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LUZERNER THEATER: Entfremdung und Nähe an der Grenze zum Terrorstaat

«Nahkampf» gewinnt durch Repetition: Was nach einer problematischen Theateridee klingt - die annähernd wortgleiche Wiederholung des Stücktextes nach der Pause -, funktioniert beim neuen Werk von Sabine Harbeke, das am Samstag in Luzern uraufgeführt wurde, erstaunlich gut.
Szene aus «Nahkampf» am Luzerner Theater. (Bild: pd)

Szene aus «Nahkampf» am Luzerner Theater. (Bild: pd)

Die Handlung ist im Niemandsland angesiedelt, an der Grenze zwischen einem mutmasslich normalen Land und einem Terrorstaat. Eine alte Frau hat sich nach ihrer Heimat gesehnt und ist offenbar gegen den Ratschlag ihrer Tochter zurückgekehrt, dort dann allerdings verschwunden. Hofft sie auf ein Treffen mit ihren Kindern im Land ihrer Herkunft? Ist sie inhaftiert worden? Oder gar getötet?

Nach verzweifeltem Warten an der Grenze verständigt die Tochter (Juliane Lang) ihren Bruder (Clemens Maria Riegler). Die Geschwister haben sich lange nicht mehr gesehen. Die Erinnerung an traumatische Erlebnisse und gegenseitige Vorwürfe prägen die Begegnung.

«Wegen dir wäre ich nicht gekommen», stellt der Bruder klar. Momente von Nähe stellen sich dennoch ein. Die Zürcher Autorin Sabine Harbeke hat die Angewohnheit, ihre Stücke selber zu inszenieren. Bei «nahkampf» hätte sie das vielleicht besser nicht getan.

Wie die Last alten Leids dargestellt wird, wirkt arg klischiert: Die Geschwister drücken ihre Traumata durch Körperverrenkungen aus, rennen ausdauernd in Wände oder zerlegen Absperrungen in Kleinteile.

Getrenntes Paar

Anrührend ist dagegen eine Szene, in der die Frau sich verzweifelt an die Wand lehnt. Der Bruder nimmt wahr, dass es an ihm wäre, seine Schwester in die Arme zu nehmen - es gelingt ihm nicht, lediglich seine Jacke weiss er ihr anzubieten. In Augenblicken wie diesem überzeugt auch die erste Hälfte des Theaterabends.

Nach der Pause wiederholt sich das Szenario, unter allerdings geänderten Vorzeichen: Auf seine Mutter wartet diesmal ein Mann mittleren Alters (Peter Ender), zur Unterstützung hat er seine Frau (Wiebke Kayser) herbei beordert. Wie sich bald zeigt, leben die beiden seit kurzem in Trennung. Zugetan sind sie sich immer noch.

Der Mann flirtet mit der Frau, um dann erschreckt abzublocken, als sie seine Avancen aufnimmt. Es ist nun an ihr, die Ausgangslage zu klären: «Wegen dir wäre ich nicht gekommen.» Über weite Strecken ist der Dialog mit demjenigen von Bruder und Schwester in der ersten Stückhälfte identisch - versehen jedoch mit einer anderen Bedeutung.

Offene Fragen

Nicht nur die Frau, sondern auch die Zuschauerin und der Zuschauer kann sich fragen: Hat die Mutter, um deren Schicksal es ja ursprünglich ging, die Grenze überhaupt je passiert? Oder wollte hier ein Mann an eine unterbrochene Beziehung wieder anknüpfen?

Ging es etwa auch der Schwester gar nicht in erster Linie um die Mutter, sondern um den entfremdeten Bruder? Die Bedrohung durch die Machthaber jedenfalls ist real: Zum Schluss zerlegen Soldaten in einem wahren Rausch das aus einem Unterstand und einer Ramsch-Auslage bestehende Bühnenbild (Viola Valsesia).

Dass Fragen offen bleiben, ist die grosse Stärke dieses Abends, mit dem das Luzerner Theater seinen Uraufführungs-Reigen dieser Saison beendet. Das Publikum applaudierte am Samstagabend kräftig.

Serge Kuhn, sda

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