LUZERNER THEATER: Voll von Crystal Pites Emotion, Leben und Bewegung

Choreografin Crystal Pite ist in aller Munde: Jetzt ist eines ihrer Stücke in Luzern zu erleben. Die Tänzerin Sandra Marín Garcia hat es einstudiert.

Pirmin Bossart
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Ihr Job sei es, die Tänzer zu inspirieren, sagt Sandra Marín Garcia. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 3. Mai 2017))

Ihr Job sei es, die Tänzer zu inspirieren, sagt Sandra Marín Garcia. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 3. Mai 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

«A Picture Of You Falling» ist ein intimes Duett zwischen Mann und Frau, das von der kanadischen Star-Choreografin Crystal Pite kreiert wurde. In minimalistischer Dichte werden Themen wie Liebe, Konflikt und Verlorenheit beleuchtet. Es geschieht so intensiv und exemplarisch, «dass alle die Situation spüren können, wenn einem das Herz zu Boden gefallen ist», wie es Sandra Marín Garcia (41) ausdrückt. Wenn die Tänzerin und Choreografin über die Arbeit an diesem Stück erzählt, wird spürbar, wie tief verbunden sie mit der Welt von Crys­tal Pite ist.

Extrem berührt

Crystal Pite ist weltweit eine der wichtigsten Referenzen für zeitgenössische Tanz-Choreografie. Dass das «Tanz Luzerner Theater» die erste Kompanie in der Schweiz ist, der Crystal Pite mit «A Picture Of You Falling» eines ihrer Werke anvertraut, ist eine Ehre. Und dass die am Luzerner Theater tätige Sandra Marín ­Garcia dieses Stück erarbeitet, kommt nicht von ungefähr: Die Tänzerin kennt Crystal Pite seit fast zehn Jahren. Sie erlebte die berühmte Choreografin während ihrer Zeit mit dem Cullberg Ballet und dem Netherlands Dance Theatre. Zudem tanzte sie über drei Jahre in Crystal Pites eigener Tanzkompanie Kidd Pivot.

Die Stücke und die Arbeitsweise von Crystal Pite hätten sie von Anfang an extrem berührt, sagt Garcia. «Für mich war klar, dass ich in den wenigen Jahren, da ich noch tanzen könnte, tief in diese Welt eintauchen, sie noch intensiver verstehen und erleben wollte.» Was Crystal Pite kreiere, sei zutiefst menschlich, unprätentiös, ausdrucksstark, umfassend. Als Tänzerin könne sie voll darin aufgehen und sich wohlfühlen. «Ich liebe diese Welt. Sie ist so voll von Emotion, Leben, Bewegung. Sie ist komplett im besten Sinne.»

Kein Copy-and-paste

«I want the performance to connect with you and your own body», schrieb Crystal Pite zur Uraufführung von «The You Show» 2010, in der «A Picture Of You Falling» einer von vier Teilen war. Jetzt bringt Sandra Marín Garcia diesen Teil in Luzern auf die Bühne. Was sie macht, ist ein «restaging», also eine Reinszenierung. Das Stück ist bei ihr in guten Händen. Sie kennt nicht nur die Choreografin und deren Intentionen aus eigener Erfahrung, sie hat auch das Stück mehrmals gesehen und kennt die Tänzer, die es aufführten. «Zudem gibt es Videos, an denen wir uns orientieren können.»

Trotz dieser realen Basis, der vorgegebenen Abläufe und Bewegungen sowie der Zusammenarbeit mit Crystal Pites Designer Robert Sondergaard (Licht) wird die Aufführung in Luzern nicht einfach zu einer Kopie an einem neuen Ort werden. «Copy-and-paste, das geht gar nicht», sagt Garcia. Das Stück ist natürlicherweise eine Interpretation, die stark von der Haltung und den Intentionen der reinszenierenden Choreografin lebt und auch von den spezifischen Fähigkeiten und Ausdrucksweisen der Tänzerin und des Tänzers.

Garcia bezeichnet es als «unvermeidlich», dass auch ihre eigene Sensibilität und Haltung in diesen Arbeitsprozess einfliessen. «Es ist all das, was ich mit Crystal Pite erlebt habe und wie sie mir ihre Welt vermittelt hat. Aber auch meine Erfahrung und mein Verständnis aus den über 20 Jahren, da ich tanze, spiegeln sich darin.» Ihr Job sei, die Tänzer zu inspirieren und zu motivieren, damit sie «das Gefühlte» in diesem Stück weitergeben könnten und gleichzeitig präzise bei den Bewegungen bleiben würden.

Physis und Emotion

Wie ist das zu verstehen? Das Stück sei sehr physisch, sagt Garcia. «Die Bewegung darin ist so illustrativ, dass man nichts dazugeben muss. Jegliche Dekoration wäre zu viel, es ist alles schon so auf dem Punkt.» Diese «purity of intention and movement» sei der Schlüssel. Darin steckten auch die Emotion und schliesslich die Wirkung, die sich auf die Zuschauer übertrage. «Das will ich mit meiner Arbeit an diesem Stück hervorholen.»

Garcia ist fasziniert davon, wie es Crystal Pite mit ihren Choreografien gelingt, eine Einzelgeschichte so darzustellen, dass sie etwas universal Gültiges hat und die Zuschauer tief berührt. «Es ist das, was auch grosse Romane der Weltliteratur schaffen. Es wird eine Verbindung hergestellt zur eigenen Befindlichkeit, zum eigenen Leben.» So wird auch das Stück «A Picture Of You Falling» mit seiner klaren physischen Sprache am Eigenen rütteln. Und in Erinnerung rufen, wie das ist, wenn das Herz zu Boden fällt.