LUZERNER THEATER: So sieht der neue Spielplan aus

Die Sprechtheatertradition der Zentralschweiz wird in der zweiten Spielzeit des Luzerner Theaters viel Raum bekommen. Eröffnet wird die Saison im September von Regiestar Herbert Fritsch. Schauspielchefin Regula Schröter verlässt das Leitungsteam.

Julia Stephan
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Geben die Richtung vor: Schauspielchefin Regula Schröter, Benedikt von Peter, Birgit Aufterbeck-Sieber und Kathleen McNurney. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 30. Mai 2017))

Geben die Richtung vor: Schauspielchefin Regula Schröter, Benedikt von Peter, Birgit Aufterbeck-Sieber und Kathleen McNurney. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 30. Mai 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

80 Prozent Auslastung und 20 Prozent mehr Besucher sind das Ergebnis des freundlichen und publikumsnah geführten Raumeroberungsfeldzugs von Benedikt von Peter während seiner ersten Spielzeit am Luzerner Theater.

Mit der gestern präsentierten zweiten Saison unter dem Titel «Theaterplatz» rückt das Mehrspartenhaus nun das Sprechtheater mehr ins Zentrum. «Der Theaterplatz Zentralschweiz ist lebendig und extrem vielfältig», sagte Benedikt von Peter an der gestrigen Medienkonferenz und wies hin auf die reiche Laientheatertradition der Zentralschweiz, die es bis auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco geschafft hat.

Geplant über die Sparten hinweg sind Gegenüberstellungen mit Wiederaufnahmen aus der vergangenen Spielzeit und eine Zunahme von Experimenten auf dem Humus des gewachsenen Publikumsvertrauens. Sinnigerweise zur Fasnachtszeit wird das LT zudem seine regulären Sitzplätze für ein zweites Globe-Theater abermals aus den Angeln heben.

Liegt die Zukunft auf dem Theaterplatz?

Dem optimistischen gelben Spielplan folgt ein Heft in gedecktem Rosa und auf die Raumeroberung das etwas enger gezirkelte Thema «Theaterplatz». Man will sich dort verorten, wo sich nun nach dem Aus der Salle Modulable die Zukunft des LT abspielen könnte. Bis Ende Jahr klärt die Stadt intern ab, welche baulichen Veränderungen und Szenarien am Theaterplatz möglich sind.

Der Volkstheatertradition verpflichtet man sich in einer Kooperation mit den Freilichtspielen Luzern im Sommer 2018. Hugo von Hofmannsthals «Jedermann» soll als Freilichtspektakel auf dem benachbarten Jesuitenplatz stattfinden. Eine ins linke Reussufer hineinragende Tribüne mit rund 550 ungedeckten Sitzplätzen soll den Zuschauern freie Sicht auf die Jesuitenkirche ermöglichen. Regie führt Thomas Schulte-Michels.

Zwischen «Heimat- und Horrorfilm»

Im Schauspiel heissen die zwei Klassiker «Die schwarze Spinne» von Jeremias Gotthelf sowie «Ein Sommernachtstraum» von Shakespeare. Regula Schröter verspricht eine Gotthelf-Inszenierung, die sich zwischen «Heimat- und Horrorfilm» bewegen wird. Die Bündner Regisseurin Barbara-David Brüesch wird mit dieser Regiearbeit die im letzten Jahr durch das Katja-Brunner-Stück angestossene kritische Heimatbefragung fortsetzen.

Im selben Bühnenbild wird wenig später das Publikum in einer anderen ­Inszenierung Platz nehmen. In «Die schwarze Null» weicht der Gotthelf’sche Teufelspakt, der eine Dorfgemeinschaft in tiefe Schuld stürzt, einer ökonomischen Schuldenlast. Die Inszenierung baut auf recherchierten Geschichten über Schuld und Schulden der Luzerner Reporterlegende Erwin Koch auf. Teil­erlösung gibt’s dann bei Nina Mattenklotz. Sie holt nach ihrer schrillen «Romeo und Julia»-Inszenierung Ferenc Molnars Vorstadtlegende «Liliom» auf die Bühne.

