LUZERNER THEATER: Zauberflöte-Regisseur Wouter Van Lloy: «Sarastro ist ein Fundamentalist!»

Heute hat Mozarts «Zauberflöte» als Coming-of Age-Stück «für die ganze Familie» Premiere. Aber Regisseur Wouter Van Lloy (50) liess sich auch von der Offenheit von Jugendlichen zu einer Deutung inspirieren, die kein harmloser Bilderbogen ist.

Urs Mattenberger
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Spielt hintersinnig mit den Symbolen und Bildern der «Zauberflöte»: der belgische Regisseur Wouter Van Lloy (50) auf der Dachterrasse des Luzerner Theaters. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 13. Dezember 2016))

Spielt hintersinnig mit den Symbolen und Bildern der «Zauberflöte»: der belgische Regisseur Wouter Van Lloy (50) auf der Dachterrasse des Luzerner Theaters. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 13. Dezember 2016))

Wouter Van Lloy, Sie insze­nieren regelmässig für Kinder wie für Erwachsene. Gibt es zwischen beidem einen grundsätzlichen Unterschied?

Nein. Kleinere Kinder sind es einfach noch nicht gewohnt, zwei Stunden ruhig und aufmerksam auf einem Stuhl zu sitzen. Eine «Zauberflöte», die etwas über zwei Stunden dauert, würde ich deshalb nicht für Sechsjährige machen. Aber grundsätzlich suchen junge Zuschauer wie Erwachsene in der Kunst die Konfrontation mit neuen, anderen Erfahrungen. Kinder und Jugendliche sind dafür sogar offener.

Offener auch für neuartige Interpretationen eines Klassikers wie der «Zauberflöte»?

Diese Offenheit geht viel weiter. Ich veranstalte in Belgien und insgesamt in elf Städten in Eu­ropa ein Festival mit neuer Musik für Kinder. Da spielen wir Musik von Komponisten wie John Cage oder Luciano Berio, bei der viele Eltern denken, das sei zu schwierig für Kinder. Aber diese finden dazu unmittelbar einen Zugang, weil sie sich ohne Vorurteile einfach auf die Klänge einlassen.

Aber die «Zauberflöte» gilt als kindertauglich wegen ihrer Papageno-Lieder und der Märchenelemente. Wie profitieren Sie da von der Offenheit der Kinder?

Das Schöne bei Kindern ist, dass sie anders als viele Erwachsene nicht meinen, sie müssten alles verstehen. Kinder brauchen keinen linearen Plot mit Happy End, da darf es Lücken und – wie in der «Zauberflöte» – Widersprüche geben. Das gilt wohl erst recht für heutige Jugendliche, die das Zapping auf allen Kanälen gewohnt sind.

Das Theater kündigt Ihre «Zau­berflöte» als «Bilderbogen für die ganze Familie» an. Gibt es kein Happy End, wenn die Liebespaare in Sarastros Reich zusammenfinden?

Nein, sicher nicht! (lacht) Märchen kennen ja auch nicht immer ein Happy End. Eine meiner stärksten Kindheitserinnerungen ist diesbezüglich der Film «Bambi». Ich weiss noch, wie ich weinen musste, als Bambis Mutter starb. Kunst soll vor allem be­wegen, und es wäre verlogen, wenn sie – Kindern oder Erwachsenen – immer bloss eine heile Welt vorgaukeln würde.

Was verhindert in Ihrer Inszenierung das Happy End?

Als ich das Libretto studierte, war ich fassungslos, wie viele sexis­tische und rassistische Äusserungen sich darin finden und dass man diese oft auch heute noch kritiklos auf die Bühne bringt. Für mich wurde klar, dass Sarastro nicht einfach die gute Vaterfigur sein kann, als die er sich feiern lässt, und dass man auch seine andere Seite zeigen muss.

Welche Seite ist das?

Sarastro steht im Stück zwar für hehre Ideale wie Weisheit oder Vergebung. Aber er ist bereit, für diese Ideale zu foltern, einer Mutter ihr Kind zu rauben und diese Mutter, die Königin der Nacht, zu vernichten, wie er überhaupt die Frauen deklassiert. Das sind Extrempositionen, wie wir sie heute von Fundamentalisten wie dem IS oder Boko Haram kennen.

Muss man da auf der Bühne statt bunter Vögel Terroristen erwarten?

