Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Anekdoten mit Widerhaken: Das neue Buch von Maarten t'Haart in unserer Kritik

Der niederländische Bestsellerautor Maarten t’Haart stellt mit federleichtem Ton tiefe Fragen und setzt Menschen in Szene, die man gerne kennen gelernt hätte.
Valeria Heintges

Es ist dieser Tonfall: federleicht, ein wenig ironisch, humorvoll, präzise. Und deutlich, wo es sein muss. Ein Autor, der eine Erzählung «Scheissprotestanten» nennt, der schreckt vor drastischen Worten nicht zurück. Aber ist nicht auch das Leben manchmal drastisch? Und schliesslich ist der Icherzähler fein heraus – nicht er benutzt das derbe Wort, vielmehr, so die Erzählung, schleudert es ihm ein unzufriedener Leser entgegen. Und wir wissen ja mittlerweile zur Genüge, dass sich Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, heutzutage einiges anhören müssen.

Maarten t´Haart steht in der Öffentlichkeit, seit er 1997 mit «Das Wüten der ganzen Welt» einen Bestseller gelandet hat und viele der 19 nachfolgenden Werke Verkaufsschlager wurden. Er steht da allerdings nicht immer gerne, wie er mit einigen der Erzählungen in «So viele Hähne, so nah am Haus» zeigt. Da wird er mal als Autor zu Unrecht beschimpft, mal mit einem Kollegen verwechselt, mal in seiner Ruhe gestört, wenn die Nachbarin in seinem Garten Hanf anpflanzt. Und auch mal von nervigen Fernsehleuten für Filme vor die Kamera gestellt, die dann hinterher doch keiner sehen will.

Komisch-melancholischer Alterssex

Viele Erzählungen beginnen harmlos, beiläufig sogar. Und steigern sich dann, werfen tiefe Fragen auf, moralische, auch metaphysische. Und weil der Icherzähler mit seinem Autor doch sehr verwandt ist, drehen viele Fragen auch ins Musikalische. Ohne Hymnen auf Bach, Beethoven und Mozart kommen nur wenige t´Haart-Bücher aus. Auch in mehreren der aktuellen Erzählungen geht es darum, dass der Icherzähler – wie sein Autor – Organist ist. Einmal, in «Die Mutter Ikabods», der Titelgeschichte des niederländischen Originals, muss er vor einer leeren Kirche spielen. Es wird, so viel sei verraten, ein schöner, sogar ein «selten erbaulicher» Gottesdienst. Einer auf jeden Fall, an den sich alle noch lange erinnern.

Nicht an alle der 18 Erzählungen wird sich der Leser lange erinnern. Manche sind ein bisschen beliebig, ähneln mehr Anekdoten als Erzählungen. Andere aber bleiben mit Widerhaken im Gedächtnis kleben. Etwa «Der Wiegestuhl», in dem der Icherzähler mit grosser Offenheit von einem Besuch in Schweden berichtet, inklusive Lesung und Treffen mit der schwedischen Übersetzerin. Die wirkt zunächst unansehnlich, der Schreiber versteigt sich zur Bemerkung:

«Hätten sie nicht eine etwas schönere Frau schicken können?»

Doch erliegt er langsam, aber sehr, sehr sicher den Reizen dieser Frau. Mit feinen, kleinen Bemerkungen beschreibt t’Haart, wie sich das Verhältnis wandelt, wie sie nicht mehr «bekannter Autor» und «eine von vielen Übersetzerinnen» sind, sondern sich auf Augenhöhe begegnen und nahekommen. Traurig und optimistisch, schön und schrecklich zugleich wird das Treffen werden.

Persönlicher Favorit: die Erzählung «Im Kasino». Selten wohl wurde so ungezwungen und frei, so komisch, melancholisch und verwirrend über das heikle Thema «Sex im Alter» geschrieben. Man mag nicht zu viel verraten. Vielleicht noch, dass hier t´Haart eine wunderbar selbstständige 87-Jährige schildert, im Leben stehend und doch dem Tod nah. Man wünscht sich, dass sie wirklich auf diesem Erdenrund wandelt und dem Autoren begegnet ist. Gerne hätte man sie selbst kennen gelernt.

Maarten t'Haart: So viele Hähne, so nah beim Haus. Erzählungen. Piper Verlag, 283 S., Fr. 34.-

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.