Mit der jungen Zürcherin Sophia Bodamer und dem deutschen Regisseur Max Merker sind gleich zwei Regisseure am Start, die zum diesjährigen Schweizer Theatertreffen eingeladen wurden. Merker hatte schon in der letzten Saison das Kinderstück «Robin Hood» am LT verantwortet. Jetzt inszeniert er «Ronja Räubertochter» und als Gegenstück zum erfolgreichen «Mütter»-Abend von Alize Zandwijk aus der letzten Saison, der nochmals eine Wiederaufnahme erfahren soll, einen «Väter»-Abend. Ausgangslage: Kafkas «Brief an den Vater». Die für ihre humorvollen und präzisen Arbeiten bekannte Sophia Bodamer wird in einer Kooperation mit dem Fumetto mit Livezeichnern zusammenspannen und Linien laufen lassen.

Die deutsche Regisseurin Julia Wissert hat sich im Rahmen ihrer Ausbildung mit «strukturellem Rassismus» beschäftigt, dem dunkelhäutige Theaterschaffende im Theaterbetrieb ausgesetzt sind. Mit «Göttinnen des Pop» fragt sie unter anderem am Beispiel von Popsternchen wie Beyoncé, ob ein Popstar, der vor «feminism»-Visuals und mit viel Bein und wenig Beinkleidung auf Welttournee geht, Politik macht oder doch Kommerz.

Fake-News und Hauskonzerte on demand

Anderen Widersprüchen auf den Grund geht der Niederländer Bram Jansen, der in der letzten Saison mit der Familienaufstellung von Ibsens «Nora» begeisterte. Diesmal geht es mit Heinrich von Kleist einem weiteren Klassiker an den Kragen. Den Mann der Schullektüre und der Widersprüche, dessen «Zerbrochener Krug» von einem Richter handelt, der über seine eigene Verfehlung richten soll und sich rhetorisch aus der Affäre ziehen will, nimmt der Niederländer zum Anlass für eine Sprachreflexion: «Der unzerbrochene Krug» ist ein Abend zwischen Wahrheitssuche und Fake-News.

Kleinere Raumeroberungen machen Formate wie die «Hauskonzerte on demand», in denen sich Privatpersonen Opernsänger in die gute Stube holen können. Mit dem Projekt «Jungintendanz» überantwortet das LT dem Nachwuchs ab Herbst die Gesamtverantwortung für eine Mini-Spielstätte im UG. Mit der «Open Box» geht man Kooperationen mit dem Südpol und neu auch mit dem Sedel ein. Zuschauer erhalten im Format «Prozessbegleitungen» zudem neu die Möglichkeit, Benedikt von Peter bei der Konzeptphase über die Schulter zu schauen oder eine Oper aus dem ­Orchestergraben zu erleben.

 

Schauspielchefin verlässt Theater

PersonalwechselDer Bauch gab schon länger Anlass zu Spekulationen, nun wurde es an der gestrigen Medienkonferenz des Luzerner Theaters offiziell: Die hochschwangere Luzerner Schauspielchefin Regula Schröter verlässt das Leitungsteam des Luzerner Theaters mit dem Ende dieser Spielzeit. Schröter wird zu ihrer Familie nach Deutschland zurückkehren. Die Betreuung der nächsten Spielzeit, die Schröter in den vergangenen Monaten erarbeitet hat, wird interimistisch die Hausdramaturgin Julia Reichert übernehmen.

«Wir wollen ein Theater, zu dem sich die Zuschauer in Beziehung setzen können», hatte Schröter an der letztjährigen Spielzeitpräsentation verkündet. Das ist ihr mit sehr sinnlichen, emotionalen und publikumsnahen Formaten gelungen.

Die in Meggen geborene Schröter war mit Intendant Benedikt von Peter vom Theater Bremen nach Luzern gekommen. Wer sie ersetzt, ist noch nicht entschieden. Die Suche nach einer Nachfolge ist bereits im Gang.(jst)