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LUZERNER THEATER: Sängerin Nicole Chevalier: «Ich dachte: Oh Gott! Wie ist das möglich?»

Das Luzerner Theater zeigt Benedikt von Peters Erfolgsinszenierung von Verdis «La Traviata». Die Gastsängerin Nicole Chevalier sagt, wie sie darin zwei Stunden lang allein auf der Bühne eine besondere Live-Qualität erreicht.
Urs Mattenberger
Nah am Publikum: Nicole Chevalier. (Bild: Dominik Wunderli (28. 3. 2017))

Nah am Publikum: Nicole Chevalier. (Bild: Dominik Wunderli (28. 3. 2017))

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Nicole Chevalier, das Luzerner Theater kombiniert das einsame Sterben der Traviata mit einer Kollektiv-Performance zu Monteverdis Marienvesper. Sind Sie privat eher ein Einzelgänger oder ein Gruppentier?

Beruflich bin ich im Theater dauernd mit vielen Leuten unterwegs. Das ist spannend, und ich geniesse es sehr, braucht aber auch viel Energie, weil da jeder wichtig ist und alle Interessen berücksichtigt werden müssen. In der Oper kommt noch dazu, dass man möglichst keine Fehler machen will, weil die Partitur ja gewissermassen «heilig» ist, und das ist auch richtig so (lacht). Es ist meine grosse Leidenschaft, Oper zu singen, aber diese Kunst verlangt ein hohes Mass an Selbstdisziplin und auch eine kollektive Konzentration, deswegen freue ich mich, wenn ich privat auch mal Einzelgänger sein darf.

In Benedikt von Peters Inszenierung von Verdis «La Traviata» sind Sie über zwei Stunden lang ganz allein auf der Bühne. Ist das nicht mörderisch anstrengend?

Das ist enorm anstrengend, weshalb das bis heute meine vielleicht wichtigste, persönlichste Rolle geblieben ist. Als ich das vor sechs Jahren in Hannover angeboten bekam, dachte ich zunächst wie alle andern: Oh Gott! Wie ist das möglich? Aber wir hatten Zeit, das vor den Proben zu diskutieren. Und in dieser Zeit konnten sich auch die anderen Mitwirkenden darauf einstellen, dass sie nicht mit auf die Bühne dürfen.

Alfredo liebt die Kurtisane Violetta, sein Vater Germont verhindert diese Liebe: In der Begegnung mit ihnen müssen Sie diese mitspielen, wenn sie allein auf der Bühne sind. Wie weit sind Sie da als die Traviata überhaupt sich selbst?

Die Stimmen der anderen befinden sich quasi in meinem Kopf. Zu den grossen Herausforderungen gehört dabei, die Nähe wie die Entfernung zu den anderen Sängern herzustellen, die nicht mit auf der Bühne stehen. Dafür haben wir in Luzern eine neue Lösung gefunden. Dem Raum fehlt die Weite, dafür ist er relativ hoch. Die anderen Sänger sind deshalb im zweiten Rang platziert. Das schafft die Entfernung. Um umgekehrt intime Nähe herzustellen, muss alles präzis aufeinander abgestimmt sein.

Von Peter spricht von einem psychoanalytischen Ansatz. Können Sie das erläutern?

Die Grundidee ist ja die, dass die Traviata in einer Art Backflash noch einmal ihr Leben durchlebt. Alfredo ist nicht mehr da, der Traum von einer utopischen Liebe, die sie aus ihrem Leben als Kurtisane herausgeführt hätte, ist zerstört. Aber jetzt hat sie die Chance, noch einmal die Stationen dieses Lebens zu durchleben und sich zu fragen, was hätte anders laufen können und müssen. Sie spielt ihr Leben also nochmals durch und fängt wieder und wieder von vorne an. Es ist wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat und nicht vorankommt.

Am Schluss der Oper stirbt Violetta im Delirium. Wird hier dieses Sterben auf zweieinhalb Stunden ausgedehnt?

In einem gewissen Sinn ist Violetta schon tot. Aber sie ist nicht entrückt zu den Engeln, von denen sie bei Verdi fantasiert, sondern kommentiert ihr Leben.

Ohne es ändern zu können?

Ja, insofern handelt diese Inszenierung auch von der Ohnmacht gegenüber seinem Schicksal. Alfredos verheissungsvolle Liebe war für Violetta als Kurtisane ein Ticket in eine andere Welt, in der auch sie lieben darf. Aber dann erinnert Alfredos Vater sie daran, dass sie doch nur eine Hure ist, die Sex gegen Geld anbietet. Und sagt knallhart: Mach deinen Job!

Im Publikum werden kaum Kurtisanen sitzen. Geht diese Geschichte heute auch Frau Meier oder Müller etwas an?

Klar! Denn wir fokussieren sie natürlich nicht auf diese Kurtisanenrolle. Die wenigen Requisiten tönen Spielsituationen nur allgemein an – da gibt es Tisch und Stuhl oder Konfettis zur Festszene. Die Geschichte widerspiegelt vielmehr, wie viel ein Mensch, der tief gefallen ist, riskiert, um den Traum von der grossen Liebe leben zu können. Insofern ist das ein ganz allgemeines Thema.

Benedikt von Peter ist bekannt für sein «Raumtheater». Was davon findet sich in dieser «Traviata»?

Ich denke, das Raumtheater schafft eine grosse Intimität und Nähe: Man hört die Musik mit anderen Ohren und sieht das Spiel mit anderen Augen. Man ist mit dieser Figur eingesperrt in einen Raum und erlebt, wie sie ihr Innerstes preisgibt.

Schafft dieses Alleinsein auf der Bühne Freiraum für mehr improvisatorisches Spiel?

Die Musik und auch das Spiel geben natürlich einen klaren Rahmen vor, in dem alles aufeinander abgestimmt wird. Dennoch liegt in diesem Rahmen eine Freiheit der Interpretation und des Improvisierens, was mich schweben lässt. So ist meine Darstellung tatsächlich immer wieder anders. Ich muss hier mehr riskieren und spüren, wie weit ich gehen kann. Da ist zwar auch die Gefahr grösser, dass man mal auf die Schnauze fällt (lacht). Aber umso grösser ist die Live-Qualität, die für von Peter und überhaupt im Theater entscheidend ist.


Individuum und Kollektiv

PremierenDie aus den USA stammende Sopranistin Nicole Chevalier verkörpert die Titelfigur in Benedikt von Peters «La Traviata»-Inszenierung seit deren Premiere in Hannover vor sechs Jahren. Seither wurde die von Kritikern gefeierte Produktion an verschiedenen Theatern mit grossem Publikumserfolg aufgeführt.

Das Luzerner Theater nutzt sie für eine aussergewöhnliche Doppelpremiere an zwei «Kultorten für Sinnsuche», Theater und Kirche. Zum einsamen Liebesmonolog der «Traviata» auf der Theaterbühne zeigt es in der Jesuitenkirche Monteverdis «Marienvesper» als kollektive Skulptur aus Menschen.

Das Opern- und Tanzensemble sowie ein Ensemble für alte Musik agieren zwischen den Zuschauern auf einer plattformartigen Fläche über den Kirchenbänken. Am Ostersonntag, 9. April, werden beide Produktionen des Luzerner Theaters gleich hintereinander gespielt («La Traviata», 16 Uhr, Marienvesper 21 Uhr).(mat)

Hinweis

Premiere «La Traviata»: Sonntag, 2. April, 19 Uhr, Luzerner Theater. Premiere Marienvesper: Montag, 3. April, 20.00, Jesuitenkirche. www.luzernertheater.ch

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