LUZERNER THEATER: «No Future Forever» – Denkanstösse für die Komfortzone

Im Musiktheater «No Future Forever» wirken über sechzig Jugendliche aus der Region mit: Zwischen Probe und Premiere sagen drei von ihnen, welche Sorgen und Wünsche sie da mit hineinbringen.

Urs Mattenberger
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Assoziativer Aufbruch ins jugendliche Paralleluniversum: Jugendliche proben «No Future Forever». (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Assoziativer Aufbruch ins jugendliche Paralleluniversum: Jugendliche proben «No Future Forever». (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Die E-Gitarre kreischt, das Schlagzeug groovt, Oliver Truffer sinniert in einem Mundartsong ausdrucksstark über Gott und die Welt ins Mikrofon: So wie in dieser Probe mag man sich das vorstellen, wenn Jugendliche das Luzerner Theater in einer Art «Hausbesetzung» in Beschlag nehmen. Als solche kündigt das Theater sein Musiktheater­projekt «No Future Forever» an, das morgen Premiere hat. Dieses nämlich haben über sechzig Jugendliche aus der Region mit einem Produktionsteam des Theaters in den letzten Monaten mitgestaltet – von eigenen Inputs zum Text von Jakob Nolte, zu Musik und Videos bis hin zu Kostümen und Bühnenbild.

Aber der Dirigent Silvan Koch ruft dem Schlagzeuger zu: «Schrei einmal richtig! Wir schmeissen hier ein geiles Ding. Das muss man spüren!» Und als der Schlagzeuger beim Einzählen lustvoll losbrüllt, wird auch der Gitarrist gepusht, der sich auf dem Rücken wälzt: «Das muss dynamischer sein, damit man dir das abkauft», meint Hausregisseur Marco Štorman, der den ­erfolgreichen «Rigoletto» in der Viscosihalle inszenierte.

Keine klassische Jugendrevolte

Erstaunlich: Ausgerechnet an den Rebellenposen muss in der Probe gefeilt werden. Da haben es die auf den Seitenbalkonen platzierten Musiker des Zentralschweizer Jugendsinfonieorchesters einfacher. Denn die Musik von Silvan Koch funktioniert auf Anhieb und macht klar: «No Future Forever» bedient selbst in den Songs nicht Musical-Klischees, sondern verbindet Süffigkeit mit Komplexität zu einer eigenständigen Musiktheater-Form.

Da haut in einer ironisch stilisierten Kampfszene auch mal Wagners Walkürenritt über die Stränge. Und wenn der Chor den Zufall feiert, der hier für Freiheit steht und als Instanz die «Eltern» oder das «Land» ablöst, schwingt sich nicht nur das Orchester zu sinfonischen Hymnen hoch. Auch die in Castings ausgewählten 22 Darsteller rotten sich da gefährlich zusammen und geben der mit Videos, Pflanzen und Ritterrüstungen poetisch verrätselten Bühne eine klare Richtung: bedrängend nahe hin zum Publikum.

Die Grundidee war, dass die 22 jugendlichen Darsteller und 41 Jungmusiker des Zentralschweizer Jugendsinfonieorchesters ZJSO sich hier Gedanken über ihre Gegenwart, die Zukunft, das Erwachsenwerden und das Leben ganz allgemein machen. So liest man es in der Ankündigung des Theaters. Was also beschäftigt die Nachkommen der No-Future-Generation von einst? Drei von ihnen fragten wir am Rand der Probe, ob sie vielleicht braver sind, als sich das das Theater selber vorgestellt hat.

Oliver Truffer (20), der Umwelt- und Naturwissenschaften studiert, stellt klar: «Uns ging es nicht um eine klassische Jugendrevolte, bei der Steine geworfen werden. Und wir negieren auch nicht Werte wie Bildungsstandards, die wir mitbringen.» Wogegen also rebelliert man in der «Komfortzone», wie das Moritz Suter (21) nennt, der bereits im Voralpentheater Bühnenerfahrungen sammelte?

Assoziative Bilder statt Parolen

«Das lässt sich nicht in Parolen fassen», meint Michèle Fella (19), die in Projekten von Musical ­«Fever» mitgemacht hat: «Wir ­erzählen auch keine lineare Geschichte, sondern verknüpfen ­assoziativ Dinge, die uns beschäftigen. Und weil jeder Zuschauer ein solches Stück mit anderen ­Augen und Emotionen sieht, wird ohnehin jeder andere Denkanstösse mit nach Hause nehmen. Das ist es, worum es uns vor allem geht.»

Statt um grosse politische Entwürfe geht es also um philosophische Grundfragen oder den Lebensalltag – und darin um ­Fragen, die Jugendliche nicht nur heute, sondern seit jeher beschäftigen. Heutige Lebensverhältnisse betrifft der «Stress», den die vielen Wahlmöglichkeiten hervorrufen. «Das Überangebot an Möglichkeiten in Beruf und Freizeit setzt Jugendliche enorm unter Druck. Wir müssen uns ­weiterbilden, Sport treiben, unter vielen Unterhaltungsangeboten auswählen. Darin liegt auch die Gefahr von Frustrationen, weil man unmöglich alles schaffen kann», fasst Oliver Truffer eine der Gruppendiskussionen zusammen.

«Anderseits werden die Wege mit jedem Entscheid enger, weil dadurch andere Möglichkeiten wegfallen», ergänzt Moritz Suter und nennt ein utopisches Element: «Im Stück möchten wir zeigen, wie man all das nicht als Last, sondern mit Lust erleben kann.» Die Feier des Zufalls mündet so gesehen doch in eine Rebellion: «Als Gruppe weigern wir uns im Stück, uns zu entscheiden», sagt Michèle Fella zum Plot: «Dafür steht bildhaft, dass wir uns in ein unzugängliches Paralleluniversum zurückziehen.»

Lustvoll – dieses Stichwort fällt im Gespräch immer wieder. Spielt denn die Liebe diesbezüglich die zentrale Rolle, die man von einer Jugendproduktion erwarten würde? Doch, doch, meinen die drei zögernd, natürlich werde auch die Liebe thematisiert. Aber sie betonen nochmals, dass «No Future Forever» kein Musical ist. Ein grosses Liebesduett zum Abschluss? Diese ­Frage muss offenbleiben. Zum Paralleluniversum gehören eben auch Geheimnisse.