären schafft.

Der Kitt, der das alles verbindet, ist die Musik von Silvan Koch. Das Orchester steuert von den Seitenbalkonen blechgepanzertes und süffiges Streicherpathos bei, wenn Nolte den Freiheitsrausch der Jugendlichen feiert, der auf «Zufall» und «Wahllosigkeit» gründet. Eins zu eins umgesetzt wird das Aufbegehren im ersten Rocksong, in dem es Sänger Oliver Truffer, begleitet von E-Gitarre und Schlagzeug, diabolisch krachen lässt – ein auch theatraler Höhepunkt. Manchmal greifen gesprochene Aktionen, Chöre und orchestrale Klanggespinste rhythmisch so ineinander, dass die Aufführung in eine Art Flow gerät.

Gegen das Funktionieren im Hamsterrad

Das allerdings ist nur selten der Fall. Stormans assoziativ schweifende Regie, die bei «Rigoletto» eine bekannte Geschichte mit neuen Bedeutungen auflud, verunklart hier den vagen Plot zusätzlich. Vielleicht war dem Regisseur aber auch zu banal und unverbindlich, dass sich hier Jugendliche dem puren «Funktionieren» im «Hamsterrad» verweigern und deshalb – so der Plot – in ein Paralleluniversum fliehen. Jedenfalls werden dessen Heile-Welt-Vorzüge mit verklärtem Sektenlächeln ironisiert, wenn am Schluss utopische Politphrasen wie ein «Vaterunser» ­heruntergebetet werden.

Authentische Jugendliche

Dass der Abend dennoch viele packende Bilder bietet, verdankt er dem engagierten Spiel der Darsteller, die – meist paar- oder grup­penweise – mit einer so ­authentischen wie bühnenreifen Sprache beeindrucken. Süffisanten O-Ton bieten zwei Mädchen, die von der heimkehrende Mutter «gehasst» werden, weil sie das Haus auf den Kopf gestellt haben. Zur poetischen Kunstsprache steigert sich der Wunsch, endlich mit der Grossmutter als Repräsentantin einer vergangenen, fremden Welt «offen zu reden». Bedrängend nah kommen die Jugend­lichen dem Publikum, wo sie in der Horde schreiend die Freiheit des Zufalls einfordern. Das könnte gar in Gewalt kippen, wenn zwei mit ihren Feuerzeugen über Benzinkanistern zündeln, nachdem sie sich am Lichtstrahl eines Filmprojektors berauschten.

Dass solche Szenen unter die Haut gehen, beweist das Potenzial dieser Zusammenarbeit des Theaters mit Jugendlichen. Im UG, wo diese institutionalisiert werden soll, könnte den Jugendlichen eine noch aktivere, mutigere Rolle zukommen. Vielleicht doch eine «Hausbesetzung», als die das Theater dieses Projekt unvorsichtigerweise angekündigt hatte? Auch wenn man sich reale Hausbesetzer-Krawalle wie eben in Bern keineswegs wünscht: Daneben wirkt «No Future Forever» doch etwas harmlos.

Hinweis
Vorstellungen: 12., 25. und 26. März. VV: Tel. 041 228 14 14.