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LUZERNER THEATER: Lebensgeschichten in Bewegung gesetzt

34 Seniorinnen und zwei Senioren tanzten am Wochenende. «Look at me» heisst die begeisternde Choreografie von Sandra Marín Garcia. Alles beginnt mit einem Fest, welches das Leben bejaht.
Edith Arnold
Die «heilende und verjüngende Wirkung des Tanzes», wie Choreografin Sandra Marín Garcia es nannte, war auch für das Publikum offensichtlich. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Die «heilende und verjüngende Wirkung des Tanzes», wie Choreografin Sandra Marín Garcia es nannte, war auch für das Publikum offensichtlich. (Bild: Luzerner Theater/Ingo Höhn)

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Als ob sie gerade einem Gemälde entsteigen würde: die Tänzerin, 75 plus, graue Mähne, pudriger Teint, romantisches Kleid. Zu «Danse des Femmes» von Ar­mand Amar setzt sie gegen Ende zu ihrem Solo an. Im Einklang mit der Musik bewegt sie sich immer entfesselter, als würden die Streich- und Perkussionsinstrumente des marokkanischen Komponisten das ganze Leben in ihren Gliedern wecken. Nein, hier ereignet sich keine Fata Morgana. In der Weite der Wüste, der leeren Bühne, erscheint nun eine Riesenschlange. Sie ist 33 Frauen und 2 Männer lang.

«Look at me» heisst das Tanzprojekt für die Menschen ab 60, das am Samstag erstmals gezeigt wurde. Es war auf der Website von Pro Senectute ausgeschrieben. Alle Interessierten durften vortanzen und mitmachen. Seit November haben sie jeden Samstagnachmittag drei Stunden geprobt. Nicht im Pfarreiheim, sondern im Ballettsaal des Luzerner Theaters; wie das Profi-Ensemble.

Das Feuer wird durch ein Fest entfacht

Es entwickelte sich schnell ein «Pas de deux» zwischen den Laien und Sandra Marín Garcia, früher Tänzerin von Tanz Luzerner Theater und heute Choreografin. Zusätzliche Kompetenz steuerte Kathleen McNurney bei. Die künstlerische Leiterin bietet jedes Jahr einen Tanzworkshop für Ältere an. Und auch ihrem «Shall we dance?!»-Angebot kann kaum jemand widerstehen.

Doch: Wie hält man das Feuer am Brennen? Wie entfacht man es? Mit einem Fest, findet die in Barcelona geborene Sandra Marín Garcia: Fest sei die Metapher fürs Leben. So beginnt die Choreografie auf der Bühne mit Partystimmung. Fast wie Junioren wirken die Senioren, wenn sie zu Salsa-Rhythmen in die Mitte schreiten. Ein gut gelaunter heterogener Mob, individuell in der Bewegungssprache wie bei den Outfits.

Alle tragen pastellfarbene Gewänder, kontrastiert durch immer andere Accessoires in Feuerrot. Cha-Cha-Cha! Es geht nicht allzu lange, bis der Tänzer im roten Gilet mit einer Tänzerin ein Techtelmechtel beginnt und die Zuschauer an seiner Freude teilhaben lässt. Als Chef, zumindest hinter der Bühne, soll sich allerdings der zweite Herr aufführen.

Ein Herzstück bildet sich mit dem Gedicht «Love after Love» von Derek Walcott, dem «karibischen Homer»: «Die Zeit kommt, wenn du mit Schwung dich selber an deiner eigenen Tür begrüssen wirst, in deinem eigenen Spiegel, und jeder wird beim Gruss des anderen lächeln», sagt eine Stimme auf Englisch.

Auf der Bühne schaut man einander jetzt genau an, aus nächster Nähe mit respektvoller Distanz. Dann setzen 36 Leute ihre Lebensgeschichte in Bewegung. Abstrakt. Geschmeidig oder fast hüpfend. Auch verhalten. Das sind eindrückliche Momente. Sandra Marín Garcia gibt allen ihren Raum. Für sie, die vor zwei Jahren ein ehrenwertes Mafiastück fürs Profiensemble choreografierte, ein machbarer Spagat: Ihre Art zu arbeiten sei dieselbe, sagt die 41-Jährige, sie habe immer das geglückte Ziel vor Augen. «Beim Senioren-Ensemble erkenne ich, wie Tanz heilend und verjüngend wirkt, selbst wenn alles langsamer abläuft.»

Die Gelenke sind in Ordnung

45 Minuten dauert das Stück. Ist Voltaren, der «Bewegungsexperte» in Salbenform, im Spiel? Ihre Gelenke seien in Ordnung, sagt Antonietta Mendler, die ebenfalls ein dynamisches Solo hinlegte. Als Jüngste habe sie sich vor allem in Geduld üben müssen; einige seien über zehn Jahre älter als sie. Seit langem mache sie Rhythmik und Tanz. Dennoch habe sie sich immer voll konzentrieren müssen. Sie sei ein Bewegungsnaturell, attestiert ihr Ehemann nach der Vorführung. «Nur beim Paartanz finden wir keine Harmonie», lacht er.

Gehört «Look at me», das gestern ein zweites und vorerst letztes Mal aufgeführt worden ist, auf die grosse Bühne? Eine Zuschauerin, 70 plus, meint, auf sie habe das Stück entweder langweilig oder peinlich gewirkt. Andererseits: Wo sonst sollten derartige Experimente veranstaltet werden? Eine Theaterbühne sei der Ort, an dem Grenzen überschritten werden dürfen, sagt sie.

Wie wohl die elegante Solistin mit der grauen Mähne ihren tranceartigen Auftritt erlebt hat? Sie scheint im Gemenge der Premierenfeier auf einmal verschwunden zu sein. Ist sie längst draussen, via Brücke über alle Rathausstufen, welche durch die Guuggenmusigen zur Tanzfläche geworden sind?

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