LUZERNER THEATER: «Ich mag bereits dieses Publikum»

Publikumsnah und doch radikal: Brigitte Heusinger sagt, welche Ideen sie als Vize- Intendantin von Benedikt von Peter nach Luzern bringt.

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So direkt und spontan wie das Theater, das ihr vorschwebt: Brigitte Heusinger. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

So direkt und spontan wie das Theater, das ihr vorschwebt: Brigitte Heusinger. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Interview Urs Mattenberger

Brigitte Heusinger (56) wuchs in Bremen auf, lernte das Theaterhandwerk an Bühnen in Österreich, professionalisierte es als Operndramaturgin am Theater Basel und ist seit 2012 Operndirektorin in Saarbrücken. In Luzern ist sie ab 2016 stellvertretende Intendantin des designierten Intendanten Benedikt von Peter. Heusinger ist Mutter von zwei Kindern und kann, wie sie im angeregten Gespräch sagt, mit dem Sektglas in der Hand Pausengespräche führen oder mit jungen Menschen eine Nacht durchtanzen, ohne sich verstellen zu müssen.

Brigitte Heusinger, Benedikt von Peter sagte, ohne sie als Vize-Intendantin hätte er in Luzern nicht zugesagt. Was macht Sie so unentbehrlich?

Brigitte Heusinger: (lacht) Das ist sicher nicht das richtige Wort. Aber Benedikt und ich ergänzen uns als Team ideal, wie wir von unseren Arbeiten in Basel wissen. Er ist ja ein junger Regisseur, der eine unglaublich drängende Fantasie und Energie hat. Ich verfüge als die Ältere über eine längere Theatererfahrung und bin dadurch wohl pragmatischer und mehr die Fragende im Team. Aber wichtiger ist das, was uns verbindet.

Welche Gemeinsamkeiten sind das?

Heusinger: Ich sei der undogmatischste Mensch, den er kenne, hat von Peter mir einmal gesagt und das würde ich auch von ihm sagen. Wir bringen beide eine grosse Portion Emotionalität mit und wollen das Publikum nicht platt, sondern existenziell berühren. Wir suchen dafür nach neuen Theaterformen, die die Zuschauer wieder näher mit einbinden.

Von Peters Aufsehen erregende Inszenierungen in Bremen haben damit begeistert, aber auch etliche vergrault. Stellen Sie als die Pragmatischere sicher, dass sich ein Publikumseinbruch wie unter Barbara Mundel in Luzern nicht wiederholt?

Heusinger: Ich war jetzt gerade in Bremen und konnte ein Phänomen beobachten, das ich auch von anderswo kenne. Man ändert Stile, Sehgewohnheiten, Teile des Publikums sind irritiert, aber auf einmal wird dieser Stil geliebt und ist nicht mehr wegzudenken. Aber in den wichtigen Diskussionen rund um die Publikumsakzeptanz haben wir natürlich unterschiedliche Rollen. Regisseure müssen ja immer sagen: Ich will! Als Intendant denkt man dagegen dauernd: Publikum! Von Peter selbst wird in seiner Doppelrolle als Intendant und Regisseur beides verbinden. Und die Zeit, in der Barbara Mundel in Luzern war, war eine andere.

Weshalb?

Heusinger: Viele berichten mir, dass Barbara Mundel gute Produktionen gemacht habe, aber die Kommunikation schwierig war. Es war die grosse Zeit des Regietheaters, das mit plakativen Symbolen seine Behauptungen vor sich hertrug. Von Peter und ich gehören einer Generation an, die dieses Regietheater überwinden will: mit einem Theater, das direkte Emotionen und Sinnlichkeit sucht, wo das Publikum mitdenkt und in der Auseinandersetzung mit den Stoffen doch radikal ist.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Heusinger: Viele Regisseure wollen ein Stück aus der Perspektive einer bestimmten Figur zeigen und tun das so, dass der Zuschauer das gar nicht merkt oder merken muss. Benedikt von Peter setzte eine solche Idee in seiner «Traviata» um, indem er auf der Bühne ausschliesslich die Violetta singen und spielen liess. Die übrigen Sänger waren im Zuschauerraum verteilt. Das ist radikal und doch auf Anhieb verständlich: Die Produktion wird seit vier Jahren in Hannover immer wieder aufgenommen und ist dauernd ausverkauft.

Welche Erfahrungen haben Sie als Operndirektorin in Saarbrücken mit diesem «Postregietheater» gemacht?

