LUZERNER THEATER: Improvisation ist genau ihr Ding

Carolin Herzberg jobbte bei Mode­labels in Berlin und Amsterdam. Lernte in Ungarn, dass Druck kreativ macht. Jetzt hat sie Kostüme für die Kammeroper «Orpheus.Factory» geschaffen.

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Carolin Herzberg mit einem Kostüm für «Orpheus.Factory» in der Schneiderei des Luzerner Theaters. (Bild: Dominik Wunderli)

Carolin Herzberg mit einem Kostüm für «Orpheus.Factory» in der Schneiderei des Luzerner Theaters. (Bild: Dominik Wunderli)

Julia Stephan

Carolin Herzberg besitzt keinen auf Hochglanz polierten Internetauftritt. Sie besitzt überhaupt keine Permanence im weltweiten Netz. Noch nicht. In unserer vermarktungsschreierischen Welt macht sie das zwar auf unheimliche Weise unsichtbar. Untätig ist die sympathische Süddeutsche deshalb mitnichten.

Als Herzberg im Frühjahr bei der Verleihung des Mode- und Theaterförderpreises «Prix Juste-au-Corps» für ihre Kostümentwürfe zur Oper «La Boheme» den Publikumspreis erhielt, war sie beim Initiator des Wettbewerbs, dem Luzerner Theater, noch als Kostümassistentin angestellt. Eine Rolle im Hintergrund. Und so eine ist ihr bis heute am liebsten. «Ich bin gerne präsent, aber entdecke mich, wer möchte ...», sagt die 27-Jährige über sich. Dass sie sich als Mitglied des Performance-Kollektivs Berlocken unmittelbar darauf an einem Theaterfestival in Deutschland einen weiteren Preis einfing, erschien schon damals wie eine Nebensache. Inzwischen ist ein dritter Preis hinzugekommen und Herzberg immer noch ohne webbasiertes Aushängeschild mit Curriculum.

Ballerinas für Männer

Herzbergs modische Entwürfe sind mehr Installationen als Mode nach Mass. Die inzwischen freiberuflich in Luzern arbeitende Künstlerin geht mit Dekonstruktion vor. Wie kann man so ein profanes Ding wie einen Wäschesack modetauglich machen? Können auch Männer Ballerinas tragen? So etwas beschäftigt Herzberg, die sich künstlerische und organisatorische Praktiken aneignet übers Zupacken und blanke Ausprobieren. Noch vor ihrem Designstudium an der Hochschule für Künste in Bremen ging sie nach Berlin, um beim Label Besserdresser nähen zu lernen. Nach dem Studium schnupperte sie in Amsterdam beim Modedesigner Bas Kosters in der High Fashion Höhenluft, in Luzern will sie erstmal sesshaft werden.

Herzblut fürs Theater

Die Bühnenbretter hat Herzberg schon früher ausgetestet – und sich dann bewusst für die Arbeit im Hintergrund entschieden. Da war sie 18 und tourte mit der Laien-Offbühne Theater Total mehrere Monate durch die Lande – Bertolt Brechts «Dreigroschenoper» im Gepäck. Tänzer des Pina-Bausch-Ensembles stärkten den Laien den Rücken. Das Team erledigte alles in Eigenregie: von der Produktion zum Fundraising bis zu kleineren Reparaturarbeiten. Herzberg hat dort viel Herzblut vergossen und gelernt, eine Theaterproduktion von Grund auf zu begleiten.

Das kommt ihr heute zugute. Mit dem Theaterkollektiv Berlocken hat sie für die Performance «ich sehe was, was du nicht weisst» am Arena-Theaterfestival in Erlangen zum zweiten Mal in Folge eine Auszeichnung bekommen. Im öffentlichen Raum sammelte das Kollektiv vertrauliche Daten von seinem Publikum. Wer komplizierte AGB unterschrieb, erhielt auch nach der Performance noch personalisierte SMS und bekam es mit seinem Porträtfoto auf öffentlichen Bildschirmen zu tun.

Weil die Deutsche Post streikte, hatten es die von Herzberg bestellten Masken nicht mehr rechtzeitig nach Erlangen geschafft. An der Premiere war Improvisation gefragt. Solche Unvorhersehbarkeiten holen Herzberg aus der Reserve. Sie liebt es, sich einzuschränken – zeitlich, ökonomisch, formal. Nur so könne sie über ihre eigenen Grenzen hinauskommen, sagt sie. Manchmal arbeitet sie absichtlich schnell, collagiert im Akkord – «damit ich mir das Zweifeln nicht erlauben kann».

In der Beschränkung kreativ zu werden, das hat sie in Budapest gelernt, wo sie 2011 als Austauschstudentin in einer politisch heissen Phase erlebte, wie die Orban-Regierung die Verfassung des Landes umkrempelte und die Bürgerrechte beschnitt.

«In Ungarn hat man den Druck, aber keine Mittel. Bei uns hat man die Mittel, aber keinen Druck», sagt sie. Damals hatten sich die Ungarn an die rechten Töne ihrer Regierung noch nicht gewöhnt. Kunststudenten unterbrachen ihr Studium, um politisch aktiv zu werden. Herzberg nahm teil an den Interventionen ihres ungarischen Freundeskreises. «Dieses schnelle, improvisierte Arbeiten ohne viel Luxus hat mich geprägt», sagt sie heute.

Moderner Orpheus

Am Samstag kann man sich endlich Herzbergs Kostüme für die elektronische Kammeroper «Orpheus.Factory» von Jacob Suske anschauen, eine moderne Umsetzung des Orpheus-Mythos.

Und ganz nebenbei noch das: Herzbergs Homepage ist in Planung.

Hinweis

«Orpheus.Factory.», elektronische Kammeroper. Die Premiere am 29. 8. in der Spielstätte UG des Luzerner Theaters ist ausverkauft.