LUZERNER THEATER: «Humor ist eine Lebenshaltung»

Zeitgenössische Oper, die mit Humor Farbe bekennt: Im Rahmen des Lucerne Festival beginnt das Luzerner Theater seine Saison prominent mit György Ligetis «Le Grand Macabre» in der Regie von Herbert Fritsch.

Urs Mattenberger
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«Theater ist die Urform der Kunst überhaupt», sagt Herbert Fritsch. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. 9. 2017))

«Theater ist die Urform der Kunst überhaupt», sagt Herbert Fritsch. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. 9. 2017))

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Der deutsche Schauspieler und Medienkünstler Herbert Fritsch (66) machte in den letzten Jahren mit seinem radikalen, lustvoll-grellen Unterhaltungstheater international Furore. Zwischen Berlin, Zürich oder Wien inszeniert er jetzt am Luzerner Theater György Ligetis modernen Opernklassiker «Le Grand Macabre»: eine Totentanz-Groteske, die wie geschaffen ist für seine überbordende Spiellust und Energie.

Herbert Fritsch, vor 12 Jahren zeigten Sie in Luzern Ihre erste Inszenierung an einem Stadttheater. Jetzt kehren Sie quasi als Star zurück. Was verbindet Sie mit Luzern?

Das ging beide Male über persönliche Kontakte. Ich kannte den späteren Schauspielleiter am Luzerner Theater, Peter Carp. Er kannte meine filmischen Arbeiten und meinte, falls er einmal an einem Theater etwas zu sagen habe, lade er mich als Regisseur ein. Und das ist ja dann mit ­Molières «Der Geizige» ganz gut gegangen.

Jetzt inszenieren Sie György Ligetis «Le Grand Macabre». Kann sich das Theater Sie leisten dank der Koproduktion mit Lucerne Festival?

Das hat damit nichts zu tun. Ich hatte für den Theaterintendanten Benedikt von Peter in Bremen erstmals eine Oper inszeniert, Jacques Offenbachs «Banditen». Jetzt setzen wir die Zusammenarbeit in Luzern fort.

Ligetis Oper kommt der entfesselten Spiellust entgegen, die Ihr Theater prägt. Aber schränkt der Rahmen, den eine Partitur vorgibt, diese Fantasie nicht ein?

Nein, für mich gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Oper und Schauspiel. Theater ist für mich die Urform der Kunst überhaupt. Spiel ist immer Musik, Melodie und Rhythmus. Die Grossaufnahme, die als Charakteristikum des Films gilt, gibt es seit jeher auch auf der Bühne. Wenn ein Schauspieler in der Lage ist, die Zuschauer bis in die Fingerspitzen hinein zu bannen, und darauf kommt es letztlich an, ist das eine Art Grossaufnahme.

Im «Grand Macabre» verpatzt der Tod – Nekrotzar als der Grosse Makaber – im allgemeinen Suff den angedrohten Weltuntergang. Kann man das ohne Eingriffe auf aktuelle Zustände umdeuten?

Grundsätzlich finde ich, dass auch in einer Oper Eingriffe selbstverständlich erlaubt sind. Mit der übermässigen Verehrung und Anbetung toter Komponisten töten wir sie ein zweites Mal. In Mozarts Don Giovanni etwa habe ich die Ouvertüre nach dem Mord an Annas Vater versetzt, was zur Erhöhung der Spannung beitrug.

Und beim «Grand Macabre»?

Ich sah keinen Grund und hab die Partitur genutzt. Es gibt immer etwas, was den Rahmen bestimmt, manchmal die Partitur, manchmal die Grösse der Bühne und oft bei mir selbst auferlegte Zwänge. Das ist Voraussetzung für lustvolles Spielen.

Sie verwahren sich dagegen, als Regisseur mit einem Stück «Sinn» zu produzieren. Aber man wird diese sieben Särge als Zeichen verstehen. Wofür stehen Sie?

Das kann ich selber nicht genau sagen. Weil es im Stück um den Tod und den Weltuntergang geht, suchte ich nach entsprechenden Bildern, und da fielen mir spontan die naheliegenden Särge ein. Eigentlich will ich nicht wissen, worum es geht. Mich regt auf, wenn man alles schon vorher weiss. Ich will während der Proben etwas erfahren, ich will spielen und andere spielen lassen: Freiheit geben den Menschen und dem Stück, dass man gemeinsam dort hingehen kann, wo man noch nicht war. Und erst bei der Premiere frühestens merkt, wo man hingegangen ist. Das heisst Abenteuer.

Trotzdem drängen sich aktuelle Bezüge auf, wenn im Stück Machthaber als Trottel persifliert werden.

Klar, solche Bezüge sind offensichtlich. Aber das liegt daran, dass das Stück aus den 70er-Jahren stammt, in denen das Regietheater begann, Politiker als Deppen vorzuführen. Inzwischen hat sich die Situation grundsätzlich verändert. Das beste politische Theater machen heute ohnehin Politiker wie Donald Trump. Da will ich nicht konkurrieren.

Weder Sinnsuche noch politisches Theater: Was bringen Sie denn mit Ihrer mikroskopischen Theaterarbeit in ein solches Stück hinein?

Als Theatermacher bin ich im Grunde altmodisch: Mich interessiert das pure Theater, also wie Menschen und Körper auf der Bühne aufeinander reagieren. Dazu gehören elementare Muster, wenn sie stolpern, erschrecken oder blöd gucken. Schon im Stolpern kann ja eine ganze Philosophie stecken, mit all den Blamagen, Ängsten und Peinlichkeiten, die das mit sich bringt. Das ist eine Art «Marx-Brothers-Prinzip», das auf die Commedia dell’Arte zurückgeht, deren Spiel mit klaren Typen und Erwartungen ich mag. Allerdings geht es im Theater immer auch um Energie, und es braucht Explosionen. In dieser Hinsicht gebe ich sicher noch einen drauf (lacht).

Kritiker tun das auch mal als Klamauk ab – die «Luzerner Zeitung» vermisste beim «Geizigen» den tieferen Sinn einer schrillen Spassgesellschaft, die beim Publikum rauschenden Beifall fand. Andere entdeckten in den «Grimmigen Märchen» in Zürich einen tiefenpsychologischen Sinn. Wie erklären Sie sich, dass Ihre Arbeiten so unterschiedlich aufgenommen werden?

Das ist doch schön, dass sie unterschiedlich aufgenommen werden. Wo die einen lachen, müssen die anderen weinen oder sich aufregen. Wo die einen Klamauk sehen, sehen andere tieferen Sinn. Wo die einen meine Bühnenbilder als quietschbunt beschreiben, sehen andere einen neuen Farbenreichtum auf der Bühne.

Und das wird auch bei dieser Oper der Fall sein, die von Belcanto-Süsse bis zur schrillen Groteske alle möglichen Tonfälle mischt?

Natürlich, in der Musik von ­Ligeti steckt sehr viel Humor und Farbe. Humor ist eine Lebenshaltung, und Farbe heisst, sich zu bekennen. Mit angestrengtem Ernst fesselt man Gedanken, aber die Gedanken sind frei.

Hinweis

Premiere: heute, 19.30 Uhr, Luzerner Theater. Tickets und Infos: www.luzernertheater.ch