LUZERNER THEATER: Gags folgen Schlag auf Schlag

Sam Brown inszeniert Rossinis Oper «La Cenerentola» als skurrile Farce im Sport-Outfit. Das geht grösstenteils auf.

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Das Pingpongspiel gefriert zur Zeitlupe: Cenerentola (Marie-Luise Dressen, rechts) kämpft gegen Dandini (Todd Boyce), den falschen Prinzen. (Bild: PD/Ingo Hoehn)

Das Pingpongspiel gefriert zur Zeitlupe: Cenerentola (Marie-Luise Dressen, rechts) kämpft gegen Dandini (Todd Boyce), den falschen Prinzen. (Bild: PD/Ingo Hoehn)

Vor einem miefigen Sportpalast betreibt Don Magnifico sein Geschäft, das auch schon bessere Zeiten erlebt hat. Während seine beiden Töchter vor dem Fernseher Aerobic machen, streift Angelina (genannt Cenerentola) die Gummihandschuhe über, putzt und sammelt den Abfall ein. Da erscheinen die Abgesandten des Prinzen Don Ramiro: eine Horde von Pingpongspielern im Turndress mit rosa Jäckchen. Am Burger-Stand fassen sie ihr Essen, das von Ketchup und Senf trieft.

Die Magd vor dem Kamin (eben Aschenputtel nach Perraults Märchen) interessiert Regisseur Sam Brown nicht. Für seine Luzerner Inszenierung von Gioacchino Rossinis dramma giocoso in zwei Akten (von 1817) liess sich der Brite, der 2011 den Europäischen Opernregiepreis gewann, von seiner Ausstatterin Annemarie Woods einen Sportpalast bauen mit einem Pingpongsaal. Der Diener Dandini gibt sich als Prinz aus, damit der echte Prinz auf Brautschau die wahren Gefühle der Stiefschwestern erkunden kann. Doch beim ersten Anblick ist dieser von Angelina eingenommen.

Viel Action auf der Bühne

Der Regisseur geht mit dem Stoff recht frei um – und biegt ihn sich auch schon mal zurecht für seine Bedürfnisse als Screwball-Comedy. Brown sorgt für viel Action auf der Bühne, lässt seine Figuren gegeneinander Tischtennis spielen. Er übersetzt ins Szenische, wie sich Rossinis Figuren die Bälle musikalisch zuspielen. Die Gags folgen Schlag auf Schlag. Das hat mitunter echten Witz. So wenn Kontrahenten antreten und ihr Spiel zur Zeitlupe gefriert. Beim ersten Finale blendet Cenerentola die Sportskanonen mit weissem Dress, glitzernden Strasssteinen und verspiegeltem Pingpongschläger. Klar schmettert sie ihre Gegner ab. Für den grossen Burger-Schmaus beim ersten Finale steigert sich die Musik rasant bis ins Delirium.

Die Kutsche im zweiten Akt ist ein klappriges Tandem. Die Liebenden finden sich vor der Burger-Bude wieder. Ramiro erkennt seine Auserwählte (statt am Armreif) am Schweissband. Prinz und Diener tauschen ihre Rollen zurück und ziehen sich bis auf T-Shirt und Unterhose aus. Die Lacher im Publikum sind auf sicher. Addio cervello!

Das Happy End spielt erneut in der Tischtennishalle. Und da ist auch wieder das Zeitlupenspiel. Die Stiefschwestern werden zu Brautjungfern wider Willen. In Angelinas Güte («La bontà in trionfo», wie die Oper im Untertitel heisst) mischt sich ein Quäntchen Rache. Am Schluss regnet es – Pingpongbälle. Von seinen Darstellern der Komödie verlangt Sam Brown enormen körperlichen Einsatz auf der Bühne. Doch mitunter lenkt diese Betriebsamkeit von der Musik ab – und auch von den hohen gesanglichen Anforderungen.

Vertrackte Ensembles

Immerhin: Die vertrackten Ensembles der Oper bewältigen die Sängerinnen und Sänger mit viel Präzision. Das Luzerner Sinfonieorchester unter der musikalischen Leitung von Howard Arman spielt spritzig auf. Die Titelrolle der Cenerentola gibt die Mezzosopranistin Marie-Luise Dressen. Die junge Sängerin gefällt über weite Strecken mit warmem Ton und schönen Koloraturen, ihre Stimme neigt jedoch etwas zur Schärfe, was das anspruchsvolle Schluss-Rondo «Nacqui all’affanno» trübt. Zu wenig herüber kommt in dieser Regie das Menschliche, das diese Rolle auszeichnet. Der Tenor Utku Kuzuluk geht den Ramiro forsch an, singt lyrisch und höhensicher, doch mitunter forciert er.

Todd Boyce gibt den Dandini mit agilem Bariton und kostet sein doppelbödiges Spiel aus. Flurin Caduff verleiht dem Philosophen (und Cop!) Alidoro samtene Basstöne und schöne Fiorituren. Allzu grobschlächtig gezeichnet ist Don Magnifico, ein Prahlhans und Polterer. Patrick Zielke singt ihn mit angerautem Bass, öfters unschön detonierend. Ein urkomisches Duo geben die beiden Stiefschwestern ab: Dana Marbach singt die Clorinda etwas spitz, Carolyn Dobbin verpasst Tisbe Wärme und satte Alttöne. Der Herrenchor des Luzerner Theaters ist mit neun Stimmen allzu dünn besetzt, schlägt sich dennoch achtbar. Das Premierenpublikum schien an der überdrehten Klamotte Gefallen zu finden. Für das mit Spielfreude auftrumpfende Sängerensemble und das Produktionsteam gabs mächtig Applaus.

Stefan Degen

Hinweis

Weitere Vorstellungen im Luzerner Theater am 5./7./9. (13.30 Uhr als Kinderversion) und am 15. Juni. Wiederaufnahme in der nächsten Spiel- zeit ab 14. September. www.luzernertheater.ch