Heusinger: Das Publikum hat mit ungewohnten Sichtweisen kaum Probleme, wenn es versteht, dass diese nicht als Provokation gemeint sind, sondern mit dem Stoff zu tun haben. So setzten wir in Saarbrücken in «Lucia di Lammermoor» die Schlussarie des Tenors an den Anfang und erzählten das Stück als Rückblende. Das war ein starker Eingriff, aber dank diesem endete das Werk mit der grossen Wahnsinnsarie, nach der jeder das Gefühl hat: Das ist das Ende.

Für publikumsnahe Theaterformen eignen sich viele Aussenspielstätten. Wie kann man im Theater selbst den Graben überwinden?

Heusinger: Auch da ist das möglich! Zur Eröffnung unserer ersten Spielzeit bauen wir das Haus zwar nicht gerade um. Aber es wird für die ersten Produktionen ein Bühnenbild geben, das eine andere Anordnung von Spielflächen und Sitzplätzen schafft. Ausführende und Zuschauer rücken da noch näher zusammen.

Offenbar sind Sie in Kontakt mit dem Animationsfilmfestival «Fantoche» in Baden. Wie wichtig sind Neue Medien mit Blick auf ein junges Publikum?

Heusinger: Hier stehen die Gespräche noch aus. Aber wir strecken die Fühler aus, und unser Kooperationswille mit den unterschiedlichsten Institutionen ist gross. Film und Neue Medien können je nach Inszenierung eine wichtige Rolle spielen. Ein Beispiel in Saarbrücken war Ravels «L’Enfant et les Sortileges», wo Zeichnungen in ein Bühnenbild übergingen. Eine Tapete, die lebendig wird: Das passte zur Geschichte, in der Gegenstände lebendig werden und zurückschlagen. Aber generell würde ich die Bedeutung der Neuen Medien nicht überbewerten. Dass Filme die Bühnenbilder ersetzen, glaube ich nicht. Dafür lebt Theater zu sehr vom echten räumlichen Erleben.

In Luzern leiten Sie mit von Peter das Musiktheater. Was bedeutet da radikales Theater nah am Publikum?

Heusinger: Auch da zeigen wir eine Vielfalt von Produktionen, in denen nicht nur klassische Orchester bei klassischen Stücken im Graben sitzen. Aber auch das Standardrepertoire ist uns ganz wichtig ...

... also Publikumsrenner wie «Traviata», Mozart oder Operetten?

Heusinger: Ja! Nicht nur, weil sie das Haus füllen. Ich mag die Operette, weil Humor je nach Region anders verstanden wird und man das einbeziehen kann. Repertoireklassiker sind zentral, weil Theater eine Schaltstelle zwischen Tradition und Innovation ist. Dieser Doppelcharakter zieht sich durch alles. Einerseits wollen wir das feudalististische Guckkastensystem unterwandern mit durchlässigen Konzepten. Anderseits bleibt die Bühne für mich im Grunde etwas Heiliges, mit dem man nicht nachlässig umgehen darf.

Sie kommen auch aus privaten Gründen zurück in die Schweiz. Was verbindet Sie mit diesem Land?

Heusinger: Mein Lebensgefährte lebt hier, und wir werden beide nach Luzern ziehen. Zudem habe ich wegen Freunden immer viel Zeit hier verbracht und sehe Parallelen zu meiner Heimat. In Bremen wie in Basel spürt man die protestantische Tradition. Die Organisationsstrukturen sind schlank, die Menschen etwas kühler und rationaler, aber sehr verbindlich und verantwortungsbewusst.

Kühler als in Luzern?

Heusinger: Ja. Das mag mit der katholischen Tradition zusammenhängen. Jedenfalls erlebe ich die Menschen hier als sehr herzlich auch das Publikum im Theater. Der warme Applaus nach einer «Boheme» und Begegnungen nach Vorstellungen gaben mir das gute Gefühl, dass ich dieses Publikum bereits mag.

Auch wenn es vielleicht etwas konservativ sein sollte?

Heusinger: Es gibt immer Leute, die eine Produktion nicht mögen. Deshalb werden wir ja auch eine grosse Vielfalt bieten. Aber dass man Leute in Schubladen steckt, ob das nun Barbara Mundel, Dominique Mentha oder gar ein ganzes Publikum betrifft: Das ist mir tatsächlich zu dogmatisch!