LUZERNER THEATER: «What about Nora» – Urknall der Selbstverwirklichung

Spannende Premiere am Luzerner Theater: Die Inszenierung «What About Nora» zeigt die Fortsetzung von Ibsens Klassiker «Nora oder Ein Puppenheim» in Form einer Gruppentherapie.

Kurt Beck
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Nora (Verena Lercher) nimmt nicht an der Therapie teil und ist trotzdem stets präsent. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Nora (Verena Lercher) nimmt nicht an der Therapie teil und ist trotzdem stets präsent. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Kurt Beck

kultur@luzernerzeitung.ch

In der Box des Luzerner Theaters beginnt die Nora dort, wo sie bei Ibsen aufhört. Nora erklärt ihrem konsternierten Gatten Thorvald Helmer, dass sie ihn und die ­Kinder verlässt. Nur ein Wunder könne sie wieder zurückbringen. Doch Nora glaubt nach acht Ehejahren an keine Wunder mehr.

Das Ende ist ein Neuanfang. Nicht nur für Nora, die sich mit ihrem Ausbruch aus dem Korsett der bürgerlichen Konventionen die Freiheit nimmt, künftig selbstbestimmt zu leben. «Ich muss ganz allein stehen, wenn ich mich mit mir selbst und mit der Aussenwelt zurechtfinden soll! ... was die Welt sagt und was in den Büchern steht, das kann nicht länger massgebend für mich sein.»

Ein unfreiwilliger Neustart

Ein klarer Akt von Selbstverwirklichung, würden wir heute sagen. 1879 war das ein Skandal, der bei der deutschen Erstaufführung so nicht auf die Bühne gebracht ­werden durfte. Ibsen musste das Ende umschreiben, und Nora musste bleiben. Noras Abgang und der damit verbundene Zusammenbruch der Hausgemeinschaft bescheren auch Helmer und allen anderen Akteuren des Puppenheims einen Neuanfang, allerdings einen unfreiwilligen.

Wie dieser Neustart aussehen könnte, das führt uns «What ­About Nora» in der Inszenierung des jungen niederländischen Regisseurs Bram Jansen vor Augen. Zwei Wochen nach Noras knallendem Abgang finden sich die Zurückgebliebenen in einer therapeutischen Gruppensitzung wieder, um sich Klarheit zu verschaffen, was eigentlich geschehen ist, wie es überhaupt so weit kommen konnte und um die Vergangenheit auf- und das erlittene Trauma abzuarbeiten. Nora ist dabei stets präsent. Auch wenn sie nicht an der Therapie teilnimmt.

Unterschrift gefälscht

Mit einem Zeitsprung von 138 Jahren finden sich die Protagonisten aus dem 19. Jahrhundert direkt in die Gegenwart versetzt, wo sie der Analyse einer modisch modernen Familienaufstellung unterzogen werden, einer umstrittenen psychotherapeutischen Massnahme, die mit esoterischen Elementen unterfüttert ist.

Die Ausgangslage ist komplex. Helmer hat erfahren, dass Nora hinter seinem Rücken einen Kredit aufgenommen hat, um ihm eine Kur in Italien zu finanzieren. Dass sie dabei auch eine Unterschrift gefälscht hat, veranlasst Helmer, ihr die Erziehung der Kinder zu entziehen. Nora lässt sich das nicht bieten und zieht aus. Involviert in das Drama sind auch der betrügerische Jurist Nils Krogstad, der Nora das Geld geliehen hat, Noras Jugendfreundin Christine Linde, die Noras Verfehlung auffliegen lässt, und Dr. Rank, Arzt und Hausfreund, todkrank und verliebt in Nora.

Bei Ibsen ist Nora die emanzipatorische Heldin, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Die andern sind die Angepassten, die einen Sonnenplatz in der bürgerlichen Gesellschaft anstreben. Die Konstellation ist klar: hier die Starke, die Eigenständige, dort die konformen Angsthasen.

Im therapeutischen Setting von «What About Nora» haben die Zurückgebliebenen nun die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Bei ihrer Argumentation stützen sie sich weitgehend auf den Text von Ibsen, den sie neu zusammensetzen und durch eigene Formulierungen ergänzen. Helmer wollte nur das Beste für die Familie, Krogstad eine zweite Chance, Christine wollte für jemanden da sein, Dr. Rank wollte Helmer schonen, Nora war ihr Puppendasein leid und wollte frei und Mensch werden.

Publikum miteinbezogen

Geheilt wurde durch die 80- minütige Therapiesitzung keiner. Sie hat nur aufgezeigt, was für selbstbezogene Figuren sie allesamt sind und dass sie Egoisten bleiben werden. Als Heilmethode mag Bram Jansens Inszenierung versagt haben, als Theater funktioniert die Familienauf­stellung sehr wohl.

Sie gewährt einen neuen, erhellenden Blick auf das Puppenheim, analysiert, reflektiert das Handeln der Protagonisten mit verblüffender Gründlichkeit und bleibt dabei nah an der Vorlage. Viele Worte, wenig Handlung, eine karge Bühne – und doch lässt sich das Publikum durch das intensive Spiel der fünf Schauspielerinnen und Schauspieler fesseln. Ein Spiel, das mit Ironie die Therapie demontiert und sich selbst in ­Frage stellt. So in der Szene, in der Dr. Rank vor der personifizierten Krankheit flieht, die ihm aus Zuneigung um den Hals fallen will. Bewegung bringt auch die Figur der Nora ins Spiel, die sich stets am Rande der Geschichte im ganzen Raum bewegt und durch eine Techno-Tarantella Schwung in die Aufführung bringt.

Eine Besonderheit der Ins­zenierung ist der Einbezug des Publikums. Einzelne Zuschauer wurden von Nora aufgefordert, kurze Passagen aus Ibsens Stück vorzulesen. Die Erleichterung derer, die nicht mitspielen mussten, war gross, vor allem als sie dann miterleben mussten, wie Anne-Marie von Therapeuten genötigt wurde, vor Publikum über ihre ­aktuellen Gefühle zu reden. Ein beklemmender Moment einer überzeugenden Inszenierung.