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LUZERNER THEATER: Was in den Kellern wirklich passiert

«Tanz 26: Hinter Türen» lockt mit Schlüssellochperspektiven. Am Samstag war Premiere. Doch wie weit blickt der norwegische Choreograf Jo Strømgren tatsächlich durch?
Kraft und Dynamik prägen die Choreografien bei «Tanz 26: Hinter Türen» am Luzerner Theater. (Bild: Gregory Batardon / Luzerner Theater)

Kraft und Dynamik prägen die Choreografien bei «Tanz 26: Hinter Türen» am Luzerner Theater. (Bild: Gregory Batardon / Luzerner Theater)

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Lange Nächte, der Advent vor der Tür: eine perfekte Zeit, um Fenster zu öffnen und Licht ins Dunkle zu bringen. Gerade in Luzern, wo die Hausfassaden so schön sind, dass es einer wie Jo Strømgren kaum glauben kann. «Hinter geschlossenen Türen, tief in den Kellern der Stadt, passiert Ungeahntes», behauptet der norwegische Choreograf.

Versteckte Leichen, Partys ohne Ende und dergleichen? Im Luzerner Theater steigt die Spannung. Der Vorhang mit abgebildetem Schlüsselloch öffnet sich. Eine Eisentreppe kommt zum Vorschein. Von weit oben führt sie zum Bunker auf der Bühne hinunter. Düster ist es. Umso weisser wirken die zugeknöpften Hemden der Tänzerinnen und Tänzer.

Ein Paar legt die Biederkeit ab

«Verschwiegenheit ist eine Tugend, mit der man sich nicht anlegen sollte, in der Schweiz weiss man das besser als sonst irgendwo», sagt eine Stimme nach den Worten des Choreografen. «Aber was wäre, wenn die enthüllte Wahrheit eine Stadt bereichert? Wir müssen zeigen, was sich in den Kellern wirklich abspielt.»

Herr und Frau Lustenberger sollen also «Raum und Mittel haben, um etwas in Auftrag zu geben, womit sie sich identifizieren können: eine Tanzperformance mit Menschen wie ihnen!» Gerhard Pawlica, Violoncellist aus Luzern, setzt zum Spiel an. Dazu legt das Paar (Andrea Thompson und Zach Enquist) schon bald die angezogene Biederkeit ab. Traum oder Wirklichkeit?

Frau Lustenberger flirtet auf einmal mit fünf anderen Männern, lässt sich von ihnen auf Händen tragen, wickelt jeden ums Bein respektive um den Finger. Laute Stimmen simulieren Stimmung. Neugierige verfolgen die Szenen durch Kellerfenster.

Jo Strømgren kam nach Luzern, um «Hinter Türen» zu entwickeln. Was inspirierte ihn? Der Tanzkeller «Sousol» an der Baselstrasse? Der Geräuschpegel, der gelegentlich von Wohnungspartys auf die Strasse drängt?

Der Ehemann umgibt sich inzwischen mit fünf Frauen. Reizende Bewegungen verführen ihn. «Es gibt Gründe, weshalb sie sich jährlich neue Gläser und Teller kaufen», sagt die Stimme. Ihre Lösung: durchatmen, Yoga, Eurythmie in Dornach. Tatsächlich? Besser Wünsche äussern, hier und jetzt. So endet das Spiel der Lustenbergers verheissungsvoll. Sie sitzt auf ihm, der Vorhang fällt.

Die nächste Kellerszene: «Herr und Frau Federball» in Tennismontur. Bälle fliegen herum, Schläger werden inszeniert. Hinten bildet eine Gruppe einen Kreis. Breakdance-artige Battles ereignen sich. Zu jeder Show wird laut gekreischt. Mit einem Satz schwingt sich Frau Federball (Sandra Salietti) zum Geländer des ersten Ranges hoch. Das kann heiter werden. Parkour über dem Parkett des Luzerner Theaters?

Anspielungen auf Musliminnen?

2010 erhielt Jo Strømgren für «Neighbour – A Ballet from the real Life» am Festival Rose d’0r eine Goldene Rose. Für den Kurzfilm räumte er seine Privatwohnung. Ein Liebespaar sollte dort seine Beziehung tanzen. Wie Spinnentiere gingen sie die Wände hoch. Decken wie Böden wurden genutzt, um Instinkten freien Raum zu geben. Geschirr flog.

Fünf Szenen will er in Luzern zeigen. Der dritte Keller ist besonders dunkel: Frauen in Nikabs erscheinen. «Hinter Türen», hinter Stoffen? Eine Anspielung an die Musliminnen, die in den letzten Monaten über den Schweizerhofquai gingen? Wobei die Kopfbedeckungen der Touristinnen verschiedenste Formen und Farben hatten. Oder will Jo Strømgren die «Minarettverbots»-Initiative von 2009 aus dem Keller holen? Folgt noch das «Abschottungs»-Klischee?

Helvetia schreitet als Schweizer Sackmesser in den vierten Keller. Sie trägt einen roten Latexanzug. Im weissen Scheinwerferlicht sei der Effekt perfekt, sagt die holländische Kostümbildnerin Bregje van Balen später. In Luzern wird sie im Frühling «Tanz 27: Roll ’n’ Rock it!» einkleiden. Die scharfe Helvetia führt als zusätzliches Tool eine Peitsche mit. Nicht weit entfernt sind Polizisten in blauer Uniform.

In der letzten Szene legen die Tänzerinnen und Tänzer ihre Bademäntel ab. Gerhard Pawlica zieht seine Hosen aus, bevor er zu spielen beginnt. 2015 erhielt der Cellist den Kunst- und Kulturpreis Luzern, weil er laut Jury das kulturelle Leben der Stadt durch sein Engagement für die Kammermusik präge. Nun erscheint, was kein Geheimnis mehr ist: Das Tanzensemble zeigt in hautfarbenen Dessous zeitgenössischen Tanz, dynamisch und kraftvoll, bewegte Ästhetik in Höchstform.

Kommt Strømgren für den Applaus konsequent in Unterhosen auf die Bühne? Nein. Wo die recherchierten Handlungsorte ausserhalb der Bühne sind, bleibt sein Geheimnis. Von Tausenden von Shows in über 60 Ländern ist auf der Website die Rede. Dazu gehört nun auch Luzern. Vielleicht wäre weniger mehr. Wenn man in Keller gehe, kommentiert ein Zuschauer, erwarte man Tiefe. Dort gibt es keine Klischees.

Hinweis
«Tanz 26: Hinter Türen» im Luzerner Theater mit weiteren Vorstellungen bis zum 4. Februar 2018.

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