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LUZERNER THEATER: Ferngesteuerte Männerfantasien

Nach nur zwei weiteren Aufführungen ist der Spuk vorbei: Benedikt von Peter mischt mit Rossinis Oper «L’ italiana in Algeri» das Theater so turbulent-witzig auf wie im Stück eine Frau die Männer.
Urs Mattenberger
Vorzügliche Gastsänger: vorne der glücklose Geliebte Lindoro (Hyojong Kim), hinten Marina Viotti als die «Italienerin in Algier». (Bild: Ingo Höhn/PD)

Vorzügliche Gastsänger: vorne der glücklose Geliebte Lindoro (Hyojong Kim), hinten Marina Viotti als die «Italienerin in Algier». (Bild: Ingo Höhn/PD)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Eine semikonzertante Aufführung von Rossinis Oper «L’italiana in Algeri»? Wer glaubte, das laufe auf ein statisches Rampensingen hinaus, sieht zu Beginn der jüngsten Produktion am Luzerner Theater seine Befürchtungen scheinbar bestätigt.

Die Bühne ist vom Luzerner Sinfonieorchester besetzt, davor ist feinsäuberlich eine Reihe von Stühlen aufgestellt, auf denen die Solisten unter Applaus ihre Plätze einnehmen. Für theatrales Spiel bleibt davor, wie bei halbszenischen Opernaufführungen üblich, fast kein Platz.

Wer hat den längsten Ständer?

Aber das Blatt wendet sich schlagartig, wenn nach der Ouvertüre die Notenpulte wie Waffen ausgefahren werden. Da hat das ­Orchester unter Clemens Heil bereits einen spritzigen und emotional durchpulsten Rossini-Ton angeschlagen, dessen Schwung und Intensität knapp drei Stunden anhält. Hinreissend etwa, wie die Holzbläser Rossinis Brio hinsticheln oder mitsingen ­(quasi in einer Solistenrolle: die Oboe von Andrea Bischoff). Und auch die Art, wie die Sänger auf ihren Stühlen herumhängen, verrät bereits das theatrale Potenzial dieser Aufführung.

Mustafa, der Herr in diesem Harem, ist mit Sonnenbrille und Goldkette auf der Brust ein mafioser Zuhälter, der mit arroganter Coolness seine Chips knabbert. Seine verstossene Ehefrau Elvira zeigt beleidigt viel nacktes Bein, um die Gunst des Mustafa zurückzuerobern. Der versklavte Italiener Lindoro, an den Mus­tafa sie verschachern möchte, druckst so verkrampft auf seinem Stuhl herum, dass klar wird: Als Geliebter der temperamentvollen Italienerin, die diesen gelangweilten Haremshof aufmischen wird, taugt er nicht zu einem Happy End.

Doch dann kommt mit einem Ruck überraschende Bewegung in diese statische Szenerie, wenn Elvira ihren Notenständer hochfährt wie für eine Kampfansage am Rednerpult. Doch jener von Mustafa schiesst in einer ersten Slapstickeinlage noch viel weiter in die Höhe. Und die Frage, wer den längsten Ständer hat, wird zum Startschuss für ein turbulentes theatrales Treiben, wie man es auf diesem engen Raum nicht erwartet hat.

Eine Sängeroper mit hinreissenden Gästen

Schon da wird klar: Das Experiment, eine Oper mit minimalen Proben «semikonzertant» so spontan auf die Bühne zu bringen, wie Rossini die Musik dazu aufs Papier warf, gelingt ausgezeichnet. In diesem Ausmass ­allerdings nicht nur, weil Intendant Benedikt von Peter sich auf ein Ensemble verlassen kann, das «seit dem ‹Rigoletto› ein Herz und eine Seele ist» (Ausgabe vom Donnerstag).

Zwar bestätigt sich bis in die Nebenrollen (Karin Torbjörnsdottir, Bernt Ola Volungholen), dass im Ensemble eine Reihe vorzüglicher Sänger-Darsteller sind. Vuyani Mlinde plustert sich in den Koloraturen des Mustafa imposant auf, Magdalena Risberg trotzt der Opferrolle als Elvira mit dramatischem Furor, Jason Cox brilliert auch schauspielerisch in der Rolle des eifersüchtigen Taddeo. Aber Höhepunkte für sich sind die Auftritte der beiden Gastsänger.

Vokal gilt das für den Tenor Hyojong Kim aus dem Ensemble des Bremer Theaters, woher von Peter nach Luzern kam. Seine ­Figur des Lindoro bleibt hier zwar im Korsett des tollpatschigen Verlierers stecken. Aber der Tenor befreit sich daraus mit einer Stimme, die Beweglichkeit mit berührendem Schmelz und einer hell strahlenden Höhe verbindet: eine Entdeckung.

Bereits in der Erscheinung ein Theatercoup ist der Auftritt der «Italienierin» von Marina Viotti, der Tochter des ehemaligen Luzerner Chefdirigenten Marcello Viotti. Mit Riesenkoffer und Entourage (die als muslimische Gebetsgruppe gekleideten Männer des Theaterchors) nimmt sie den Rest an Bühne in Beschlag: eine schwarzlockige Männerfantasie im knallroten Mini, die wie eine Bachelorette zum Schein Gunst und rote Rosen verteilt.

Im Verlauf des Abends steigert sich Viottis Mezzospran von der sinnlichen Tiefe, die an ihr Faible für Gospel erinnert, über schwebend leichte Koloraturen bis hin zu durchdringend poliertem Höhenglanz. Und verfügt damit über alle verführerischen und ironischen Zwischentöne für ein Intrigenspiel, das den lüsternen und macht-eitlen Männern eine voremanzipatorische Lektion erteilt.

Doch der Abend beschränkt sich keineswegs auf halbszenische Andeutungen, wie man das von Opern im KKL kennt. Im Gegenteil: Hier geht es theatral so handfest zur Sache, dass man ein Bühnenbild kaum vermisst. Möglich ist das, weil von Peters Regie sich ohne Berührungsängste zu Klischees ganz der Komödiantik der Vorlage hingibt.

Doppeltes Spiel mit Muslimparodien

Das macht Sinn und Spass, weil die Klischees mit zur Ironie der Vorlage und ihrer Interpretation gehören. So wird deren rassistischer Zug unterstrichen, wenn der hier als «Pappataci» bis zur Demenz verblödete Mustafa mit einem schwarzen Sänger besetzt ist. Aber von Peter treibt Muslimwitze nur auf die Spitze, um auch sie aus Sicht der Frau zu desavouieren: als Dummheiten eines im Siegesrausch enthemmten Männerkollektivs.

Die rasche Komödiantik ersetzt quasi das Bühnenbild. Neben ein paar witzig eingesetzten Requisiten setzt aber ein Sofa ein inhaltliches Zeichen. Wie Frauen lüsterne und eitle Männer unter Kontrolle bringen – das Grundthema der Komödie – spielt das Ehepaar Mustafa und Elvira zum Schluss in der Komfortkampfzone auf dem Sofa durch: im Zank um die TV-Fernbedienung. Dass die «Italienerin» hier gar nicht abgereist war, verhilft diesem vom Publikum begeistert gefeierten Abend zu einer letzten Pointe, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

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