LUZERNER THEATER: Orchester lässt die Synapsen funken

So vital kann Gedächtnisverlust sein: In der aussergewöhnlichen Produktion «Der Mensch erscheint im Holozän» verbindet sich Max Frischs Text mit Musik von Mahler zu einem Plädoyer für das Leben als Grenzerfahrung.

Urs Mattenberger
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Verstummt und aufgehoben im Orchester. Schauspieler Adrian Furrer in der Luzerner «Holozän»-Produktion. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Verstummt und aufgehoben im Orchester. Schauspieler Adrian Furrer in der Luzerner «Holozän»-Produktion. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

«Etwas vergisst man immer», lesen wir auf einem der Übertitel, die an diesem Sonntagabend durch die Geschichte führen. Und fühlt sich ertappt wie Herr Geiser, wenn im Keller das Licht angeht, weil im Tessiner Bergdorf die Stromversorgung wieder klappt. Ab wann ist solche Vergesslichkeit der Anfang einer Demenz, die mit dem Erinnern die eigene Identität auslöscht? Wie kann man sich gegen den Verlust des Gedächtnisses wehren? Und erlischt mit unserem Bewusstsein von der Welt diese selbst?

Es sind solche Fragen, um die Max Frischs späte Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» kreist. Sie betreffen Praktisches wie die Überlebens­packung für einen Fluchtversuch über die Berge. Und sie enden bei der Frage, was bleibt, wenn der Mensch wieder verschwindet. Bei Frisch, lesen wir in den Übertiteln, ist es eine Natur, die kein Gedächtnis braucht und keine Katastrophen kennt. Denn «Katastrophen kennt nur der Mensch – sofern er sie überlebt».

Bis die Sprachmaschinerie durchdreht und verstummt

Die gleichnamige Produktion des Luzerner Theaters, die Frischs Erzählung mit Auszügen aus Mahlers zehnter Sinfonie verbindet, erleichtert den Einstieg in die Welt Herr Geisers. Zu Beginn sind die Stühle des Orchesters auf der Bühne verwaist und lassen dem Wort den Vortritt. Herr Geiser, allein vorne am Bühnenrand, ist in der Regie von Felix Rothenhäusler kein der Welt abhanden gekommener, verschrobener Greis, sondern einer von uns. Der Schauspieler Adrian Furrer überspielt vital jede Verunsicherung. Und wenn er den Wissenskatalog aufblättert, den Frischs Protagonist im Kampf gegen das Vergessen auf Notizen an die Wand heftet, grenzt das an erregte Prahlerei: Wissen ist Macht!

Das nimmt dem Text zwar etwas von seiner irritierenden Lakonie. Aber es bringt theatralen Zug in die Kategorisierungen, mit denen Geiser die Welt in den Griff bekommen will. Das reicht von erdgeschichtlichen Entwicklungen, die den Menschen zur Fussnote degradieren, bis zu den Erscheinungsformen des Regens («wie Spinnweben», «wie Perlen am Fenster») und nimmt rasant Fahrt auf: bis die Sprachmaschinerie durchdreht und verstummt.

Da hat sich bereits ein erstes Mal Musik in den nur sparsam stockenden Sprachstrom eingenistet. Zunächst ist es ein einzelner, lang gehaltener und später schrittweise erweiterter Ton der Streicher. Schon der wirft diesen Geiser so aus der Rolle, dass er sich das nächste Stichwort («Moränen!») geben lassen muss. Die abgründigen Klangfarben widerspiegeln dabei durchaus Motive aus dem Text wie – in den Kontraregistern – das «Schwarz» des Tessiner Winters. Und Yoel Gamzous Ausarbeitung von Mahlers Skizzen zur zehnten Sinfonie spitzt nicht nur die Farben grell und dicht zu. Sie schärft auch furchterregend den apokalyptischen Akkord, der hier mit Geisers Schlaganfall zusammenfällt (Ausgabe vom Samstag).

Willkommen beim Weltabschied!

Dieser Umschlagpunkt ist ein theatraler Eklat. Überraschender aber ist, wie die gegenläufige Entwicklung der beiden Ebenen erlebbar gemacht wird, wenn die musikalischen Fragmente berührend zur Weltabschiedsmusik des Finales aus Mahlers zehnter Sinfonie zusammenwachsen.

Möglich macht es das Bühnensetting. Schon die Blitzgewitter in der Dunkelheit erinnern an den Funkenschlag von Synapsen. Und wenn die Übertitel zu Geisers Schlaganfall das Abschalten der Hirnregionen diagnostizieren, geschieht auf der Bühne das Gegenteil: Die Instrumentengruppen, die der Reihe nach ihre Plätze einnehmen, vernetzen sich musikalisch in dem Masse, wie sich Geisers Hirn defragmentiert.

Das Orchester, die Musik als ein anderer menschlicher Wahrnehmungsapparat, der über Begriffliches hinauszielt: Dieser Zielpunkt rückt den denkwürdigen Abend in eine verblüffend befreiende Perspektive. Verdient langer Applaus für den Schauspieler und das an der Premiere von Winston Dan Vogel geleitete Luzerner Sinfonieorchester.