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LUZERNER THEATER: Gärten: Taxonomie oder Kraut und Rüben?

Ein inszenierter Spaziergang durch den Garten des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes wird zum ideologischen Kampf der Subkulturen.
Julia Stephan
Er sieht die Natur als Feind: Lukas Darnstädt als Wissenschafter. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Er sieht die Natur als Feind: Lukas Darnstädt als Wissenschafter. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Zwischen Naturbeherrschung und Naturverklärung treibt der europäische Garten seit Jahrhunderten immer neue formale Blüten. Der Barockgarten, in dem die menschliche Vernunft einst die Natur mit strenger Geometrie einzirkelte, und die englischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts, in denen der Mensch seinen Gefühlshaushalt ins grüne Blatt projizierte, sind nur die Extreme, deren Abwandlungen man auch heute noch findet, wenn man sich nur tief ins Gebüsch des urbanen Wildwuchses vorwagt.

Denn in den Ballungszentren ist der Garten heute ebenso Refugium für entwurzelte Städter wie ein Ort, wo die Nahrungsmittelversorgung pragmatisch und effizient perfektioniert wird.

Eine Produktion des Luzerner Theaters hat sich diesen vielen Subkulturen, die den Garten ideologisch vereinnahmen, zum Ausgangspunkt für einen theatralen Spaziergang gemacht. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk hat dafür seinen grossen Gemüsegarten geöffnet.

Kontrollfreak hier, Naturkind dort

Der Luzerner Theatermacher ­Patric Gehrig und die junge Regisseurin Ivna Zic (2012/13 Hausautorin am Luzerner Theater) hatten sich für die Konzeptionierung des Abends im Vorfeld mit Gartenexperten jeglicher Couleur unterhalten. Vier Ensemblemitglieder des Theaters haben daraus ihre Rollen zum Keimen gebracht. Als Zuschauer lässt man sich gruppenweise von zwei der vier Figuren, die in ihrer Aufmachung etwas von gestern wirken, nacheinander die Natur erklären.

Bei der Premiere am Samstagabend hatten wir zunächst das Vergnügen mit Kolumbus (Lukas Darnstädt), einem hypernervösen Wissenschafter im Imkerschutzanzug. Er sieht im unkontrollierten Wildwuchs der Natur einen Angriff auf seine kultivierte Existenz. Deren schlimmste Manifestation ist für ihn die nutzlose Wiese. Geduldig assistieren wir ihm bei der Sicherstellung seiner Pflanzenfunde. Nährstoffe trinkt der Mann lieber aus der PET-Flasche statt der Botanik bei diesem elenden Prozess des Werdens und Sterbens zuzusehen.

Gustav alias Gusto (Ladislaus Lölliger) hat da einen ganzheitlicheren Blick. Der Alt-Hippie mit Blümchenschürze praktiziert mit uns auf der Scholle yogische Atemübungen – für die Erdung. Beim Spaziergang schwindet unser Individualempfinden. Wir werden zu Naturkindern, welche die Erde achtsam durch unsere Hände rieseln lassen, bevor uns Gusto mit Tomate und Gurke zum Gartenfest entlässt.

Dort, bei Wein und hässlichen Gartenzwergen macht der Satz des slowenischen Starphilosphen Slavoj Zizek aus dem Programmheft – «Neben Äpfeln, Birnen und Trauben muss es auch einen Platz für Früchte als solche geben» – auf einmal Sinn: Gefeiert werden soll in diesem Fest der Subkulturen das universal Menschliche.

Doch die Illusion der Gemeinschaft wird kunstvoll zerstört durch die vier Festredner. Neben Kolumbus und Gusto sind das der bodenständige Kleingartenpräsident Mischa (Mirza Sakic) und die nihilistisch veranlagte Frau Motte (Wiebke Kayser). Ein spannender Abend über die Grenzen des harmonischen Zusammenlebens.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Gärten – eine Recherche». Garten des SAH, Reussport 2, Luzern. Vorstellungen bis zum 14. Juni. www.luzernertheater.ch.

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