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LUZERNER THEATER: Grosse Gefühle ertrinken in Klangfluten

Der musikalische Abend «Flow My Tears» hatte am Freitag Premiere. Der Abend über existenzielle Erfahrungen wie Verlust und Erlösung will etwas gar viel. Und der intellektuelle Reiz dominiert die emotionale Tiefe.
Roman Kühne
Protagonistin Marina Viotti mit einem der vielen Symbole für Vergänglichkeit. (Bild: Bild Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Protagonistin Marina Viotti mit einem der vielen Symbole für Vergänglichkeit. (Bild: Bild Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Schauspieler sind gegangen. Ein paar Zuschauer spazieren um den Bühnenfries. Ein Bild, das irgendwie das ganze Singspiel zusammenfasst. In der Mitte der faszinierende Erdenplan. Aus Holz geschaffen, detailgenau einer Karte aus dem Jahre 1507 nachgebildet, Sammelzentrum und Fliehpunkt des Abends. Ein Ruhepol, ausgedacht von der Bühnenbildnerin Natascha von Steiger. Der Kern des Stückes. Darauf das Material. Viel Material, das sich im Laufe der Handlung hier sammelte. Blumen, Bauklötze, Tücher, Eisfiguren. Ein Sammelsurium und Durcheinander. Weniger wäre mehr gewesen.

Denn eigentlich war der Abend auch als Meditation gedacht. Eine Art Oper über die Trauer und ihre Verarbeitung, erfunden und zusammengesetzt vom Team um den Regisseur Wouter Van Looy. Die Basis liefert die Musik des Engländers John Dowland. Gleichsam der Volkskomponist des elisabethanischen Zeitalters (zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts) war sein «First Book of Songs or Airs» ein grosser Erfolg mit fünf Auflagen insgesamt. Seine für Laute komponierten Stücke bilden eine ganz eigene Mischung zwischen Melancholie und Leichtigkeit.

Musik und Philosophie

Kein Wunder, diente er vielen Komponisten und Musikern als Ideengeber, von Benjamin Britten bis hin zu Sting oder der Metal Band Subway to Sally. Diese meist sanfte, ja zerbrechliche Musik verbindet sich im Schauspiel des Luzerner Theaters mit der Philosophie des Italieners Marsilio Ficino (1433–1499). Für ihn ist die Schwermut der direkte Ausdruck der menschlichen Verlassenheit. Die Sehnsucht, wieder mit dem Paradies, ja dem Göttlichen vereint zu sein. Ein Streben, das in der Kunst seine reinste Ausprägung findet.

Über diese philosophische Betrachtung stülpt Wouter Van Looy die handfeste Praxis der schweizerischen Ärztin und Buchautorin Elisabeth Kübler-Ross und ihre fünf Phasen der Trauer: Leugnen, Zorn, das Verhandeln mit der Macht (Gott?), Depression und Akzeptanz.

Und so fällt denn der Mensch in der ersten Szene des Schauspiels vom Himmel, begleitet von den treffenden Worten des 400-jährigen Liedes «Mourn, Mourn». Sätze wie «Look now for no more day» («Suche nach dem Tag, den es nicht mehr gibt») oder «In darkness learn to dwell» («In der Dunkelheit lerne zu leben») beschreiben präzise Verlorenheit und Absturz.

Doch dies reicht nicht. Die sinnliche Lautenmusik wird mit Elektronik angereichert. Ein Herz pulsiert und keucht. Die Mezzosopranistin Marina Viotti, die Führerin durch das Stück und Gefühlschaos spricht gleichzeitig auf Deutsch Texte des belgischen Autors Paul Verrept. Auch im Folgenden wird der Macht der Worte zu wenig vertraut. Die ausgewogene, ruhige Setzung von John Dowland wird elektronisch aufgebauscht. Stimmen ergänzen aus dem Hintergrund. Wind, Wellen oder Brummen überfluten den Raum. Der Gesang verbindet sich elektronisch mit der ihn umgebenden Intensität.

Natürlich, man will den alten Liedern John Dowlands eine moderne Form bescheren, die blosse Ahnung eines jeden Rührseligkeitskitsches im Keime ersticken. Aber – von wenigen Ausnahmen abgesehen – berührt der Abend nicht sonderlich. Die Umsetzung seines grossen Themas, diese Urangst der menschlichen Existenz, der Unglaube im Moment eines wirklich erfahrenen Verlustes zielt am Herzen und der Seele vorbei. Obwohl, die geschaffene Kühle, die Decke aus Geräuschen und Stimmen hat durchaus ihren intellektuellen Reiz.

Doch die gesuchte Meditation, ja Führung durch die Stufen des leidenden Menschen ist zu plakativ, die Symbolik zu direkt: Der Mann im Rollstuhl, der ein ums andere Mal sein Gefährt zornig in die Bühnenkante steuert. Der tote Schwan, der sich erschiessende Beamte, das Kind, das mit Klötzchen die Städte baut. Die am Rand der Bühne hinschmelzenden Figuren würden reichen, um die Vergänglichkeit des Menschen klar zu zeichnen.

Zu wenig Vertrauen in die Fähigkeit der Zuschauer

Dabei lassen die sinnlichen Kostüme (Margot Gadient-Rossel) oder die sanfte Lichtregie (Marc Hostettler) viel Platz für eigene Gedanken. Aber in der Musik (Leitung Vincent Flückiger) und dem Spielablauf scheint man der visionären Kraft der Zuschauer nicht ganz zu vertrauen. Das gelungene Musizieren der Künstler lässt erahnen, welche Chance und Tiefe vertan wurde. Marina Viotti singt und spielt die Hauptrolle, die Allegorie der – göttlichen (?) – Führerin mit berührender Fragilität. Hier und im Spiel der Laute (Vincent Flückiger) scheint hell das Licht, finden die sensiblen Texte und Melodien den passenden Bogen. Auch die beiden Baritone Jason Cox und Bernt Ola Volungholen sowie die Sopranistin Diana Schnürpel singen in ihren kurzen Einsätzen gläsern, ja rissig gar, geben dem Verlust und dem Kummer eine sanfte Richtung.

Am Ende findet das Schauspiel seinen Frieden. Begleitet vom klagenden Duduk (Jean-Valdo Galland), einer Art Flöte mit Oboenschnabel, gehen die Akteure langsam von der Bühne, zeigt sich in den letzten Minuten des Stückes jene Besinnlichkeit, die ihm vorher etwas fehlte.

Hinweis
Flow My Tears, bis und mit Samstag, 10. März, Luzerner Theater.www.luzernertheater.ch.

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