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LUZERNER THEATER: Wir kriegen unser Fett nicht weg

In der neuen «Falstaff»-Inszenierung zündet Benedikt von Peter ein Feuerwerk. Das Konzept des Raumtheaters überzeugt nach der «Traviata» erneut. Claudio Otelli liefert eine beeindruckende Einmannshow ab. Doch was ist die Moral von der Geschicht’?
Katharina Thalmann
Am Boden und dennoch überragend: Claudio Otelli in der Titelrolle. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Am Boden und dennoch überragend: Claudio Otelli in der Titelrolle. (Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater)

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Falstaff frisst ein Sandwich, und was für eins: riesige Toastscheiben, massenhaft Schinken – und eine ganze Tube Mayonnaise. Da sitzt er, in einem fremden Wohnzimmer, und wirft mit Bierdosen um sich. Während ein Liebespärchen vom obersten Rang heruntersäuselt: «Ein geküsster Mund ist immer voll.» Falstaffs Mund ist mit Essen voll, und vielleicht sind Essen oder Küssen einerlei. Hauptsache, die oralen Begehrnisse werden gestillt.

Es ist einer der vielen starken Momente dieser «Falstaff»-Inszenierung. Denn bei allem Ekel gegenüber Ritter Falstaff tut er uns auch leid. Das uns umhüllende Liebesduett wird zur distanzierten Show. Das ist grandios ­inszenierte Einsamkeit.

Es darf und soll wohl etwas unbequem sein

Besagtes Wohnzimmer sieht aus wie im Möbelhaus (Bühne: Natascha von Steiger). Dort richtet sich Falstaff mit rasselnder Rüstung ein. Es gehört Trudi und Reto Bürgi, die gerade in den Ferien sind. Das traute Heim könnte aber uns allen gehören, denn Falstaff hat sich längst eingenistet – in unseren Wohnungen, unseren Köpfen, unserer Lebensführung. Er konsumiert unsere Produkte, malträtiert unsere Zimmerpflanze. Aber wieso hat ein Bünzli-Pärchen in den Ferien den heimischen Kühlschrank prall gefüllt?

Der Anblick des pittoresken Chaos, das Falstaff in der fremden Wohnung veranstaltet, bleibt leider nur den Rängen vergönnt, weil die Bühne erhöht ist. Macht aber nichts, man kann sich die Mélange aus Thomy-Mayonnaise und Eichhof-Bier gut vorstellen. Und es darf und soll wohl etwas unbequem sein. Wir werden gezwungen, die Köpfe zu recken. Denn einmal mehr steht der Protagonist allein auf der Bühne, die Sänger werden auf die Ränge verwiesen. Anders als bei der «Traviata» handelt es sich bei «Falstaff» aber nicht um eine tragische Innenschau, sondern um ein Katz-und-Maus-Spiel, wie von Peter am letzten Freitag im Interview mit unserer Zeitung sagte.

Zu Beginn hält Falstaff den durch schwarze Masken anonymisierten Figuren (Kostüme: Ulrike Scheiderer) noch den Spiegel vor. Etwa, wenn er seinen Dienern Bardolfo (Hans-Jürg Rickenbacher) und Pistola (Vuyani Mlinde) vorwirft, sie schauten drein, «als hättet ihr die Ehre gepachtet». Meint er damit nicht auch uns, das Publikum? Denn plötzlich steht der massige Falstaff, noch immer in Ritterrüstung, in der ersten Reihe. «Macht sie euch etwa satt, die Ehre? Nein.» Betroffenheit macht sich breit. Doch die Verhältnisse kippen: Falstaff, grossartig gespielt von Claudio Otelli, wird zum Gehetzten, zum Hofnarr der Nation, und wird schliesslich brutal verprügelt.

Von Peters Raumtheaterkonzept kommt im «Falstaff» noch differenzierter zum Zuge als bei der «Traviata». Zunächst wird Distanz geschaffen. Die Figuren scheinen erstarrt, man sieht ihre wild gestikulierenden Schatten durch die Ränge huschen. Die übersteigerte Anonymität verweist uns auf den schonungslos unzensierten Beobachterposten.

Gleichzeitig wird das Gehör für Nuancen geschärft. So entpuppt sich der Mädelsabend, an dem Alice (Diana Schnürpel) und Meg (Rebecca Krynski Cox) mit Nannetta (Magdalena Risberg) und Quickly (Sarah Alexandra Hudarew) Falstaffs geheuchelte Liebesbriefe vergleichen, als eine ziemlich hohle Angelegenheit. Dass dies so wirkt, ist den sängerischen Glanzleistungen des Ensembles zu verdanken. Denn obwohl es unsichtbar bleibt, gelingt es allen Singenden, schauspielerische Färbungen, Ironie, ja, Zynismus in die Partien zu legen.

Zum Schluss wird der Publikumsraum jedoch zur Arena. Falstaff verwandelt das ganze Theater in einen Wald, bedächtig verteilt er Bäume auf der Bühne und im Zuschauerraum. Er richtet die Kulisse für seine Bestrafung ein. Und wir sind Teil davon.

Verdis Musik bestimmt das Tempo der Inszenierung. Die Partitur flitzt durch den Raum und streift Hörgewohnheiten. ­Barocke Anmutung kann innert weniger Takte in üppige Romantik überschwappen – als Hörer will man keinen dieser reizenden Fetzen verpassen. Das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil wird dieser herausfordernden Partitur mehr als gerecht: Lustvoll intoniert Heil die zuweilen wuchtigen Harmonien, geniesst die grellen Schnitte. Verdi-typische Ohrwürmer sucht man in dieser Oper vergeblich. Als hätte Verdi die von Falstaff zelebrierte Verschwendungssucht direkt auf die Musik übertragen, wird man lediglich mit Fragmenten, kleinen Häppchen gefüttert.

Eine Verneigung vor dem Exzess

Nach der finalen, als Verkleidungsspiel getarnten Eskalation gestaltet Heil die Schlussfuge als temporeiches Feuerwerk. Und es finden sich alle auf der Bühne ein. So wird die (akustische) Normalität wiederhergestellt, nach den Raumtheater-Eskapaden führt die Inszenierung zurück zur alten Ordnung. Dann, natürlich: Das Ehepaar Bürgi kommt heim. Allzu schockiert über das Chaos sind sie nicht, Falstaff gibt ihnen ein Glas Sekt, damit hat es sich.

Handelt «Falstaff» von hirnverbranntem Hedonismus? Und ist das ein Problem? Denn unser Fett kriegen wir dann doch nicht weg. «Alles in der Welt ist ein Spass», singt das Kollektiv. Wir scheinen diese Ventile einfach zu brauchen. Im Prinzip ist die Inszenierung mit ihrer überbordenden Kreativität eine Verneigung vor dem Exzess. Lösungsvorschläge sucht man vergeblich. Sir John Falstaffs letzter Auftritt ist eine «reverenza» an den Luzerner Künstler Emil Manser. Auf den Plakaten steht: «Jetzt ist wieder Ortnung. Sch-adé.»

Hinweis

Aufführungen noch bis 17. Juni.

www.luzernertheater.ch

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