Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERNER THEATER: «‹Falstaff› steht für das Chaos in uns»

Intendant Benedikt von Peter entwickelt mit Giuseppe Verdis genialer Alterskomödie «Falstaff» sein Raumtheater weiter. Die Titelfigur ist allein auf der Bühne, aber auch das Publikum ist mittendrin.
Urs Mattenberger
Claudio Otelli als «Falstaff» und Benedikt von Peter (rechts) bei einer Probe zur Oper. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Claudio Otelli als «Falstaff» und Benedikt von Peter (rechts) bei einer Probe zur Oper. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Benedikt von Peter, mit einer konzertanten Rossini-Oper haben Sie auf ein paar Quadratmetern Spielfläche Ihr Flair für Komik bewiesen. Jetzt machen Sie aus Verdis «Fal­staff» Raumtheater bis auf die Ränge hinauf. Verpufft die Komik nicht, wenn man ihre Aktionen räumlich verzettelt?

Nein, wir haben ja ein kleines Theater, und eine Theaterregel besagt: Kleine Räume machen Tempo! Wir nutzen das, indem wir das Geschehen rasch hin- und herflitzen lassen. Vom kleinen Raum profitiert dabei auch die Musik. Verdis «Falstaff»-Partitur hat eine Informationsdichte, die man gerade auf grossen Bühnen kaum verstehen kann. Und sie stellt auch für uns eine enorme Herausforderung dar.

Inwiefern?

Die Fülle an musikalischem Material, das Verdi in diesem Alterswerk aufblitzen lässt und verarbeitet, ist unglaublich. Es würde für fünf Stunden «Parsifal» reichen (lacht), wird hier aber in einem Feuerwerk von knapp zwei Stunden gezündet. Darin wechselt quasi alle acht Takte die Gefühlslage – vom Mitgefühl über die Parodie bis hin zu Maskeraden. Eine Herausforderung ist das, weil ich als Regisseur versuche, solche, hier zum Teil radikalen, musikalischen Wechsel jeweils in eine Geste zu übersetzen.

Können Sie ein Beispiel für diese Radikalität von Verdi nennen?

Sie zeigt sich etwa gerade bei der Arie des braven Bürgers Ford, dessen Frau Alice ein Ziel von Falstaffs amourösen Intrigen ist. Ford ist darüber so aufgebracht, dass es fast alle zwei Takte zu einem musikalischen Umschwung kommt, wie in einem Wechselbad der Gefühle. Ford hat Angst vor der Impotenz, er ist rasend eifersüchtig, schwört aber auch der Ehe ab und projiziert schliesslich das eigene Versagen auf Falstaff. Radikal ist diese Oper, weil es damit im Grunde keine echten Gefühle gibt, an die man sich halten könnte. Das ist ein Grund, wieso das Stück gerade heute aktuell ist.

Für eine Oper, die einen Shakespeare-Stoff auch deftig umsetzt, klingt das etwas abstrakt. Ihr Theater will ja ganz nah an die Zuschauer. Wie schafft man das mit distanzierten Emotionen?

Auf der Bühne sehen wir den ganzen Abend über ganz allein in einer Wohnung Falstaff oder den Falstaff «in uns». Falstaff steht für die Unordnung, das Chaos und den Dreck in uns. Also etwas, das der bürgerlichen Ordnung, die die Figuren verkörpern, entgegensteht. Dieses Prinzip von Falstaff erlaubt den Figuren aber auch, ihre Triebe auszuleben. Falstaff ist ein Katalysator für deren Bedürfnisse. Falstaff ist in unserer Inszenierung kein Opfer, vielmehr gibt er dem Affen Zucker, macht uns den Falstaff, den Narren, der die anderen zur Weissglut treibt, sie aber auch verändert.

Wie schon in Ihrer «Traviata» steht die Titelfigur – Claudio Otelli als Falstaff – allein auf der Bühne. Wiederholen Sie damit ein bewährtes Raumtheater-Muster?

Nein, das ist zwar eine Parallele, aber das ergibt sich auch hier, ganz anders motiviert, aus dem Stück heraus. Die Traviata stand tatsächlich ganz allein und einsam auf der Bühne – die anderen Figuren existierten quasi nur in ihrem Kopf. Falstaff steht zwar als Ritter von der traurigen Gestalt für einen Abschied, für eine menschliche Epoche, die nach Verdis Ansicht mit dem 19. Jahrhundert zu Ende gehen würde. Aber im Gegensatz zur Traviata spielt Falstaff mit den Figuren, die auf den Rängen platziert sind. Er spielt mit ihnen und den Zuschauern Katz und Maus. Er stellt sich aus, und er macht etwa in der Szene mit dem Wäschekorb jene zum Narren, die ihn zum Narren machen wollen.

Ihr Raumtheater sucht die Nähe zum Publikum. Reicht dafür die Aufstellung der Sänger auf den Balkonen?

Das ist ein Teil davon, mit aufwendigen Auf- und Abgängen werden auch diese Ränge zu einer Bühne, von der das Publikum selber ein Teil ist. Aber Fal­staff verlässt am Schluss auch sein 08/15-Wohnzimmer und macht den Zuschauerraum zum Wald, in dem wir uns alle gemeinsam befinden. Aber das Wichtigste ist, dass wir alle gemeinsam im Klang sitzen und die Stimmen von allen Seiten vor uns, hinter uns und neben uns zu hören sind: wir alle akustisch also im Kosmos Falstaffs sitzen.

In Ihrer nächsten Inszenierung in dieser Spielzeit bespielen Sie mit Schumanns Faust-Szenen neben dem Theater den Theaterplatz und die Jesuitenkirche. Wieso weitet sich da das Raum- zum Stadt-Theater?

Das ist tatsächlich auch inhaltlich ein Kontrast zu Falstaff. Dieser widerspiegelt in der Figur des Narren, wie eine Gesellschaft geheime Triebe auslebt, danach aber wieder zu einer Ordnung ohne Ecken und Kanten zurückfindet. Verdi bringt diese nach der Prügelszene mit einer süsslich-simplen Musik zum Ausdruck, die fast schon eine schöne neue Huxley-Welt beschwört. Und in der Schlussfuge sind ohnehin alle auch musikalisch eingesperrt.

Und Schumanns Faust- Szenen?

Sie handeln mit dem Narzissten Faust ebenfalls von einem männlichen Archetypen, nicht mit dem Narren, sondern dem «schuldig gewordenen» Menschen. Da gibt es schon bei Goethe drei Stationen: die Versündigung an Gretchen, Fausts vergeblicher Versuch, diese Schuld durch zerstörerische Menschheitsprojekte abzutragen, und schliesslich sein Selbsterlösungswahn. Theater, Theaterplatz und Jesuitenkirche bieten dafür ihrerseits drei archetypische Räume.

Hinweis

Premiere: Sa, 27. Januar, 19.30, Luzerner Theater. Mit dem Sänger-Ensemble des Theaters und dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Clemens Heil. www.luzernertheater.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.