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LUZERNER THEATER: «Im entscheidenden Moment muss man loslassen»

Der israelisch-amerikanische Dirigent Yoel Gamzou verschrieb sich mit sieben Jahren der Musik Gustav Mahlers. In Luzern verbindet er dessen zehnte Sinfonie mit Max Frischs «Holozän» zum Endspiel.
Urs Mattenberger
Ein Leben für Gustav Mahler: Dirigent Yoel Gamzou (29). (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Ein Leben für Gustav Mahler: Dirigent Yoel Gamzou (29). (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Yoel Gamzou, Max Frischs späte «Holozän»-Erzählung dokumentiert lakonisch den Gedächtnisverlust eines alten Mannes. Mahlers zehnte Sinfonie überquillt von Emotionen. Wie bringt man solche Gegensätze zusammen?

Als ich für dieses Projekt angefragt wurde, habe ich mich das zuerst auch gefragt. Klar war, dass der Text in einer direkten Konkurrenz keine Chance hätte. Musik wird direkt durch den Bauch empfunden, während ein Text immer erst rational verarbeitet werden muss. Und auch illustrieren lässt er sich nicht mit Mahlers Musik: Wenn diese erklingt, ist alles andere schlagartig weg. Aber im Grunde gestalten beide Werke mit unterschiedlichen Mitteln genau das Gleiche.

Worin besteht die Gemeinsamkeit?

In der existenziellen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. In beiden Werken ist das ein Prozess, in dem man allmählich die Kon­trolle verliert. Und in beiden Werken kommt der entscheidende Moment, wo man loslassen muss.

Aber Gustav Mahler verarbeitete in der Zehnten auch die Verzweiflung über den Ehebruch seiner Frau Alma.

Für mich ist das eine sehr verkürzte Interpretation. Grosse Kunst ist gross, weil das, was sie ausdrückt, über Biografisches hinausgeht. Die zehnte Sinfonie ist für mich der dritte Teil einer Trilogie und setzt sich weiter mit dem Thema Abschied auseinander. Diesmal geht es aber nicht mehr um den Abschied des Einzelnen, sondern um den Abschied von allem – im Grunde ein apokalyptisches Werk.

Wie setzen Sie und Regisseur Felix Rothenhäusler das in Bezug zu Frischs Text?

Wir haben den Abend in drei Abschnitte geteilt. Im ersten spricht der Schauspieler Adrian Furrer den Text ohne Musik. Schon das spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab, weil die Grenze zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle unscharf ist. Übertitelungen ermöglichen den Wechsel zwischen der Erzählung und den Notizzetteln, die Herr Geiser als Gedächtnisstütze an die Wände heftet.

Wann kommt die Musik ins Spiel?

Im zweiten Abschnitt erklingen Auszüge aus Mahlers Sinfonie, einzelne Töne, Motive und schliesslich zusammenhängende Ausschnitte. Die Musik ist eine Art Störfaktor, der Schauspieler reagiert auf die Klänge und wird von ihnen bedrängt. Beide Ebenen entwickeln sich autonom, doch dann gibt es einen Moment, wo sie sich kreuzen. In der Geschichte ist dieser Schlüsselmoment Geisers Schlaganfall. In Mahlers Zehnter gibt es einen neuntönigen Akkord, der zum Abgründigsten gehört, was in der Musikgeschichte komponiert wurde. Das ist für mich kühner als Schönberg, weil in einem tonalen Kontext ein radikaler Endpunkt erreicht wird. Dieser apokalyptische Akkord erklingt bei uns im Moment von Geisers Schlaganfall.

Und wie kann man nach diesem Ende weitermachen?

Indem man loslässt! Der Schlaganfall wie der Akkord sind der Punkt, wo man sich nicht mehr gegen die Endlichkeit auflehnt und dadurch frei wird für das, was nach dem Tod folgt. Das kann die Vorstellung von einem Leben danach sein. Oder die Erkenntnis, dass Kategorien wie Tod und Leben diesem Wechsel gar nicht angemessen sind. Das lassen wir offen, und weil man das mit Worten ohnehin nicht begreifen kann, erklingt im dritten Teil ohne Text dieser Abgesang aus Mahlers zehnter Sinfonie.

Als Kind hatten Sie Ihr Schlüsselerlebnis mit Mahlers siebter Sinfonie. Wie muss man sich das bei einem Siebenjährigen vorstellen?

Ich hatte damals wenige Kontakte und konnte mich schlecht ausdrücken. Als ich die Schallplatte mit Mahlers siebter Sinfonie auflegte und wieder und wieder anhörte, hatte ich das Gefühl: Das ist meine Stimme, da wird etwas ausgedrückt, wozu ich selber nicht in der Lage war. So etwas war mir bis dahin noch nie und ist mir auch seither nicht mehr passiert.

Sie haben den Rekonstruktionen der Entwürfe zur zehnten Sinfonie eine eigene hinzugefügt. Was ist daran anders?

Mein Ansatz war ein anderer. Die bisherigen Fassungen versuchen möglichst «authentisch» nur zu realisieren, was Mahler skizziert hat. Mein Ziel war es, ein echtes Konzerterlebnis zu ermöglichen, ohne den Anspruch, dass diese seinem Original möglichst nahe kommt, das es gar nicht gibt. Wirklich authentisch sind nur die Entwürfe selbst.

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Der Mensch erscheint im Holozän» mit dem Luzerner Sinfonieorchester (Leitung Yoel Gamzou) und dem Schauspieler Adrian Furrer. Premiere: Sonntag, 30. April, 19.00, Luzerner Theater.

www.luzernertheater.ch

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