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LUZERNER THEATER: Eine Fake-Revue mit Brass und Spass

Die Premiere von «In 80 Tagen um die Welt» erwies sich als mehrbödige Unterhaltung. Dabei wird lustvoll mit Wirklichkeiten und Zitaten jongliert, was der heutigen Fake-News-Welt gut entspricht.
Pirmin Bossart
Schrillbunter Trip um die Welt: Jason Cox (links) und Robert Maszl als Passepartout und Phileas Fogg. (Bild: Ingo Hoehn/Luzerner Theater)

Schrillbunter Trip um die Welt: Jason Cox (links) und Robert Maszl als Passepartout und Phileas Fogg. (Bild: Ingo Hoehn/Luzerner Theater)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Geschichte des englischen Exzentrikers Phileas Fogg, der 1872 mit den damals zur Verfügung stehenden Verkehrsmitten in 80 Tagen um die Welt reist, weil er eine Wette gewinnen will, kennen wir aus dem Buch von Jules Verne und auch als filmische Umsetzung. Das Luzerner Theater bringt dessen Stoff jetzt als süffigen Musical-Revue-Verschnitt mit Witz und Turbulenz auf die Bühne. Da wird in einem Kunterbunt von Bühnenszenen, Choreografien und Videos anderthalb Stunden fabuliert, gesungen, Musik gespielt und getanzt – und die Welt neu erfunden.

Passend dazu setzt Regisseur Martin G. Berger einen Erfinderkongress als Rahmenhandlung zur Geschichte. Schon am Theatereingang verteilen uns Hostessen das Tagesprogramm, dessen Höhepunkt die Verteilung einer Medaille für die beste Erfindung ist. Dr. Aouda (Sarah Alexandra-Hudarew), eine strebsame Dame, freut sich zu früh über die verliehene Auszeichnung, denn jetzt entern Phileas Fogg (Robert Maszl) und Passepartout (Jason Cox) die Bühne, um sich als die verdienten Sieger zu präsentieren: Sie haben eine Zeitmaschine konstruiert, um durch Raum und Zeit zu fliegen. Dr. Aouda ist entsetzt, aber der emsige Kongressleiter Dr. Fix (Yves Wüthrich) lässt den Deal gewähren.

Originalschauplätze in Luzern und Umgebung

Prompt heben Fogg und Passepartout ab, schiessen in einer offenen Kabine steil in die Lüfte und schweben alsbald über Luzern. Die Zuschauer erleben das hautnah in einer Filmsequenz mit, die auf Leinwand eingespielt wird (Videodesign Daniel M. G. Weiss). Die beiden landen im alten Rom, das Löwendenkmal gibt die Kulisse, und der Tiber ist die Reuss. Auch die weiteren Stationen der Reise (Arabien, die Mongolei, Indien, Spanien) finden allesamt an Originalschauplätzen in Luzern und Umgebung statt: in buntgeschnittenen und oft stürmischen Videosequenzen, sodass das Lokalpublikum erheitert goutieren kann, wie international Luzern auch ohne Touristenscharen ist.

Falls sich nach einiger Zeit das Empfinden einstellt, man würde jetzt eine luzernisch gefakte Weltreise auf Video vorgesetzt bekommen, darf man sich glücklicherweise getäuscht fühlen. Schnell wird man gewahr, dass der ganze Zauber hinter dem transparenten Vorhang in Real Time inszeniert, getanzt und gesungen wird.

Gleichzeitig wird auch vor der Bühne die Geschichte weitererzählt. Hier sitzt zu einem grossen Teil des Abends auch das Lucerne Brass Ensemble, ein formidables Kleinorchester, das mit bläserischem Schmiss ein Potpourri aus Filmmusik, Songs und soft-jazzigen Galanterien hinlegt (Arrangements Roger Müller). Ein weiterer Beweis, dass auch «lokale» Kulturplayer durchaus die grosse Theaterbühne bereichern können.

Sie soll als Witwe verbrannt werden

Zwischen Bühne, Backstage und Leinwand beginnen sich zunehmend die Schauplätze und ihre Wahrnehmungen zu verschieben. Als Dr. Aouda hinter den Vorhang rennt, um dem Spass ein Ende zu bereiten, ist auch sie alsbald Teil des Reiseteams und erlebt mit Schrecken, dass sie in Indien als Witwe verbrannt werden soll. Irgendwann melden sich die Weltumrunder aus der Zukunft und legt Dr. Fix einen verzweifelten Irrlauf durch das labyrinthische Innenleben des Luzerner Theaters hin, bevor er plötzlich aus der Zukunft durch den Vorhang auf die Bühne zurückgeknallt wird.

Der revueartige Klamauk ist gespickt mit Zitaten aus Film, Musik und Politalltag, die wie Sprechblasen vorbeiflitzen. Nichts ist heilig, alles wird lustig. Die Doppelböden knarren, Klischees zwirbeln, aber das Spiel weiss um sein Spiel und entlarvt irgendwie auch dieses als wohligen Fake. Nur die Parameter in der Beziehungsgeschichte zwischen Fogg und Dr. Aouda scheinen allen raumzeitlichen Verwirblungen zu trotzen und offenbaren, wie schwierig die Liebe auch in Zeiten des «Anything Goes» geblieben ist.

Mit Sicherheit kein Fake in dieser Aufführung ist die Theaterlust, die mit den tollen schauspielerischen, gesanglichen und musikalischen Leistungen in allen Belangen bis zur aufwendigen Technik und zur Kostümierung (Sabine Hartzsch) durchbricht und Smiles auf die Gesichter der Zuschauer zaubert.

Völlig neue Variante des nostalgischen Stoffes

Es ist eine Unterhaltungsshow, wie sie in diesen unseligen Zeiten, die nach totaler Ablenkung verlangen, nur eine leidenschaftliche Theatercrew fabrizieren kann. Regisseur Martin G. Berger entwickelte quasi im Multitasking eine völlig neue Variante des nostalgischen Stoffes, die auf weite Strecken mit einem guten Tempo über die Bühne kommt und die Fantasiemaschine Theater heiter auf Fahrt hält. Das Publikum liess sich anstecken und spendete Beifall wie ein lang­anhaltender Sturmregen.

Apropos: eine Fake-Welt, die amüsiert. So ergeht es uns doch heute schon in der sogenannten Wirklichkeit mit Donald Trump und Co. Oder etwa nicht?

Hinweis

Weitere Aufführungen: 2./5./8./ 11./14./16. und 18. Juni.

Infos: www. luzernertheater.ch.

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