LUZERNER THEATER: Ganz nah dran – 24 Stunden lang

Die Freie Szene enterte das Luzerner Theater von Samstag, 12 Uhr, bis Sonntag, 12 Uhr. Wer sich darauf einliess, wurde belohnt – mit einer emotionalen Achterbahnfahrt und viel Glücksgefühl.

Susanne Holz
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Im Orchestergraben erzählen Ursula Hildebrand und Peter Estermann von grenzenloser Freundschaft. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 27. Mai 2017))

Im Orchestergraben erzählen Ursula Hildebrand und Peter Estermann von grenzenloser Freundschaft. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 27. Mai 2017))

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Lachen, weinen, staunen, sich freuen. Man hastet von Performance zu Performance, von Stück zu Stück bei diesem 24-Stunden-Marathon an Darbietungen der Freien Szene, die Samstag und Sonntag das Luzerner Theater «freundschaftlich übernommen» hat. Und man denkt: Genau so muss Theater sein – lebendig, verrückt, nahbar.

Das dichte Programm von 22 Gruppen dieses «Friendly Take Over» im Rahmen der Heimspiele 2017 (Festival der lokalen Freien Theater- und Tanzszene) lud ein zu einer Melange an Emotionen – ein paar Stunden, und man fühlte sich wie im Rausch.

Ein Plädoyer, instabil zu sein

Relativ nüchtern steigt man noch ein mit der Performance «Fuck the Facts» des Kreativkollektivs Hirshin & Gaul. Fünf Damen in Schwarz kauen Kaugummi, zerreissen Papier, lesen die Bibel – im Foyer des 1. Rangs. «Wenn Fakten nicht mehr gelten ...», stottern sie so lange, bis sie nur noch «Fuck» sagen können.

Dann geht’s zu Nina Langensand auf die Hauptbühne: zu «Chi», einem Plädoyer, instabil zu sein – so steht es im Programm. Die Luzernerin steht mit ihrem gut halbjährigen Baby auf dem Rücken in der Dunkelheit zwischen lauter Glühbirnen auf dem Boden der Bühne und beraubt ­einen innert weniger Minuten des seelischen Gleichgewichts. Man hat noch nie geweint im Theater, aber während Langensand mit ihrer zärtlichen Stimme und ihrem schlafenden Baby davon spricht, «es sehr gut zu machen und seit der Geburt ihres Kindes im Kino plötzlich brüllen zu können», heult man wie ein Schlosshund. Eine tolle Performance.

Danach stärkt man sich wie so viele andere mit Taschenbrot von der Gassenküche, blinzelt in die Sonne vor dem Theater und freut sich an der guten Laune der vielen Besucher. Von Langensand durchgerüttelt, entschliesst man sich, als Nächstes barocken Arien zu lauschen. Eine gute Wahl: Im Foyer bieten Sopranistin Liv Lange Rohrer, Countertenor Stefan Wieland, Mezzosopranistin Gianna Lunardi und Bassbariton Flurin Caduff einen stimmgewaltigen Vorgeschmack auf ihr Musiktheater «Ariadne – Eine Frau sieht rot» (Premiere: 9. Juni, Johanneskirche). Die Sonne scheint ins Foyer, von oben lauscht ein Bub mit dem grössten Hai aller Zeiten auf dem T-Shirt. «Ma sempre ...», singen die Sopranistinnen. «Aber immer...» ist es schön heute, denkt man glücklich.

Später wird man der Compagnie Trottvoir applaudieren, vor dem Theater, nach deren frechem Spiel mit dem Publikum. Man wird oben auf der Terrasse Elvira Plüss lauschen, wie sie Brel singt, während sich am Himmel die Wolken zu einem Tiefseerochen formen. Und man wird amüsiert sein von der absurden Komödie «Fallen», präsentiert auf der Hauptbühne von der Formation Lebensunterhalt. Beim Stück rund um die Gedanken des russischen Avantgarde-Dichters Daniil Charms (1905–1942) schneit es, zetert es (eine Frau), schlägt es (zwei Frauen einen Mann) und rennt es im Kreis (ein Hund).

Einziger Wermutstropfen: Das übliche Publikum fehlt

28 Stunden war Projektleiterin Annette von Goumoens am Stück wach, als man sie gestern nach einem Resümee fragt. Sie freue sich über ein sehr gelungenes Pilotprojekt. Zeitweise habe es fast 500 Leute gehabt. «Fast alle Vorstellungen waren besser besucht als gedacht. Einziger Wermutstropfen: Das übliche Luzerner- Theater-Publikum war nicht da.»

Was sich bei künftigen Projekten dieser Art ändern könne: «Es braucht ein wenig Anlauf.» Von Goumoens möchte dranbleiben am Versuch, die Distanz zwischen Freier Szene und etablierter Kultur zu verringern. «Dank Benedikt von Peter geht das.»