Nein, nein, das ist nur eine von vielen Deutungsmöglichkeiten – eine Qualität der «Zauberflöte» liegt ja darin, dass sie ganz unterschiedliche Interpretationen zulässt. Eine Inszenierung muss diese Vielfalt für den Zuschauer mit zulassen und auch die Symbole und Bilder nutzen, mit denen das Werk spielt und die Teil seines Unterhaltungswerts sind. So bleibt die gewalttätig-fundamentalistische Seite von Sarastros Männerbund bei uns zwar in der Ausstattung präsent. Aber ständig mit dem Zeigefinger darauf hinzuweisen – das wäre Unsinn.

Die «Zauberflöte» ist ein Werk der Aufklärung. Was bleibt davon übrig, wenn diese dialektisch ins Negative kippt?

Es gibt die humanistischen Ide­ale im Stück, aber gelebt werden sie nicht von Sarastro, sondern von Pamina! Sie stellt menschlich-moralische Prinzipien über alles. Selbst gegenüber ihrer Mutter verweigert sie den Mordversuch an Sarastro, zu dem diese sie anstiften will. Tamino, der sie aus Sarastros Gefangenschaft befreien will, lässt sich dagegen vom Männerbund instrumentalisieren. Dass es ausgerechnet eine Frau ist, die die von Sarastro vertretenen Ideale verteidigt, macht dessen sexistische Abwertung der Frauen erst recht absurd. Die haben wir deshalb bewusst drin gelassen. Nur die rassistischen Elemente haben wir heraus­gestrichen.

Die «Zauberflöte» ist ein Coming-of-Age-Stück, schreiben Sie. Verkörpern Pamina und Tamino darin zwei un­terschiedliche Muster des Erwachsenwerdens?

Pamina verkörpert einen jugendlichen Idealismus, der sich noch nicht von Ideologien und Institutionen vereinnahmen liess. Ta­mino dagegen ist der Typ Jugendlicher, den das Geltungsbedürfnis verführbar macht durch fundamentalistische Gruppen, die jungen Menschen versprechen, sie könnten ihrem Leben einen Sinn und Bedeutung geben.

Zum Glück gibt es mit dem Papageno auch dafür eine Gegenfigur. Ist er bei Ihnen trotz allem ein Vogelmensch zum Knuddeln?

Papageno steht im Grunde Pa­mina nahe, weil er natürliche Bedürfnisse wie Sexualität, Essen und Trinken über alle Ideologien stellt. Das macht ihn ja auch uns Zuschauern sympathisch. Aber ein Federkleid hat er bei uns nicht! Er will ja im Stück ausdrücklich als Mensch wahrgenommen werden. Und auch er hat sein Geltungsbedürfnis, wenn er damit prahlt, dass ihn alle kennen, so, als wollten auch alle Mädchen ihn haben. Ein bisschen erinnert er an Teenager, die Idolen nacheifern wie Popstars. Und die ein bisschen komisch wirken, weil ihnen das nicht richtig gelingt.

Eine Märchenoper ist die «Zauberflöte» auch dank der heute exotisch anmutenden freimaurerischen Symbole und Rituale. Welche Rolle spielen diese für Sie?

Ich habe die Rituale recherchiert, wie sie Mozart selber miterlebt hat, und interessante Bezüge zu anderen Initiationsriten gefunden. Im Amazonasgebiet etwa setzen sich Indianer mit pflanzlichen Drogen in einen Zustand, in dem sie Angehörige halb als Menschen, halb als Tiere wahrnehmen.

Also gibt es Schlangen, Vögel und andere Tiere?

Ja, sie spielen in unserer «Zauberflöte» von Anfang an eine wichtige Rolle als Teil des Initiations- und Prüfungsrituals. Denn dieses beginnt bei uns nicht erst im zweiten Teil, sondern bereits mit der Ouvertüre, die ja mit den drei Orchesterschlägen bereits ein freimaurerisches Symbol setzt. Das ist die einzige Änderung, die wir mit einer kleinen Umstellung vornehmen: Das ganze Stück spielt innerhalb des Herrschaftsbereichs von Sarastro. Das rückt nicht nur das Thema der fundamentalistischen Manipulation ins Zentrum. Es spannt auch über den Konzeptionswandel vom ersten zum zweiten Teil einen Bogen über das ganze Stück hinweg.

Interview: Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch